Florian Heinzen-Ziob und Georg Heinzen (Foto: Carla Sommer)

Süchtig nach Mumbai

Carla Sommer   23.01.2016 | 11:28 Uhr

In ihrem Dokumentarfilm „Original Copy“ begleiten Georg Heinzen und Florian Heinzen-Ziob den indischen Filmplakate-Maler Sheikh Rehman bei seiner Arbeit in dem untergehenden Bollywood-Kino „Alfred Talkies“. Wie sie Indien und Mumbai in der siebenmonatigen Drehzeit erlebt haben und wie die Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn funktioniert hat, erzählen sie im Interview mit SR.de

SR.de: Wie viel Bollywood steckt in Ihrem Dokumentarfilm "Original Copy"?

Georg Heinzen: Ich habe im Nachhinein gemerkt, dass unser Film sehr viele Bollywood-Elemente hat. Das zuzulassen war uns aber auch wichtig.

Florian Heinzen-Ziob: Wir wollten unbedingt eine Tanzszene drin haben. Das ist die klassische Bollywood-Dramaturgie: Da muss Wut drin sein, Trauer, Freude, eigentlich noch Ekel. Es war uns sehr wichtig, dass man sagt, wir machen nicht nur einen Film darüber, sondern das fließt auch mit ein. Das haben die Inder dann auch direkt gesehen: „Ihr versteht Indien, das ist genau das, was wir wollen!“

SR.de: Sie haben den Film 2012 gedreht. Haben Sie Ihre Protagonisten in der Zwischenzeit wiedergesehen?

Georg Heinzen: Im November war die Mumbai-Premiere unseres Films auf dem Mumbai Filmfestival. Dort haben wir dann alle noch einmal getroffen. Das war sehr bewegend, weil wir nicht wussten, wie die auf den fertigen Film reagieren. 

Florian Heinzen-Ziob: Unser Protagonist Rehman kam mit seiner Familie ins Kino und die waren alle ein bisschen schüchtern. Die Inder sind unheimlich kritisch, wenn Ausländer, insbesondere Europäer, Filme über ihre Kultur machen. Deshalb wussten wir nicht, wie kommt der Film an und dann haben die den Film so gefeiert, die ganze Zeit gelacht und sind mitgegangen. Dann war der Film zu Ende und das ganze Kino hat sich umgedreht, uns den Rücken zugedreht und Rehman applaudiert. Er ist dann weinend zu uns gekommen und dann haben ihn alle angefasst, als wäre er ein Guru. Das war unheimlich emotional und bewegend.

SR.de: Wissen Sie, was aus Rehman geworden ist? Im Film sagt er ja, er habe seine Stelle nur noch bis Januar 2013.

Florian Heinzen-Ziob: Das war immer so eine Sache... Wir haben uns sehr bemüht, den Film schnell abzudrehen, weil es immer hieß, dass das Kino vielleicht im November gar nicht mehr da ist. Dann kriegten wir schon im August Anrufe, im nächsten Monat sei das Kino dicht. Das war immer so eine Bedrohung und als wir den Dreh beendet hatten, war bei uns eigentlich klar, im Januar ist Ende. Und jetzt ist das Kino immer noch da.

Georg Heinzen: Es ist ein Todeskampf.

SR.de: Es war Ihr erster gemeinsamer Dreh. Wie hat die Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn funktioniert?

Florian Heinzen-Ziob: Wir hatten das eigentlich gar nicht so angedacht, dass wir unbedingt mal einen Film zusammen machen möchten. Aber ich habe an der Kunsthochschule für Medien und Regie in Köln studiert und wir haben schon immer unsere Arbeiten ausgetauscht. Er hat mir Fassungen seiner Bücher oder seiner Drehbücher gegeben und ich habe ihn in den Schnitt geholt. Das war also nicht aus dem Nichts. Und in diesem Fall hat es einfach Sinn gemacht. Ich war gerade mit dem Studium fertig und dann kam die Idee, dieses Projekt zu machen. Wir hatten auch nur ein ganz kleines Budget von 50.000 Euro, eigentlich nur für einen Kurzfilm. Aber dann haben wir gesagt, wir machen die Doku trotzdem.

Georg Heinzen: Das war auch das große Vergnügen an der Zusammenarbeit, wir haben den Film dann wirklich zu Zweit geschnitten und die Postproduktion gemacht. Der Film, so wie er jetzt ist, das sind alles unsere Entscheidungen. Das war wunderbar, diese Freiheit zu haben.

Florian Heinzen-Ziob: Diese Zusammenarbeit passte irgendwie auch zum Projekt. Die großen Bollywood-Produktionsfirmen sind eigentlich alles Familienunternehmen. Die wurden mal irgendwann vom Großvater gegründet und werden jetzt schon in die dritte Generation weitergegeben. Dieses Familiengeschäft ist in Indien total normal. Das heißt, während das ja hier eher etwas Besonderes ist, fanden die Inder das gut. Die haben uns dadurch auch mehr vertraut. Wenn ich oder mein Vater alleine dort gewesen wären, hätte das vielleicht eher Misstrauen ausgelöst und so passte das auch in deren Kultur sehr gut. Dadurch haben sich auch oft Dinge entwickelt. Eine unserer Protagonistinnen hat mir zum Beispiel ganz andere Dinge erzählt als meinem Vater. Bei mir hatte sie vielleicht eher so ein mütterliches Gefühl, während das bei meinem Vater eher auf Augenhöhe war.

SR.de: Wie haben Sie Indien als Land erlebt?

Florian Heinzen-Ziob: Ich war vorher schon einmal da, mein Vater war sogar sehr oft da. Also den Kulturschock hatte man schon mal hinter sich. Es ist natürlich etwas ganz anderes, wenn man da arbeitet. Wir waren ja nicht nur zum Sightseeing dort, sondern mussten uns auch mit dem Land auseinandersetzen. Indien ist so ein Land, das liebt und das hasst man. Das wechselt sich minütlich ab. Auch der Dreh war körperlich sehr anstrengend. In dem Kino war es teilweise 40 Grad heiß, hatte eine hohe Luftfeuchtigkeit und es war dann ehrlich gesagt gut, zu zweit zu sein, so dass man mal sagen konnte, der eine bereitet schon mal etwas vor, während der andere wieder etwas Aktuelles dreht.

Georg Heinzen: Was ich an Mumbai faszinierend finde: Die Stadt ist chaotisch, aber das Chaos hat ein eigenes System und das muss man mit der Zeit lernen. Wir haben uns irgendwann auch mit diesen Strömen bewegt. Irgendwann traut man sich dann auch über 16-spurige Straßen, ohne einen Herzinfarkt zu kriegen. Es gibt immer eine Logik in einer Stadt.

SR.de: Haben Sie für die Zukunft Pläne, nochmal zusammen zu arbeiten?

Florian Heinzen-Ziob: Wir haben tatsächlich eine kleine Produktionsfirma gegründet.

Georg Heinzen: Wir heißen Polyphem, weil wir die Einäugigen unter den Blinden sind. (lacht)

Florian Heinzen-Ziob: Mit der Firma haben wir jetzt auch einen fiktionalen Kurzfilm produziert und aktuell machen wir einen neuen Dokumentarfilm, der aber diesmal in Köln spielen wird. Das Thema ist ganz nah an der Diskussion über Flüchtlinge.

Georg Heinzen: Wir möchten aber auch einen Spielfilm drehen. Der soll dann wieder in Mumbai spielen.

Florian Heinzen-Ziob: Man wird schon irgendwie süchtig nach dieser Stadt. 

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch