Szene aud dem Spielfiml "Club Europa" (Foto: Filmproduktion)

Club Europa

Eine Rezension von Annabell Brockhues   23.01.2017 | 12:16 Uhr

Wie viel Verantwortung wollen, können, sollen, müssen wir übernehmen? Ohne Moralkeule projiziert Regisseurin Franziska M. Hoenisch die Flüchtlingsdebatte und deren Chancen auf Asyl auf ihre eigene unpolitische Generation – mithilfe einer durchschnittlichen Berliner Studenten-WG. Den Zuschauer lockt sie damit ein kleines Stück aus seiner Komfortzone.

Bewertung: Zwei von drei Herzen

"Ich wollte einfach Teil der Lösung sein, ich wollte nicht nur das Problem sehen. Ich kann auch nichts dafür, dass ich in Europa geboren bin und dass es uns hier sehr gut geht."

Martha (Sylvaine Faligant), 28, Tochter einer Französin und eines Deutschen, verfolgt einen edlen, wenn auch naiven Ansatz: Sie nimmt Samuel (Richard Fouofié Djimeli), einen Flüchtling aus Kamerun, in ihre WG auf. Hier wartet Samuel darauf, dass sein Asylantrag bewilligt wird.

Club Europa: Wie weit geht Moral?
SR Lounge
Club Europa: Wie weit geht Moral?
Regisseurin Franziska Hoenisch möchte mit ihrem Langfilm "Club Europa" bewirken, dass der Zuschauer mit sich selbst in ein Streitgesrpäch tritt und sich hinterfragt. Sylvaine Faligant spielt die Hauptrolle in dem Film, in dem eine WG einen Flüchtling aufnimmt. Stehen die Bewohner anfänglich noch geschlossen hinter der Entscheidung, ändert sich das, als Samuels Asylantrag abgelehnt wird.

Im Kartoffelland angekommen

Rund um Ophüls 2017
Mit ihrem Debütfilm "Siebzehn" hat Monja Art den Max Ophüls Preis 2017 gewonnen. Alles über die 38. Ausgabe des Fimfestivals gibt es hier.

Die Integration beginnt beim Kartoffelschälen: Amerikaner Jamie (Artjom Gilz) erklärt Samuel auf Englisch, es gebe nur ein einzig-wahres Kartoffelland – und da sei er nun. Referendarin Yasmin (Maryam Zaree) lernt Deutsch mit dem neuen Mitbewohner, Fortschritte sind schnell erkennbar. An Marthas Geburtstag kocht Samuel für sie und ihre Eltern. Die WG harmoniert – kulturelle Differenzen scheint es nicht zu geben. Samuel hält die WG in Ordnung, kocht und putzt. Martha hilft ihm dafür mit Anträgen.

Als nach der ersten gemeinsamen WG-Party auf einmal die Polizei in der Küche steht und die Ausweispapiere von Samuel sehen will, stellt sich die WG schützend vor ihn – vor allem Martha. Es ist klar: Sie helfen Samuel, egal, was kommt. Nicht viel später kommt der Ablehnungsbescheid seines Asylantrags. Samuel muss das Land verlassen. Doch er will illegal bleiben und hofft auf Marthas Unterstützung.

Klischeehafte Charaktere

Max Ophüls Preis 2017
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16 Produktionen konkurrieren bei der 38. Ausgabe des Max Ophüls Preises in der Kategorie "Spielfilm" miteinander. Bei dem Großteil der Werke, die sich hauptsächlich um gesellschaftliche und politische Themen drehen, haben Frauen Regie geführt.

Vielschichtig und nahezu seicht erzählt Regisseurin Franziska M. Hoenisch eine Geschichte gelungener Integration. Einzelne Anekdoten spiegeln deutsche Bürokratie und Pragmatismus im Alltag wider, zeigen aber auch Probleme in Kamerun mit Samuels Familie. Dazu zeichnet Hoenisch klischeehafte Berliner Charaktere: Martha, eine naive bis trotzige Festivalplanerin, Yasmin, vernünftig und Lehrerin, Jamie, ein Amerikaner, der Samuel einen Helden nennt, weil er 1254 Kilometer zu Fuß gelaufen ist und ihm Schuhe kauft als er traurig ist.

Besonders auffallend: Der Plot baut sich allein in der Küche der Wohnung auf. Die Außenwelt wird vor allem durch Blicke durch das Fenster wahrgenommen. Szenen außerhalb der Wohnung lassen sich an einer Hand abzählen.

Leider plätschert "Club Europa" lange dahin, bis es zu den elementaren Fragen hinter der Filmidee kommt: Wie entscheiden sich die Protagonisten, als Samuel kein Asyl bekommt? Dieses Problem wird in einer kurzen Diskussion auf Englisch am Küchentisch abgewickelt. Und obwohl Martha der stärkste Charakter ist, bestimmt hier Yasmin, eine bis dahin unscheinbare Nebenrolle.

Film ohne Moralpredigt

Das Werk besticht durch seine Auseinandersetzung mit der eigenen Komfortzone. Versucht der Zuschauer über die Entscheidung der WG zu urteilen, kommt er nicht umhin, sich selbst in diese Situation reinzudenken. Im Gegensatz zu anderen Filmen über Flüchtlinge gibt es hier weder Moralpredigten noch Gut oder Böse.

Regie: Franziska M. Hoenisch
Deutschland 2017

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