Oliver Hottong (Foto: SR)

"Es geht nicht um Gerechtigkeit"

Ein Interview von Katrin König   26.01.2018 | 08:40 Uhr

Seit drei Jahren ist SR-Journalist Oliver Hottong Mitglied der Drehbuchjury. Das bedeutet vor allem viel lesen und viele Gespräche mit den Jurykollegen. Dabei bekommt er auch Einblicke in strukturelle Probleme der Branche.


SR.de: Die Aufgabe der Drehbuchjury ist es, das beste Drehbuch zu benennen. Das heißt: Ihr lest die Drehbücher, schaut euch die Filme aber auch im Kino an. Gibt es einen Unterschied zwischen Drehbuch und fertigem Film?

Oliver Hottong: Ja, ganz klar. Lustigerweise würde ich den Satz 'Alles, was ein guter Film braucht, ist ein gutes Drehbuch' nur bedingt unterschreiben. Ich habe schon erlebt, dass eine Inszenierung ein mäßiges Drehbuch überragen und zu einem recht guten Film machen kann. Umgekehrt kam es aber auch schon vor, dass man in einem Drehbuch eine gewisse szenische Virtuosität, eine Sicherheit und einen gewissen Ideenreichtum gelesen hat, was sich im fertigen Film dann aber so nicht wiederfand.

SR.de: Du schaust dir die Filme gemeinsam mit deinen Jurykollegen auch im Kino an. Lässt du dich gar nicht von der Musik, der Stimmung oder von attraktiven Schauspielern beeinflussen?

Hottong: Letztlich ist der inszenierte Film in gewisser Weise die Endfassung des Drehbuchs. Schnitt und Montage fließen schon irgendwie in die Bewertung ein. Und manchmal sieht man dem fertigen Film an, dass Stellen, die man im Drehbuch gut fand, auf der Leinwand einfach nicht funktionieren.

Natürlich lasse ich mich auch von Oberflächlichkeiten beeinflussen

Deshalb ist das Anschauen des Films schon wichtig. Aber während meiner Tätigkeit als Juror war es bisher immer so, dass der Preis an ein Drehbuch gegangen ist, bei dem während des Lesens etwas mit mir passiert ist. Aber ja, natürlich lasse ich mich auch von Oberflächlichkeiten beeinflussen, denn es ist Kino!

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SR.de: Lass uns über deine Juror-Tätigkeit sprechen. Wann fängst du an die Drehbücher zu lesen und wie lange brauchst du für ein Buch?

Hottong: Die Drehbuchlektüre bei mir dauert mindestens eine Stunde länger als der Film ist - ich lese langsam.

SR.de: Nur eine Stunde länger?

Hottong: Es ist so: Wenn das Buch viel auf Dialog beruht, ist man meistens ein bisschen schneller als der Film. Wenn im Buch viele Anweisungen und filmische Dinge vermerkt sind, dann dauert es etwas länger. Die Kunst besteht darin, so früh zu lesen, dass man vor dem Festival nicht in Stress kommt, aber wiederum so spät zu lesen, dass man kein Gedächtnisproblem hat und sich an die Filme erinnern kann. Wie beim Film: Timing, timing, timing!

SR.de: Gutes Stichwort: Bei vielen Filmen hat man den Eindruck, dass ihnen zwischendurch die Puste ausgeht, der Stoff aber gut für einen mittellangen Film geeignet wäre. Kannst du aus einem Drehbuch auch gewisse Längen rauslesen oder langweilen dich manche sogar?

Wie bewertet die Jury?
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Hottong: Ich habe beim Lesen eine Routine entwickelt: Alle 20 Seiten mache ich was anderes, checke Mails, mach mir einen Tee, gucke auf gut deutsch, was die Blase so macht. Und wenn ich merke, dass ich nach Seite 20, 40 und 60 Bock habe weiterzulesen, dann ist das schon mal ein gutes Zeichen. Und es gibt auch Bücher, von denen ich denke, dass der Film nach einer Stunde vorbeisein müsste.

Aber das Problem existiert und ist ein grundsätzliches. Ich glaube diese Filme haben oft die Normlänge, weil sie von Institutionen gefördert werden, die beispielsweise Programmplätze besetzen müssen. Es gibt einfach wenig Formate, bei denen man sagt, nach einer Stunde ist Schicht. Die Finanzierung von Nachwuchsfilmen in Deutschland ist ein Problem. Häufig ist es so, dass es ein erzählerisches Konditionsproblem gibt, sobald Menschen, die vorher eigentlich fetzige, packende und hoffnungsvolle Kurzfilme gemacht haben, in dieses 90 Minuten-Format gestoßen werden.

Es ist immer noch so, dass vor allem Filme gefördert werden, die ein förderungswürdiges Thema haben

Außerdem stellt sich beim Thema Langeweile die Frage: Wie viel erzählerische Verführung gönnt sich ein deutscher Film? Denn es ist immer noch so, dass vor allem Filme gefördert werden, die ein förderungswürdiges Thema haben. Das führt dazu, dass die Botschaft das Wichtigste ist und erst danach wird das handwerkliche drangepappt. Während die Amerikaner sagen, dass die erzählerische Verführung im Vordergrund stehen muss - die Botschaft wird einem dann so mitgegeben.

SR.de: Seid ihr euch innerhalb der Jury eigentlich immer einig?

Hottong: Dieses Juryprinzip, sich im Diskurs gegenseitig zu befruchten, ist sehr spannend. Und für einen selbst ist es manchmal auch ganz gut, wenn jemand Dinge ganz anders sieht, weil das das eigene Denken größer macht. Man muss aber wissen: Juryentscheidungen haben immer zwangsläufig auch einen Makel. Denn wenn Filme spalten, ist das zwar eine Qualität und spannend - aber es ist eine ganz blöde Situation für eine Jury.

Wenn man am Ende leer ausgeht, heißt das noch lange nicht, dass man nichts kann.

Filme, die polarisieren, haben häufig keine Chance, wohingegen "Everybodys darling" oft den Durchmarsch macht - oder aber der Film, mit dem alle irgendwie leben können. Auch wenn Jurys mit erfahrenen Experten besetzt sind: Bitte glaube niemand an Gerechtigkeit. Es geht um eine Kunstrichtung, um Subjektivität und um Befindlichkeiten der Jurymitlieder. Wenn man am Ende leer ausgeht, heißt das also noch lange nicht, dass man nichts kann.


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