Mario Adorf beim Filmfestival Max Ophüls-Preis (Foto: SR)

Gegen das Vergessen

Felicitas Fehrer   28.01.2018 | 10:22 Uhr

Schauspiellegende Mario Adorf ist der diesjährige Ehrengast des Max Ophüls Festivals. Eine vierteilige Filmreihe würdigt seine herausragende Arbeit. In einem Werkstattgespräch im Saarbrücker Kino Camera Zwo verrät er, warum er von der heutigen Fernsehkultur nicht viel hält und wieso er sich nicht mit seinen Schauspielrollen identifizieren möchte.

Niemandem stehen böse Grimassen so gut wie ihm: Mario Adorf schreibt seit Jahrzehnten Kinogeschichte. Ob als kaltblütiger Schurke in Winnetou oder als einfach gestrickter Alfred Matzerat in „Die Blechtrommel“ - der 87-jährige Schauspieler begeistert seit geraumer Zeit ein Millionenpublikum.

Filme gegen das Vergessen

In seinem Film „Der letzte Mentsch“, der am Freitag im Rahmen des Max Ophüls Festivals gezeigt wurde, spielt Adorf einen Juden, der als Kind den Holocaust überlebt hat und später einen deutschen Namen annimmt, um seine Umgebung nicht mit der Erinnerung zu belasten. „Ich finde es wichtig, dass ein solcher Film gemacht wird“, sagt Adorf. Er selbst hat als Zeitzeuge die Kristallnacht erlebt – und erinnert sich noch sehr genau an diese furchtbare Zeit. „Dass ich damals selbst betroffen war, erklärt vielleicht mein späteres Engagement gegen das Vergessen.“

Ein Grandseigneur des deutschen Films

Aber ist der Film ein gutes Medium um das Vergessen zu verhindern? „Er könnte es sein“, sagt Adorf. „Schaut man sich allerdings das heutige Fernsehprogramm an, fällt auf: Da wird viel zu wenig getan.“ Stattdessen würde sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer mehr in einen Konkurrenzkampf mit Privatsendern stürzen. Adorf selbst kennt das Medium Fernsehen noch aus den Kinderschuhen. „In den 50er Jahren fand ich das Fernsehen großartig und inspirierend. Da liefen zur Prime Time noch echte Klassiker.“ Heute sei die Entwicklung der Fernsehkultur gesunken. „Schöne und vor allem wichtige Filme werden irgendwann nachts gezeigt. Um 20.15 Uhr laufen irgendwelche Talkshows. Davon bin ich ein starker Kritiker.“

In Rolle hineinwachsen

Nach seinem Studium in Mainz und der Ausbildung an der Münchner Schauspielschule spielte er in verschiedenen Theaterrollen mit. Damit hat er auch später, zu seinen filmischen Erfolgszeiten, nicht aufgehört. „Ich habe neben meinen Filmrollen immer wieder Theater gespielt, um nicht zu verlernen, wie es ist, eine Rolle über einen langen Zeitraum hinweg zu entwickeln“, so Adorf. Beim Fernsehen hätte man nicht die Chance, in seine Rolle „hineinzuwachsen“.

Sieht man Adorf auf der Leinwand, gerade wenn er leidet, dann spürt man förmlich die Emotionen. Das lässt Zuschauer oft glauben, er identifiziere sich stark mit seinen Rollen, um sich richtig in sie hineinzuversetzen. Doch das tut er, laut eigenen Aussagen, nicht. „Ich wurde am Theater anders erzogen. Ich bin noch unter dem Einfluss von Brecht großgeworden – das hieß, dass man eine Rolle darstellen muss und nicht, dass man sie werden muss.“

„Das hätte es früher nicht gegeben“

Beim Max Ophüls Festival sind viele Regisseure und Schauspieler – einige davon noch sehr jung. Das macht Adorf fast ein bisschen neidisch: „Wir wären damals mit 25 nie auf den Gedanken gekommen, Regisseur zu werden. Das waren damals alte, gestandene Männer. Für uns war das damals unmöglich. Jetzt im Nachhinein beneide ich die jungen Leute ein bisschen.“ Er und seine Klassenkameraden hätten damals nach der Schule nicht gewusst, was man überhaupt werden konnte. Adorf erinnert sich an ein Jubiläumstreffen mit ehemaligen Schulkameraden: „Das war 25 Jahre nach der Schule. Da haben alle zu mir gesagt: Dass du Schauspieler wirst, war uns von Anfang an klar. ‚Na klasse’, sagte ich, ‚Und warum hat mir das keiner gesagt?’.“