Bjarne Mädel und Isa Prahl über „1000 Arten, Regen zu beschreiben“

1000 Arten Regen zu beschreiben

Eine Rezension von Rick Reitler   22.01.2018 | 20:00 Uhr

Eine brave Mittelstandsfamilie versucht mit der Tatsache klarzukommen, dass sich der eben erst volljährige Sohn konsequent jeglicher Kommunikation verweigert. Zähes Problemkino mit krassen logischen Brüchen.

Bewertung: 1 von 3 Herzen

Audio [SR 2, Florian Mayer, 26.01.2018, Länge: 03:30 Min.]
SR 2-Filmtipp: "1000 Arten Regen zu beschreiben"

"Manche von uns wollen allein sein." Wie Greta Garbo zieht der eben volljährig gewordene Mike die Einsamkeit eines kleinen Zimmers den Herausforderungen der Welt vor. Während der Hollywood-Diva aber vor allem daran gelegen war, die Gegenwart von Paparazzi und Journalisten zu meiden, graust es Mike (nie wirklich scharf im Bild: Béla Gabor Lenz) schon vor seiner eigenen Familie. Bereits vor Wochen hat er also die Tür zu seinem Jugendzimmer im Vorort-Haus der Eltern von innen abgeschlossen und weigert sich strikt und stumm, herauszukommen. Seitdem hat ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen. Nur ab und zu dreht Mike die Stereoanlage auf oder schiebt kleine Zettel unter der Tür durch, auf denen er aber lediglich die Regenwahrscheinlichkeit an irgendeinem Ort des Planeten gekritzelt hat.

Krisenbewältigung innerhalb der Familie

1000 Arten, Regen zu beschreiben: "Perspektive der Familie eingenommen"
Ein Film, in dem man die Hauptperson nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommt. Regisseurin Isa Prahl erzählt, dass "Mike" sehr wohl mal vorgesehen war, warum sie sich aber dagegen entschieden hat, ihn zu zeigen. Welche Gefühle die Rolle des Vaters in dem Film hatte, erklärt Darsteller Bjarne Mädel.

Ist Mike verrückt geworden? Psychisch krank? Nein, sagt der Psychiater. Kann man ihn nicht mithilfe der Staatsgewalt ins Leben zurückholen? Nein, sagt die Polizei. Als 18-Jährigem steht es Mike frei, sich so lange zu verschanzen wie er will. Also bleibt Vater Thomas (Bjarne Mädel bekannt aus "Der Tatortreiniger" und "Stromberg"), Mutter Susanne (Bibiana Beglau) und Teenie-Schwester Miri (Emma Bading) nichts anderes übrig, als mit Engelszungen durch die Tür auf den Eremiten einzureden, um ihn vielleicht doch noch aus seiner Höhle zu locken.

Das erste Rätsel des Films ist selbstverständlich, wer oder was Mike zu seiner konsequenten Verweigerungshaltung getrieben hat. Doch Regisseurin Isa Prahl interessiert sich überraschenderweise nicht im Mindesten für die Beantwortung dieser Frage. Sie lenkt ihre ganze Aufmerksamkeit stattdessen auf das weit weniger bohrende Problem, wie die übrigen drei Familienmitglieder mit der Krisensituation fertig werden. Ohne allzu viel zu verraten: Jeder sucht für sich allein - mehr schlecht als recht - eine individuelle Lösung. Irgendwie.

Die SR-Talks am Dienstag

Ambitionierte Seelenschau mit logischen Brüchen

Video [SR.de, 25.01.2018, Länge: 02:23 Min.]
Currywurstreport mit Bjarne Mädel
Warum spielt Bjarne Mädel – der schon durch Film und Fernsehen bekannt und erfolgreich ist – noch in Nachwuchsfilmen mit? Das hat er beim Currywurstreport mit Fee Fehrer verraten. Außerdem erklärt er, inwiefern er sich mit der Rolle des Vaters im Film "1000 Arten Regen zu beschreiben" identifizieren konnte.

Auch die zweite, von Anfang an auf der Hand liegende Frage wird völlig ignoriert. Warum um alles in der Welt bricht die Familie nicht einfach die Kinderzimmertür auf und macht dem Spuk ein Ende? Warum ist der Vater nicht wenigstens dann zur Stelle, wenn Mike die Tür öffnet, um die brav angelieferten Schnittchenteller seiner Mutter zu bunkern? Und warum fällt dem guten Mike niemand in den Arm, wenn er heimlich aufs Klo geht oder seine Pissflasche aus dem Türspalt hievt?

So ambitioniert die dunkle Seelenschau der Mittelstandsfamilie (Buch: Karin Kaci) auch gedacht sein mochte: Wenn ein Film mit derart krassen logischen Brüchen überfrachtet wird, dürfen sich seine Schöpfer auch nicht wundern, wenn es schwerfällt, Anteilnahme für ihre gequälten Figuren zu entwickeln.

Regie: Isa Prahl
Deutschland 2017

Spielfilme im Wettbewerb
16 Produktionen treten in der kommenden Ausgabe des Filmfestivals Max Ophüls Preis in der Kategorie "Spielfilm" an. Die Hälfte der Filme wird in Saarbrücken uraufgeführt, die andere Hälfte sind deutsche Erstaufführungen. Insgesamt werden in dieser Kategorie sieben Preise vergeben.

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