Hagazussa (Foto: Deutsche Film-und Fernsehakademie Berlin (dffb))

Hagazussa

Eine Rezension von Rick Reitler   24.01.2018 | 20:00 Uhr

Einsamkeit, Angst, Aberglauben und verbotene Begierden – das sind die finsteren Mächte, denen sich die junge Ziegenhirtin Albrun in den Alpen des späten Mittelalters stellen muss. Lukas Feigelfeld liefert mit seiner Horror-Meditation "Hagazussa" eine verstörende Variante der Vertreibung aus dem Paradies.

Bewertung: 1 von 3 Herzen

Hagazussa oder Hagezusse – diese Worte stammen aus dem Althochdeutschen des Mittelalters und bedeuten so viel wie "Frau, die hinter den Hecken hervorschaut" oder schlicht "pflanzenkundige Frau". Später kam dafür der Ausdruck "Hexe" in Mode. Doch mit dem Wandel des Wortes veränderte sich auch seine Bedeutung. Doch mit dem Wandel des Wortes veränderte sich auch seine Bedeutung: Einst eine in der Dorfgemeinschaft für ihre Kräutertränke und Geburtshilfe-Kenntnisse geachtete Naturheilkundlerin, wird die Hagazussa irgendwann zur eigenbrötlerischen Giftmischerin abgestempelt.

Horror-Meditation in alpiner Berglandschaft

Irgendwann in dieser vor-aufklärerischen Zeit des 15. Jahrhunderts spielt auch Lukas Feigelfelds Horror-Meditation "Hagazussa" inmitten einer bettelarmen, alpinen Berglandschaft. Ob die Titelheldin tatsächlich über medizinisches Geheimwissen verfügt, darf allerdings bezweifelt werden: Als Mädchen (Celina Peter) gelingt es ihr nicht, die offenbar schwerkranke Mutter (Claudia Martini) zu retten.

Und auch später, als alleinerziehende junge Ziegenbäuerin (Aleksandra Cwen), hat sie mit dem Füttern und Pflegen ihres Töchterchens ihre Schwierigkeiten – ebenso wie mit der Einsamkeit der Bergwälder, der harten Alltagsarbeit und den gelegentlichen, bedrohlichen Attacken der spärlichen Dorfbewohnerschar. In dieser Atmosphäre vermögen selbst die flüchtige Bekanntschaft mit der etwas aufgeschlosseneren Nachbarin Swinda (Tanja Petrovsky) und die Worte des Pfarrers die Seele der jungen Frau nicht vor der Höllenfahrt zu bewahren.

Finsterer, wortkarger Psychotrip

Welche Mächte genau schließlich für ihr allmähliches Abgleiten in den Abgrund verantwortlich sind, bleibt dabei ziemlich vage. Vertraut man aber den sexuell und religiös stark aufgeladenen Symbolbildern von Milch und Blut, Ziegen und Schlangen, Äpfeln und Pilzen, so erzählt Feigelfeld schlicht die bittere Geschichte einer Vertreibung aus dem Paradies, die hier offensichtlich viel mit Einsamkeit, Angst, Aberglauben und verbotener Begierde zu tun hat.

Für seinen finsteren, wortkargen Psychotrip hat Feigelfeld das Zusammenspiel von Kamera (Mariel Baqueiro), Schnitt (Jörg Volkmar) und Ton (Sven Mühlender, Niklas Kammertöns) virtuos ausgeklügelt. Die sparsam eingesetzten Schockmomente und das erschütternde Finale tun ihr Übriges. Am Ende hat man jedenfalls einen in seiner artifiziellen Intensität verstörenden Horrorfilm hinter sich gebracht: quälend langsam, hypnotisch, düster, eklig, nekrophil, grausam – und schwer zu ertragen.

Regie: Lukas Feigelfeld
Deutschland, Österreich 2017

Spielfilme im Wettbewerb
16 Produktionen treten in der kommenden Ausgabe des Filmfestivals Max Ophüls Preis in der Kategorie "Spielfilm" an. Die Hälfte der Filme wird in Saarbrücken uraufgeführt, die andere Hälfte sind deutsche Erstaufführungen. Insgesamt werden in dieser Kategorie sieben Preise vergeben.

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