Ismajl Hoxhaj (Foto: Verleihfirma)

Smajl, ein deutscher Kosovo-Albaner

Das Interview führte Annabell Brockhues   21.01.2016 | 07:00 Uhr

1970 ist Ismajl Hoxhaj nach Deutschland gekommen – wegen eines Tonbandgerätes. 40 Jahre später kehrt er als Rentner in sein Heimatland, den Kosovo, zurück. Die Dokumentation „Smajl“ zeigt liebevoll, wie ein Mann und seine Familie zwischen zwei Kulturen aufwachsen. Regisseur Philipp Majer sagt, der Konflikt steht exemplarisch für alle Gastarbeiterfamilien.

Ismajl Hoxhaj ist Kosovo-Albaner. Nach Deutschland zog es ihn nur wegen der Tonbandgeräte. Er blieb wegen des Jobs. Zuletzt arbeitete er im Ford-Werk in Saarlouis. In den 40 Jahren, die er in Deutschland gelebt hat, hat sich viel verändert. Er hat eine Familie gegründet, Kinder groß gezogen. Als politischer Aktivist hat er in Deutschland für die Unabhängigkeit des Kosovos gekämpft.


SR.de: Eure Dokumentation trägt den Titel „Smajl“ – war es Absicht, dass es wie das englische Wort „smile“, für lachen, klingt?

Zymryte Hoxhaj: Ismajl wird so genannt, das ist Fakt. Zuerst war das nur unser Arbeitstitel. Aber irgendwann war dann klar, dass wir den Film auch nach ihm benennen. Ismajl klingt halt nicht so schön – also Smajl.

Philipp Majer: Dass es wie das englische Wort „smile“ klingt ist ein netter Zufall. Das gibt dem Ganzen eine schöne Doppeldeutigkeit.

SR.de: Ist Ismajl denn auch so ein lustiger, lebensfroher, netter Mensch?

Zymryte: Stellenweise, ja.

SR.de: Zymryte, du bist Grafikdesignerin, Philipp Filmemacher. Ihr arbeitet normalerweise nicht zusammen. Wie ist die Idee zu dem Film entstanden?

Philipp: Zymryte hat immer Storys von ihrem Daddy ausgepackt. Und daraus hat sich dann bei mir die Idee entwickelt, dass man eigentlich eine Dokumentation daraus drehen müsste.

Zymryte: Ich habe Philipp halt als Freundin erzählt, wie es daheim bei uns ist.

SR.de: Und Philipp hat darin mehr gesehen als nur Geschichten über deinen Vater Ismajl?

Philipp: Ich mache immer Kurzdokumentationen über mein Umfeld. Da kenne ich mich aus, da ist es einfacher, einen Film zu machen. Irgendwann hat es dann bei Zymrytes Geschichten Klick gemacht. Ich fand es einfach interessant, wie viel politische Arbeit ihr Vater hier gemacht hat, dass er als Gastarbeiter kam. Die Kinder sind hier in einer anderen Kultur aufgewachsen, als er eigentlich wollte. Die Probleme, die Zymryte aus ihrer Familie kennt, sind leicht übertragbar auf andere Gastarbeiterfamilien.

Zymryte: Bis auf das Detail des Tonbandgerätes und die Tatsache, dass mein Vater so eine Type Mensch ist, ist der Rest austauschbar. Alle aus meiner Generation, die den Film bisher gesehen haben, konnten sich als Kind einer Gastarbeiterfamilie darin wiedererkennen.

SR.de: In der Dokumentation kommt sehr stark diese Hin- und Hergerissenheit zwischen Deutschland und dem Kosovo raus mit der Frage im Hinterkopf, wo man kulturell eigentlich hingehört. War das eure Intention?

Zymryte: Man merkt im Film, Ismajl will unbedingt zurück in den Kosovo. Und wenn er da ist, ist er stolz, in Deutschland gelebt zu haben. Zum Beispiel, wenn die Nachbarn sagen, sie können keinen Müll mehr in den Hof werfen und müssen die Autos ordentlich parken, weil der „Deutsche“ wieder da ist.

Philipp: Viele Gedanken zu dem Aspekt kamen uns aber erst während der Dreharbeiten.

Zymryte: Klar, wir haben uns vorher brav Fragen aufgeschrieben und ein Buch überlegt, aber dann kamen Dinge raus, die wir vorher gar nicht wussten. Und meine Eltern haben sich rasch an Philipp mit der Kamera gewöhnt, da gab es schnell familiäre Gespräche.

SR.de: Zymryte, du hast den Film mitinitiiert und mitkonzipiert und stehst gleichzeitig als Tochter vor der Kamera. Fiel es dir schwer, beide Rollen zu verbinden?

Zymryte: Gar nicht. Es hat sich ganz normal angefühlt: mit einem Freund zu Besuch bei den Eltern. Vertrauter geht es gar nicht. Am Anfang war auch noch gar nicht klar, ob ich überhaupt mit drin bin. Aber einige Sachen erklären sich nicht selbst, deswegen bin ich ein bisschen der rote Faden.

SR.de: Ihr arbeitet komplett ohne Off-Text.

Philipp: Ich finde das cineastischer und schöner. Aber es ist eben auch sau schwer. Ich bin im Schnitt oft verzweifelt. Die Leute vor der Kamera müssen genug sagen, damit man es versteht. Aber es darf auch nicht langweilig werden.

Zymryte: Einmal musste ich etwas nachsprechen, als es darum geht, dass meine Eltern jetzt zwischen dem Kosovo und Deutschland pendeln. Das wäre durch die Bilder nicht rübergekommen.

Philipp: Und an zwei Stellen habe ich Text eingeblendet. Aber sonst ist alles so, wie es passiert ist.

SR.de: Wann habt ihr angefangen, Ismajl mit der Idee des Films zu konfrontieren?

Philipp (lacht): Eine Woche vorher.

Zymryte: Wir haben einfach angerufen. Meine Eltern haben zugestimmt. Also ab nach Saarlouis.

Philipp: Und dann haben wir die Kamera aufgestellt. Unsere allererste Frage, warum Ismajl nach Deutschland gekommen ist, ist auch die allererste Szene.

Zymryte (lacht): Wir haben gedacht, es kommt sowas ganz normales wie „Arbeit“ als Antwort. Und dann sagt er, er kam, weil er ein Tonbandgerät kaufen wollte. Wir waren erstmal beide total baff. Irgendwie dachte ich, ich kenne meinen Vater und dann weiß man so etwas einfach nicht.

SR.de: Stichwort Tonbandgerät – was hat es damit auf sich?

Philipp: Musik ist Ismajls Leidenschaft. Er sammelt Musik. Und Tonbandgeräte waren in seiner Jugend die aktuellste Technik. Dinge aus seiner Jugend behält man. Die Nostalgie spielt hier eine große Rolle – und die Heimatverbundenheit durch die Musik.

Zymryte: Ismajl steht einfach auf alte Balladen, die traurige Geschichten von Kosovo-Albanern erzählen. Das ist sein Geschichtsunterricht, er war nie in der Schule. Das sind auch keine einfachen Lieder, sondern Hörbücher. Schon als Kind hat er sich mit einem Aufnahmegerät an Hauswände gestellt und die Musik von drinnen heimlich aufgenommen. Um seltene Aufnahmen zu bekommen fährt er um die halbe Welt. Er hat eine Sammlung wie sonst keiner.

Philipp: Weil ich Ismajls Leidenschaft für nerdige Dinge teile, habe ich mich auch schnell für seine Tonbandgeräte interessiert. Und die hat er mir dann ganz stolz gezeigt. Das war so eine Herzensangelegenheit für ihn, worüber ich einen guten Draht zu ihm bekommen habe.

SR.de: Zwischendurch gibt es immer wieder Aufnahmen von früher. Wusstet ihr von deren Existenz?

Philipp: Ja, das war unser Vorteil. Es gab von jedem Jahrzehnt einen Stapel Kassetten. Das war Gold wert für unsere Arbeit. Die haben wir digitalisiert und gesichtet.

Zymryte: Das macht alles irgendwie authentischer und bringt mehr Abwechslung rein...

Philipp: ... gibt dem Film auch das liebevolle.

Zymryte: Das war auch das erste Kompliment nach der Premiere des Films im Kosovo: Er ist echt, nicht gestellt. Viele hatten das Gefühl, mit meiner Mama zusammen Tee zu trinken.

SR.de: Ihr seid vier Kinder zu Hause – zu sehen ist aber nur Zymryte. Warum?

Philipp: Die anderen wollten nicht. Ich hab viel gebohrt, weil der Bruder noch in dem Haus der Eltern wohnt und im gleichen Ford-Werk in Saarlouis arbeitet wie der Vater. Aber der hatte einfach keine Lust. Und an den Schwestern ging die Jugend, dieser Kulturkonflikt, auch nicht so spurlos vorbei.

SR.de: Als ihr Zymrytes Eltern den Film das erste Mal gezeigt habt – wie war das?

Zymryte: Wir haben gar nicht auf den Fernseher geguckt, nur auf meine Eltern. Mein Vater war schon angespannt, als ich aus meiner Jugend erzähle. Besonders an der Stelle, als es heißt, er hat es als Fehler gesehen, dass meine Schwester in einen deutschen Jungen verliebt war. Oder als ich erzähle, wie er mit mir schimpft, weil ich auf einer Demo gegen Nazis war und nicht auf einer Demo gegen Serbien.

Philipp: Am Ende war er ein bisschen sauer, dass die Familie im Kern der Geschichte steht und nicht so sehr die politische Arbeit. Wir hätten ihn noch ganz anders darstellen können, den Ismajl. Viel zynischer und Zymryte mehr als Opfer. Aber Ismajl ist einfach ein Symapthieträger. Er ist einfach so, viele Dinge wusste er einfach nicht besser. Unterm Strich kommt jeder gut weg und das ist gut so.

Zymryte: Wir haben uns auch während der Dreharbeiten gestritten, meine Eltern und ich, wegen der Geschichten von früher. Aber dann hat Philipp die Kamera ausgemacht. Es war uns wichtig, die Dinge zu zeigen, wie sie sind: Ich bin kein Opfer und mein Vater ist ein netter, fröhlicher Mensch.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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