Symbolbild Mitternacht-Talks - Mikrofon auf einem Tisch (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Mitternacht-Talks am Mittwoch

Annabell Brockhues   26.01.2017 | 09:01 Uhr

Wie aus den letzten Jahren gewohnt, werden auch bei der 38. Auflage des Filmfestivals Max Ophüls Preis die 16 Filme im Langfilmwettbewerb in den SR-Mitternacht-Talks ausführlich besprochen. Am Mittwochabend standen "Club Europa", "Skizzen von Lou", "Jetzt. Nicht" und "Vanatoare" auf dem Programm.


Club Europa

Max Ophüls Preis
Rezension - Club Europa

Gleich zu Beginn des zweiten Abends in Lolas Bistro brachten Regisseurin Franziska M. Hoenisch und Produzentin Sarah Heidtmann eine große moralische Frage mit: In was für einer Welt wollen wir leben? Eigentlich war der Startpunkt für den Film "Club Europa" gewesen, eine positive Geschichte gelungener Integration zu zeigen: "Man will schließlich Mut machen mit einem Film", sagte Hoenisch, anregend statt niederschmetternd müsse so ein Film sein. Während der Recherche entwickelte sich die Geschichte aber etwas anders:

Martha hat Lust zu helfen, "sich besser zu fühlen", wie Hoenisch erklärte, und nimmt deswegen einen Flüchtling in ihre WG auf. Dabei versuche dieser konkrete Fall für einen generellen Egoismus zu stehen, die Vierer-WG in Berlin Kreuzberg sei das Portrait einer ganzen Generation. Zunächst wollten Hoenisch und Heidtmann die Geschichte aus Sicht des Flüchtlings erzählen – die Perspektive der WG kennen sie aber besser und die wirft noch einmal ganz andere Fragen auf. Denn: "Irgendwann kommt die Ernüchterung, helfen macht keinen Spaß", sagte die junge Produzentin. Dann muss man sich entscheiden, wie weit man gehen will.

Club Europa: Wie weit geht Moral?
Video - SR Lounge
Club Europa: Wie weit geht Moral?

Ihr Ziel haben Heidtmann und Hoenisch bereits erreicht: Das Publikum stellt sich nach dem Film selbst kritische Fragen zu dem Fall konkret, über die Gesellschaft generell. "Wir haben einen politischen Wunsch", erklärte Hoenisch und Heidtmann ergänzt: "Im besten Fall will man was verändern." Diese Chance ergibt sich für die Filmemacher noch einmal Ende des Sommers, wenn der Film im ZDF ausgestrahlt wird.


Impressionen der Mitternacht-Talks am Mittwoch


Skizzen von Lou

Max Ophüls Preis 2017
Rezension - Skizzen von Lou

Hauptdarstellerin Liliane Amuat feierte am Mittwoch nicht nur mit "Skizzen von Lou" Premiere, sondern auch die Nominierung für den Schweizer Filmpreis als beste Darstellerin. In der Schweiz gehören Amuat und Regisseurin Lisa Blatter damit zu einer erfolgreichen Generation junger Filmemacher, wie Moderatorin Franziska Hessberger bemerkte. Blatter sprach in dem Zusammenhang von der "Generation Heimatland", die die Chance hätte, wieder gute Filme aus der Schweiz zu machen. "Die junge Generation hat sehr viel vor, sehr viel Fantasie und Ideen", spricht Amuat auch aus eigener Erfahrung.

Um eigene Erfahrung geht es auch in "Skizzen von Lou", denn sowohl Regisseurin Lisa Blatter als auch Hauptdarstellerin Liliane Amuat haben sehr viel von ihrer eigenen Person und ihrem eigenen Leben einfließen lassen. Die Figur Lou ist eine Weltenbummlerin, sie will sich nicht festlegen, nicht mit einer Wohnung oder einer Beziehung – sie will ihre Freiheit genießen. "Aber was ist eigentlich Freiheit? Macht mich das glücklich?", diese Fragen habe sich Blatter gestellt, als sie nach dem Studium verliebt und doch alleine nach Japan abgehauen war.

Skizzen von Lou: Auf der Suche
Video
Skizzen von Lou: Auf der Suche

"Ich konnte als Debütfilm nur etwas Persönliches machen, ich muss das mit dem Film ja erstmal ausprobieren", erklärte sie. Für Amuat hat die persönliche Komponente den Film zu einem sehr intensiven Projekt gemacht: "Es war kein einfacher Dreh." Um die Figuren besser zu entwickeln und auch während der Dreharbeiten zu improvisieren, zogen sich Blatter, Amuat und der männliche Hauptdarsteller Dashmir Ristemi drei Monate vor Drehstart für drei Wochen in eine einsame Berghütte zurück.

Mit dem Film "Skizzen von Lou" nimmt Blatter zum zweiten Jahr in Folge am Wettbewerb um den Max Ophüls Preis teil, nachdem sie letztes Jahr als Teil eines Regiekollektivs an "Heimatland" beteiligt war. Bereits in der kommenden Woche startet der Film nicht nur in der Schweiz in den Kinos, sondern auch im Kosovo, in Albanien und in Mazedonien.


Jetzt. Nicht.

Max Ophüls Preis 2017
Rezension - Jetzt. Nicht.

Es begann mit der Finanzkrise 2007. "Was bleibt in der Leistungsgesellschaft noch über, wenn man seinen Job verliert?", fragte sich damals Regisseurin Julia Keller und entwickelte gemeinsam mit ihrem Freund und Kameramann Janis Mazuch das Buch zu dem Film "Jetzt. Nicht." . Der gutsituierte Marketing-Experte Walter wird von einer Minute auf die andere arbeitslos – ein Schlag ins Gesicht, sein bisheriges Leben gibt es so jetzt nicht mehr.

Weil in der Finanzkrise besonders viele Führungspersonen gekündigt worden seien, haben sie sich auch in ihrem Film für diesen Fokus entschieden, erklärte Keller. "Aber die Fragen bewegen nicht nur die Elite, sondern jeden", ergänzte Mazuch. Es geht also um die Bestätigung im Leben, wenn sie beruflich ausbleibt. "Ich kenne kaum jemanden, der ein richtiges Hobby hat, eigentlich arbeiten alle."

Daher war es auch schwierig ein passendes Ende für den Film zu finden, erzählte Keller: "Wir brauchten kleine Puzzleteile, die Walter verändern, ohne zu offensichtlich zu sein." Also entwarfen sie verschiedene Fassungen: Mal sollte Walter ein Doppelleben führen, dann nach Schweden auswandern, sich neu in seine Frau verlieben – auch einen komödiantischen Schluss hätten sie gehabt. Für Gesprächsstoff im Publikum sorgte aber ein ganz anderes Thema – im Film versenkt Walter sein Auto, einen Audi, ein Symbol der Macht. "Bei Autos verstehen die Deutschen keinen Spaß", witzelte Mazuch, so oft habe man ihn gefragt, ob das Auto wirklich im See versenkt wurde. "Es schreibt sich leicht ins Drehbuch", ergänzte Keller. Allerdings ließen das zahlreiche Umweltbestimmungen nicht zu.


Vanatoare

Max Ophüls Preis 2017
Rezension - Vanatoare

Den Abschluss machte an diesem Abend ein nicht ganz einfacher Film: Vanatoare erzählt einen Tag und eine Nacht im Leben von Lidia, Denisa und Vanessa. Die drei Frauen arbeiten unter einer Autobahnbrücke im Bukarester Umland als Prostituierte. Lidia und Denisa seien zwar von Schauspielerinnen dargestellt, die Figuren dahinter seien aber real. Vanessa sei eine Collage von zwei Frauen. Regisseurin Alexandra Balteanu wollte keine Dokumentation machen, aber der Film sollte trotzdem sehr dokumentarisch anmuten.

Daher ist es kein Wunder, dass alles in dem Film der Realität entspricht. Es gebe täglich Polizeikontrollen, wie in dem Film dargestellt. "Die Frauen sind dabei aber auch nicht heilig", erzählte Balteanu. Zwei Monate lang hat sie für ihre Recherche eine Organisation begleitet, die Prostituierte medizinisch versorgt. "Mich hat in der Zeit besonders berührt, dass die Frauen sehr stark sind. Sie sind teilweise sehr witzig und entspannt in ihrem Alltag." Niemand würde sich über sein Leben beklagen – "die machen das einfach".

Obwohl Prostitution in Rumänien quasi legal ist und nur die Freier belangt werden können, sei es kein einfacher Dreh gewesen. "Wir haben nicht immer alles erzählt, was wir machen." Ein Polizist hätte das Filmteam begleitet, "aber stoppen wollte uns niemand".

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