Symbolbild Mitternacht-Talks - Aufsteller mit der Aufschrift "SRtalks" (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Mitternacht-Talks am Freitag

Annabell Brockhues   28.01.2017 | 11:11 Uhr

Wie aus den letzten Jahren gewohnt, werden auch bei der 38. Auflage des Filmfestivals Max Ophüls Preis die 16 Filme im Langfilmwettbewerb in den SR-Mitternacht-Talks ausführlich besprochen. Am Freitagabend standen "Wann endlich küsst du mich?", "Siebzehn", "Straßenkaiser" und "Die Migrantigen" auf dem Programm.


Wann endlich küsst du mich?

Wann endlich küsst du mich: Eigentlich ein Arbeitstitel
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Wann endlich küsst du mich: Eigentlich ein Arbeitstitel

Die letzte Ausgabe der diesjährigen Mitternacht-Talks stieß auf großes Interesse bei den Festivalbesuchern – viele mussten am Freitagabend stehen oder sich ein Plätzchen auf dem Boden suchen. Das Thema des ersten Talks schien den Besuchern bekannt zu sein: Julia Ziesches Film „Wann endlich küsst du mich?“ zeigt die Beziehung von vier Frauen aus drei verschiedenen Generationen. Besonders Mutter Doris und die 16-jährige Tochter Viola reden oft aneinander vorbei. „Das sind auch einfach Lebensphasen“, erklärt Regisseurin Julia Ziesche die Konflikte. Die Pubertät, in der Viola steckt, sei ein hartes Thema, aber das gehe wieder vorbei. In dieser Phase sei es einfach schwer, etwas von der Mutter anzunehmen, stattdessen wolle man sich loslösen, sein eigenes Ding machen.

Dass Mutter und Tochter in dem Film gleichzeitig schwanger werden, ist eher ein dramaturgischer Kniff: „Ich musste einen Weg finden, die Figuren zu verbinden und abzulösen.“ Denn die Geschichten der vier Frauen sollten durch feine Übergänge ineinanderfließen. „Ich habe nicht den Anspruch an eine möglichst reale Geschichte. Sie ist bewusst überhöht und zugespitzt.“ Im Vordergrund stand für Ziesche immer die visuelle Ebene. Deswegen behandelte sie die Geschichte anfangs etwas steifmütterlich und brauchte neun Drehbuchfassungen, um den Film in seiner jetzigen Form in einer Länge von 88:30 Minuten zu produzieren. „Es war einfach zu viel Stoff für so wenig Zeit.“


Eindrücke von den Mitternacht-Talks


„Siebzehn“

Siebzehn: Zwischen Sehnsucht und Erfüllung
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Siebzehn: Zwischen Sehnsucht und Erfüllung

Rezension
Siebzehn

Einen Preis hat Monja Arts Spielfilm „Siebzehn“ schon sicher: 2013 bekam sie den österreichischen Carl-Mayer-Drehbuchpreis. Der Film wurde erst 2015 gedreht. Ein Grund dafür sei, dass das Casting von etwa 500 Jugendlichen fast anderthalb Jahre gedauert habe. In der Endrunde trafen sie die Auswahl mithilfe von „36 Fragen zum Verlieben“, erzählte Regisseurin Monja Art. Die Mühe hat sich gelohnt: Hauptdarstellerin Elisabeth Wabitsch ist für ihre Rolle als Paula für den Nachwuchspreis des Filmfestivals Max Ophüls Preis nominiert.

Siebzehn im Publikumscheck
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Siebzehn im Publikumscheck

In „Siebzehn“, in dem bis auf drei Erwachsene nur Jugendliche Schauspieler mitwirken, verliebt sich Paula in Charlotte aus ihrer Klasse, die aber einen Freund hat, und fühlt sich gleichzeitig von der zügellosen Lilli permanent provoziert, Grenzen zu überschreiten. Es geht um Liebe, die haarscharf nicht gelingen kann. Viele Handlungen geschehen wie nebenbei, „weil es rückblickend einfach nicht mehr wichtig ist, wer in der Schule in wen verliebt war“, erklärte Art. Außerdem schaue man auch im Leben nicht immer genau hin, weshalb Szenen zum Teil außerhalb des Bildes beginnen und erst nachher eingefangen werden.


„Straßenkaiser“

Straßenkaiser: Ein Film über Generationen
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Straßenkaiser: Ein Film über Generationen

Rezension
Straßenkaiser

Vertauschte Rollen und gute Freunde haben zu der Produktion des Spielfilms „Straßenkaiser“ geführt. Der Regisseur Florian Peters ist eigentlich Kameramann, Hauptdarsteller Matthias Wackrow Produzent und Kameramann Dominik Manikowski gab sein Spiefilmdebüt. Ursprünglich sei „Straßenkaiser“ auch nur ein Kurzfilm gewesen, erklärte Regisseur Peters: „Beim Dreh ist uns aufgefallen, dass wir mehr draus machen wollen und können.“ Dazu hätten auch viele Freunde und Bekannte beigetragen, ergänzte Wackrow, denn diese hätten einige Szenen und Stränge des Films weitergesponnen und umgesetzt.

Straßenkaiser im Publikumscheck
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Straßenkaiser im Publikumscheck

Klar, dass das ursprüngliche Budget von 6000 Euro für einen Langfilm nicht reichte. Dennoch ist der Film komplett selbst finanziert worden durch Bekannte, Freunde, Sparschweine und Wackrows Mutter: „Meine Mutter ist immer auf Flohmärkten unterwegs und hat im Keller einfach alles, was wir brauchten.“ Ausstattung sei somit kein großer Posten gewesen. Auch während des Berliner Karneval der Kulturen zu drehen sei problemlos gewesen. Im Trubel des Kulturen-Karneval will der zwölfjährige Noah seinen Vater besuchen, trifft stattdessen aber auf den kleinkriminellen Samuel.

Auch wenn der Stoff erstmal als Drama und Komödie gekennzeichnet wurde, wollen sich Peters und Wackrow auf kein Genre festlegen: „Für uns ist der Film alles. Wir sagen immer, der Film ist unsere Filmschule.“ Niemand hätte ihnen reingeredet bei der Produktion. „Wir haben einfach alles reingebuttert, um alles ausprobiert zu haben.“


Die Migrantigen

Die Migrantigen: Mit Klischees aufräumen
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Die Migrantigen: Mit Klischees aufräumen

Das Highlight der Mitternacht-Talks ließ bis zum Schluss auf sich warten: Weil die Technik ausfiel und keine Filmausschnitte von „Die Migrantigen“ gezeigt werden konnten, stellte das Team kurzerhand eine Szene beispielhaft und sehr unterhaltsam auf der Bühne nach. Humor ist sowieso ganz wichtig für Regisseur Arman T. Riahi: „Wir lachen sehr viel über uns selbst.“ Die Freunde Marko und Benny haben zwar "Migrationshintergrund", leben aber komplett integriert in Wien. Durch einen Zufall geraten sie in den Fokus einer Reportage über ein multikulturelles Wiener Vorstadtviertel.

Die Migrantigen im Publikumscheck
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Die Migrantigen im Publikumscheck

Dass Migranten immer nur als Opfer oder Täter dargestellt werden, „ist uns auf die Nerven gegangen“, erklärte Riahi. Deswegen auch das Wortspiel im Titel – „es ist aber schon fast ein liebevolles ‚grantig’ gemeint“, sagte Darsteller Faris E. Rahoma. Sowohl Rahoma als auch sein Mit-Darsteller Aleksandar Petrovic hätten als Schauspieler eine gewisse Ignoranz gegenüber ihrer Herkunft erlebt: „Es ist egal, woher du kommst, Hauptsache, du bist Ausländer“, berichtete Petrovic. Rahoma spiele als Halb-Ägypter nur selten einen Araber, häufiger Türken oder Kroaten.

Deshalb sei die political incorrectness in dem Film auch eine Art Selbstironie, erklärte Riahi: „Wir machen uns einfach über diese Klischees lustig.“ Rahoma bringt es auf den Punkt: „Wir haben den Urspaß, Ausländer zu sein.“ Die Laiendarstellerin, die die Putzfrau spielt, hätte verstanden, was sie mit dem Film ausdrücken wollen. Nur für den Film habe sie oft das Wort „Zigeuner“ in den Mund genommen – dabei ist sie in Wien Vorsitzende der Roma-Vereinigung.

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