Michael Verhoeven (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Nicht streitsüchtig, aber Lust zu kämpfen

Ein Interview von Annabell Brockhues   26.01.2017 | 16:13 Uhr

Er gilt als streitbarer und politischer Filmemacher. Während sich niemand an die Nazizeit erinnern wollte, hat Regisseur Michael Verhoeven mit seinen Filmen „Die weiße Rose“ und „Das schreckliche Mädchen“ in den 1980er Jahren für Aufsehen gesorgt. Verhoeven ist deswegen auch Ehrengast beim 38. Filmfestival Max Ophüls Preis.

1970 sprengte Michael Verhoeven mit seinem Anti-Vietnamkriegsfilm „o.k.“ die Berlinale. Ein Jahrzehnt später sorgte er mit Filmen über die Nazizeit für Aufruhr. Obwohl ihm viele Steine in den Weg gelegt wurden, kämpfte er für seine Filme und einen offenen, ehrlichen Umgang mit der Realität. Als streitsüchtig empfindet er sich nicht. Heute hat Verhoeven immer noch Lust zu kämpfen – der aufkommende Populismus soll allerdings kein Thema in einem seiner Filme werden. Das will er dem Nachwuchs überlassen.


SR.de: Sie sind in diesem Jahr Ehrengast beim Filmfestival Max Ophüls Preis, weil Sie als politischer und streitbarer Filmemacher gelten. Sehen Sie sich selbst auch als politisch und streitbar?

Michael Verhoeven: Ich bin zumindest nicht streitsüchtig. Natürlich muss man sich in diesem Beruf des Regisseurs viel herumstreiten. Das ist so. Weil man in der Mitte steht und um einen herum sind viele Leute, die sich manchmal alles anders vorstellen und das durchbringen wollen. Bei einigen Filmen gab es die Situation, dass ich umgeben war von Leuten und Kräften, die mein Projekt verhindern wollten. In deren Augen war es zu früh für das Thema, über einige Dinge konnte man einfach noch nicht frei sprechen.

SR.de: Eines dieser Projekte, von dem Sie sprechen, ist der Film „Die weiße Rose“, der auch auf dem Festival gezeigt wird.

Verhoeven: Dieser Film wurde bekämpft. Von der Kirche, verschiedenen Institutionen, von Parteien. Die CSU hat alles getan, diesen Film unmöglich zu machen. Wir sind fünfmal bei der Filmförderung durchgefallen. Nicht etwa, weil das Projekt keine Qualität hatte, sondern weil es zu viele Menschen gab, die mit dem Dritten Reich nicht fertig waren. Ich glaube gar nicht, dass alle Nazis waren. Aber sie konnten nicht umdenken, sie wurden das nicht los, was auch in der eigenen Familie noch so positiv gesehen wurde.

SR.de: Wie sind Sie damals damit umgegangen, dass Menschen Ihre Filme verhindern wollten?

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Verhoeven: Ich wollte mir das nicht antun, auf etwas zu verzichten, dass mir wichtig war. Ich habe gekämpft um das Projekt. Es dauerte einige Monate bis Jahre, bis ich es in der Art umsetzen konnte, wie ich es wollte. Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass viele Leute einen Film wie „Die weiße Rose“ verhindern wollten. Es sind danach noch zwei weitere Filme darüber entstanden, die hatten dann offene Scheunentore.

SR.de: Was war anfangs Ihre Idee, wie ein politischer Film sein sollte, damit er die Menschen erreicht?

Verhoeven: Ich hatte Gelegenheit Filme zu sehen die Jahre zuvor entstanden sind. Da wurde immer versucht, um den heißen Brei rumzureden. Bei Filmen, die in der damaligen DDR entstanden sind, war das anders, weil die einen anderen, freieren Blick für das Thema hatten. Das ist für jemand Nachgeborenen ein großer Anreiz zu sagen: „Nein, halt, wir wollen drüber reden, wie es wirklich war.“ Da wächst man rein, das nimmt man sich nicht vor. Das ging mir damals alles durch den Kopf. Ich bin auch von meinen Eltern ermutigt worden. Ich konnte mit der Familie einen Diskurs führen über diese Zeit, in der sie erwachsen waren und ich noch ein Kind. Und ich musste keine Nazi-Vergangenheit in meiner Familie aushalten.

SR.de: Konnten Sie sich nicht vorstellen Komödien oder einen Liebesfilm zu machen?

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Verhoeven: Doch. Letztlich ist jeder Film, den ich gemacht habe, auch ein Liebesfilm und ein bisschen eine Komödie. Aber das Politische hat sich dann auch durchgesetzt in meiner Arbeit. Ich hatte einfach das Gefühl, ich muss das jetzt machen. Wer, wenn nicht ich? Wenn mich jemand danach gefragt hat, habe ich mir gedacht: „Warum machen es meine Kollegen nicht? Das ist doch notwendig.“ Ich habe es gerne gemacht.

SR.de: Populistische und rechte Strömungen und Ideen nehmen 70 Jahre nach dem Krieg wieder zu. Wie empfehlen Sie jungen Filmemachern, mit diesem Thema umzugehen?

Verhoeven: Sie sollen sich nicht einwickeln lassen. Man kann aus der Zeit nicht aussteigen, in der man lebt. Unterschwellig weiß jeder, was wirklich ist, passieren kann und wird. Alle diese populistischen Geschichten hängen wieder zusammen mit unserer Vergangenheit. Das hat auch mit dem Versuch einer Rehabilitierung von Geschehnissen aus dem Dritten Reich zu tun. Das ist nicht jedem so klar. Deswegen kämpfen einige aus der rechten Ecke gegen diese Gesellschaft, in der es uns sehr gut geht. Es ist ein großes Glück, in dieser Generation aufwachsen zu können und nicht aushalten zu müssen, was meine Eltern aushalten mussten. Ich habe auch nicht viel ausgehalten, weil ich schon wieder zu einer freieren Generation gehörte: Ich denke, wie ich glaube denken zu dürfen. Dieser Populismus arbeitet wieder dagegen, der leugnet ganz stark. Und wie viele sind das denn? Sollen die ruhig existieren und auch eine Partei haben. Das hält diese Demokratie aus. Ich hätte am liebsten, dass diese Parteien nie genannt werden.

SR.de: Ist Populismus auch ein Filmthema für Sie als Regisseur?

Verhoeven: Das überlasse ich den jungen Leuten. Es ist nicht so, dass ich keine Lust mehr habe zu kämpfen, ich habe große Lust! Aber ich habe andere Themen im Kopf.

SR.de: Können Sie ein Beispiel geben?

Verhoeven: Ich habe einen Film gemacht mit George Tabori nach einem Theaterstück von ihm, Mutters Courage. Tabori hat mir damals ein Manuskript in die Hand gedrückt und gesagt: „Das schenke ich dir. Mach damit, was du willst, ein Theaterstück, einen Film. Ich bin dafür viel zu alt.“ Ich werde einen Film daraus machen. Zu alt fühle ich mich noch nicht.

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