Eine Szene aus dem Film "Jetzt. Nicht." (Foto: Pressefoto)

Jetzt. Nicht.

Eine Rezension von Rick Reitler   24.01.2017 | 20:00 Uhr

Von einer Minute auf die andere arbeitslos – dieser Schlag trifft den gutsituierten Marketing-Experten Walter voll ins Herz seines Lebensentwurfs. Gibt es mit Mitte 40 wirklich die Chance auf einen Neuanfang? Julia Kellers Sozialdrama wird sicher nicht nur BWL-Studenten nachdenklich zurücklassen.

Bewertung: Zwei von drei Herzen

"Arbeitslos und Spaß dabei!" Was in den Achtzigern noch als halb-ironischer, halb trotziger Schlachtruf jugendlicher Schulabbrecher durchging, ist spätestens mit der Ära Schröder und ihren radikalen Sozialkürzungen bei der deutschen Kernbevölkerung zum grotesken Statement geworden.

Speziell im Mittelbau der Leistungsträger zwischen 40 und 50 geht längst die nackte Angst vor Arbeitsplatzverlust um: Ihre Fallhöhe ist ungleich höher, die Wahrscheinlichkeit einer neuen, Lebensstandard erhaltenden Beschäftigung ungleich niedriger als bei jüngeren, weniger qualifizierten und damit billigeren Arbeitskräften.

Schreckensszenario wird zur Realität

Rund um Ophüls 2017
Mit ihrem Debütfilm "Siebzehn" hat Monja Art den Max Ophüls Preis 2017 gewonnen. Alles über die 38. Ausgabe des Fimfestivals gibt es hier.

Bei Walter Stein (stark: Godehard Giese), Marketing-Experte in Diensten einer Kosmetikfirma, wird das Schreckensszenario der Mittelschicht plötzlich und unerwartet Realität. Als der Mittvierziger "aus betrieblichen Gründen" seine Papiere bekommt, drohen ihm aber nicht nur der Verlust von Geld und Prestige: Walter hat weder Plan B noch irgendetwas anderes als seinen bisherigen Job im Kopf, wofür er – mit den Worten seiner Jobcenter-Beraterin - "brennen" würde.

Auch die aufmunternden Worte seiner beruflich extrem erfolgreichen Frau Nicola (Loretta Pflaum), dass Walter "die Krise als Chance" begreifen solle, klingen in seinen Ohren bestenfalls zynisch. Und für die hochbezahlten Headhunter ist Walter als Arbeitsloser nur noch "ein gefallenes Tier, das für die Jäger nicht mehr interessant" ist.

Sozialdrama auf hohem Niveau

Max Ophüls Preis 2017
Spielfilme im Wettbewerb
16 Produktionen konkurrieren bei der 38. Ausgabe des Max Ophüls Preises in der Kategorie "Spielfilm" miteinander. Bei dem Großteil der Werke, die sich hauptsächlich um gesellschaftliche und politische Themen drehen, haben Frauen Regie geführt.

Gibt es da vielleicht doch noch etwas anderes? Der Ex-Erfolgsmann muss sich am Ende einer kurzen, aber heftigen Talfahrt entscheiden, ob er auch im wahrsten Sinne des Wortes das Leben eines Toten führen will...

Besonders in seiner ersten Hälfte fesselt Julia Kellers Absteiger-Odyssee als die Geschichte eines Mannes, dem die gnadenlose Welt der Betriebswirtschaft zwischen Quartalszahlen, Oberklasse-Dienstwagen und Business-Meetings den Boden unter den Füßen wegzieht. Pointiert-sparsame Dialoge, gekonnte Bilder und eine stimmige Ausstattung, die die Kälte des deutschen Wachstumsdiktats selbst im kuscheligen Kinosessel spürbar werden lässt, unterstreichen das hohe Niveau dieses Sozialdramas, das sicher nicht nur Walter Stein nachdenklich zurücklassen wird.

Regie: Julia Keller
Deutschland 2017

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