Fotos vom Rocco del Schlacko 2019 - Festivaldonnerstag (Foto: UNSERDING/Christian Walter)

Ein Blick hinter die Rocco Del Schlacko-Bühne

Jonas Krewel   10.08.2019 | 21:17 Uhr

Während nahezu 27.000 Menschen ausgelassen feierten, arbeitete er. Mehr noch: Thilo Ziegler und sein Team aus Festangestellten, Freiberuflern und Nebenjobbern arbeiteten, damit 27.000 Menschen überhaupt erst feiern konnten.

Ziegler ist der kaufmännische und kreative Kopf hinter dem Püttlinger Rocco Del Schlacko, dem saarländischen Mekka für alle Festivalgänger. Was vor 21 Jahren auf einer Bretterbühne des HSV Victoria 1969 Püttlingen vor rund 600 Besuchern begann, hat sich zu einem der beliebtesten Festivals im Südwesten Deutschlands entwickelt. Unterwegs vor und hinter einer 320 Tonnen schweren und 40 Meter breiten Bühne inmitten des Sauwasen.

Festivalauftakt mit den Fantastischen Vier

Festival hat begonnen
Auftakt beim Rocco del Schlacko

Thomas D, Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon scheinen sich auf der Bühne fast ein bisschen zu genieren, ihren alten Gassenhauer aus den Neunzigern auszupacken. Aber genau 30 Jahre nach Bandgründung der Fantastischen Vier besteht kein Zweifel: n Hit isn Hit isn Hit isn Hit. D zückt stilecht sein einstiges Markenzeichen, die markante weiße, geradlinige Brille und der ganze Sauwasen rappt: „Die da?!“ – und zwar Silbe für Silbe.

Die leicht bekleideten Fans – einige bieten fürsorglicherweise „free hugs“ an – stehen dicht gedrängt vor der Bühne, die Zapfhähne an den Gastro-Ständen scheinen regelrecht durchzulaufen, und alle tanzen, schwitzen, singen, lachen und feiern einen Festivalauftakt wie aus dem Bilderbuch. Bei immer noch angenehmen 22 Grad und einer langsam untergehenden Sonne.

Die Fantas geben sich an diesem Rocco-Donnerstag bereits zum dritten Mal die Ehre und fühlen sich offenkundig sehr wohl unter tausenden Saarländern. Mit den Donots aber, die am Freitag schon zum achten Mal zu Gast sind, können sie noch nicht mithalten. Sie scheinen untrennbar mit dem Erwachsenwerden des Roccos verbunden zu sein, spielten sogar schon 2004 auf, als Ziegler sein Festival erstmalig vom HSV-Sportgelände auf den Köllner Platz in Püttlingen verlegt hatte und an den Sauwasen noch gar nicht zu denken war. „Das ist einfach ein Dauer-Gag“, sagt der Festivalleiter. „Sie kommen, wann immer sie Lust dazu haben! Was für Rock am Ring die Hosen sind, sind für uns die Donots!“

Unzählige Entscheidungen

Apropos Hosen: Die Toten Hosen sind neben vielen weiteren Hochkarätern des Live-Geschäfts einer der Gründe für den diesjährigen Besucherrekord. Die Entscheidung, ein gewisses Kontingent an Drei-Tages-Pässen in Tagestickets aufzulösen, habe auf der Hand gelegen, erklärt Ziegler.

Nur eine von unzähligen Entscheidungen, Kompromissen, Auflagen und Vertragsklauseln, die der gebürtige Köllerbacher und seine Mannschaft von 4plus1 am Tag selbst und weit im Voraus im Blick haben müssen. Es geht um Lärmimmissionen, Barrierefreiheit, Elektro- und Wasserinstallation, Zeltebau – um nur einige der für die Festivalbesucher auf den ersten Blick gar nicht sichtbaren Dinge zu nennen. Bis es überhaupt zum vermeintlich Wesentlichen wie Ton- und Veranstaltungstechnik, den Gastro-Teams, Security-Diensten und natürlich der in diesem Jahr – auch Rekord – 40 Meter breiten und 19 Meter hohen Bühne mit riesengroßen Videowalls kommt, arbeiten vor Ort allein schon 40 Menschen mit etlichen Baumaschinen Wochen zuvor darauf hin.

Bis zu 2000 Menschen pro Tag im Einsatz

Beim Festival selbst seien pro Tag grob geschätzt bis zu 2000 Menschen im Einsatz, sagt Ziegler. Er zählt seine eigenen Bühnenhelfer auf, die sogenannten Stagehands, seine Techniker, die Caterer für die Künstler, die Caterer für die Helfer, die Hilfsverbände und, und, und – die Liste ist lang. „Zusätzlich bringt eine Band je nach Größe und Status bis zu 75 Personen mit, um den Auftritt hier einzubauen und zu organisieren. Hier laufen also 650 Menschen backstage rum, die ich gar nicht kenne“, lacht er. „Bis auf diejenigen, mit denen ich natürlich ständig im Kontakt stehe“.

Und mit diesem Kontakt steht und fällt das Festival, jedes Festival: die Künstlerakquise. Hört sich nach drei E-Mails und zwei Vertragsunterschriften an. Das Gegenteil ist aber der Fall. Sie ist die Königsdisziplin.

Betrachtet man die gesamte Vorbereitungszeit von 18 Monaten für das dreitägige Festival, nimmt die meiste Zeit das Booking der rund 35 Bands und Solo-Künstler ein. „Das Festival heute ist gerade erst angelaufen, aber ich habe jetzt schon unumkehrbare Entscheidungen für das Folgejahr getroffen“, so Ziegler. „Einige Verträge sind schon unterschrieben!“ 18 Monate für drei Tage – und das neben der vielen Konzerte, die 4plus1 darüber hinaus als einer der erfolgreichsten Konzertveranstalter des Südwestens auf die Beine stellt. „Das läuft alles parallel. Jede Veranstaltung hat seinen zeitlichen Vorlauf, nach dem genau definiert ist, wann was zu tun ist.“ Freizeit hört sich hier nach einem knappen Gut an. Denn der Konkurrenzdruck im nationalen und internationalen Bereich ist hoch. Zumal er sich mitunter gegen börsennotierte Konzerne durchsetzen müsse.  Dennoch, so betont er, sei er nach 21 Jahren immer noch sehr dankbar, diesen Beruf ausüben zu dürfen.

Steigende Besucherzahlen

Der Sauwasen ist Acker und Wald, 38 Hektar Fläche umringt von rund zehn Kilometer Bauzaun. Unwetter macht die ganze Sache dreckig und ungemütlich. Und das Wetter meint es nicht immer so gut mit den Besuchern wie am Donnerstagabend bei den Fantastischen Vier und den Subways. 2015 zum Beispiel, als sintflutartige Regenschauer und heftige Gewitter den Headliner-Auftritt von Marteria zum Abbruch zwangen. Die Festivalfans scheint das nicht weiter zu beeindrucken.

Die Besucherzahlen steigen, das Line-Up in diesem Jahr stilistisch noch offener, etwa mit Scooter, die für die kurzfristig ausgefallenen Good Charlotte eingesprungen sind. Harter Techno ersetzt Pop-Punk. Das mag irritierend klingen, die Fans nehmen es hingegen gelassen. Im Gegenteil: Scooter für einige jetzt schon das Highlight des Festivals, ohne auch nur das erste Riff der Hosen oder von The Offspring an diesem Wochenende gehört zu haben.

Keine Expansion trotz Besucherrekord

Denn beim Rocco geht es nicht um Genre-Grabenkämpfe. Glaubhaftigkeit muss es sich selbst, der Industrie und erst recht nicht mehr den Besuchern beweisen. Was zählt, ist das Lebensgefühl, das an diesen drei Tagen im August von fast 27.000 Menschen aus dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Frankreich geteilt wird, die Community und die abgefahrene Party, die meist friedlich und ohne größere Zwischenfälle, gefeiert wird. Das rechtfertigt den Erfolg.

Und dennoch: Die Zeichen stehen nicht auf Expansion. „Unsere Philosophie, unser Glaube ist, dass die Anzahl der Besucher nicht die Qualität eines Festivals ausmacht“, sagt Thilo Ziegler. „Vielleicht kann man ja bei uns sogar von einer Exklusivität für den Besucher reden, weil es vielleicht auch toll ist, wenn man irgendwo das Ende des Geländes erkennen kann und 40 Meter näher an der Bühne stehen kann und nicht hinter der siebten Videowall.“

Videowalls gibt’s es beim Rocco Del Schlacko tatsächlich nur auf und neben der Bühne. Am Freitagabend haben die die Toten Hosen zum Einsturz gebracht – im übertragenen Sinne versteht sich. Wer keine große Lust auf die Hosen hatte, ging zu Megaloh oder 102 Boyz auf den benachbarten Ponyhof. Danach trank man gemeinsam Bier. Das Lebensgefühl zählt!

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