Lilian Pfeuffer, Maria Neheimer, Evangelika Kateraki (Foto: Annabell Brockhues)

Mehr Frauen braucht das Kino

Annabell Brockhues   23.01.2016 | 11:28 Uhr

Auffallend seien die vielen Frauenfiguren beim diesjährigen Max-Ophüls-Preis, sagte Gabriella Bandel vor dem Festival. Identitätsfindung und die Rolle der Frau in der Gesellschaft seien in mehr als der Hälfte der Langfilme das beherrschende Thema. Aber: Die meisten Filme kommen immer noch von Männern.

Dass die meisten Festivalfilme über Frauen von Männern kommen, sei so erstmal gar nicht schlimm, erklärte Festivalleiterin Gabriella Bandel: „Ich freue mich darüber, dass die Männer sich auf so eine tiefsinnige Art und Weise mit dem Thema beschäftigen.“ Es sei zunächst eine schöne Entwicklung in der Branche, dass Frauenfiguren in den Mittelpunkt rücken. Zudem könne sie kaum erkennen, ob ein Film von einer Frau oder von einem Mann gemacht wurde: „Das spricht für eine Annäherung der Geschlechter. Aber natürlich wären mehr Frauen in der Branche schöner“, sagte Bandel SR.de.

Weibliche Energie hinter der Kamera

Ein Film auf dem Festival wurde ausschließlich von und mit Frauen gemacht: Vitches von Maria Neheimer. „Das war ein Experiment“, erklärt Neheimer. Denn in Vitches geht es um Hexen und weibliche Energie. Und das Experiment hat funktioniert, so Evangelika Kateraki, die für das Buch und den Schnitt verantwortlich ist: „Die weibliche Energie gab es auch hinter der Kamera.“ Der ganze Dreh sei intimer gewesen als mit Männern. Produzentin Lilian Pfeuffer glaubt, sobald Männer am Set sind, kommt es unter Frauen schneller zu Konkurrenzdenken.

Einen Unterschied in der Machart oder der Ästhetik können Pfeuffer, Neheimer und Kateraki nicht feststellen. „Manchmal merkt man bei einer Regisseurin, dass sie ein Thema sensibler angeht und mehr Tiefe hat“, so Neheimer. Pfeuffer widerspricht: Auch Männer könnten sensible Filme machen. Statt einer Geschlechterfrage sei es eine Frage unterschiedlicher Persönlichkeiten, die an dem Film beteiligt sind und ihn so beeinflussen.

Keine Geschlechterunterschiede?

Das unterstreicht auch die Filmcrew von „Ferien“: Regisseurin Bernadette Knoller hat für ihren Film überwiegend Frauen ins Boot geholt. „Wie ein Team arbeitet ist typabhängig und kein Geschlechterunterschied“, erklärte sie. Frauen würden sich nicht so definieren bei der Arbeit, was es einfacher mache. Ihr Vater, Detlev Buck, muss klar widersprechen: „Klar arbeiten Frauen anders!“ Frauen hätten ein ganz anderes Bild von Figuren, wie diese zu sein hätten.

Frauen haben es in der Filmbranche immer noch schwieriger als Männer. Vor allem Regisseurinnen scheitern öfter an der Finanzierung, so Bandel. Belegen könne sie das nicht, aber sie höre das immer wieder von jungen Filmemacherinnen. „Sobald die Entscheidungsträger Männer sind, stoßen die Frauen auf Widerstand“, glaubt Bandel. Es herrschen teilweise „verkrustete Strukturen“ in der Branche, wo das Talent gar nicht zählt, so die Festivalleiterin. Würden die Gremien in Filmförderungen anders besetzt, könnten sich diese „alten, naiven Vorstellungen“ von Frauen auflösen.

Qualität statt Quote

Zudem: „Frauen sind nicht so forsch und durchsetzungsfähig wie Männer, sie zweifeln eher an sich und ihrem Projekt. Aber für eine Vorstellung bei einer Filmförderung braucht man Durchsetzungskraft.“ Dass eine spezielle Filmförderung für Frauen helfen könnte, glaubt sie nicht: „Man tut den Frauen keinen Gefallen, wenn man nach der Quote geht und den Künstler auf das Geschlecht reduziert.“ Qualität sei entscheidend.

Die Erfahrungen Bandels können die Frauen von „Vitches“ und „Ferien“ nicht bestätigen – sie mussten noch nie Geld für einen Film akquirieren. Wo sie zustimmen: Ein Film sollte nicht auf das Geschlecht der Macher reduziert werden.

„Wo sind die Rollen für Frauen?“

Aber auch Schauspielerinnen hätten es nicht unbedingt leicht, auch wenn man das vielleicht glauben mag, erklärt Bandel: „Wo sind denn die Rollen für Frauen?“ Stattdessen dominieren im Nachwuchsbereich vor allem männliche Hauptdarsteller in Coming-of-Age-Filmen. Auch Detlev Buck sieht diese Problematik: „Es gibt einfach keine guten, starken Frauenfilme im Kino.“ Frauen seien simplifiziert, „klein und sexy“.

Maria Neheimer, Lilian Pfeuffer und Evangelika Kateraki bezeichnen sich selbst als Feministinnen: „Wir sind nicht gegen Männer. Wir sind dafür, Frauen mehr wertzuschätzen.“ Auch im Film. Wenn es nach Neheimer geht, könnte es mehr Filme geben, in denen eine Frau als Heldin alleine eine Geschichte erzählt. Dabei darf es nicht zur Mode werden, solche Filme zu machen, forderte Kateraki. Neheimer ergänzte: „Es muss normal sein, starke Frauen im Film zu sehen.“ Eine starke Frau kann für Bernadette Knoller auch eine Frau sein, die nicht viel sagt, zweifelt, mit der man eher Mitleid hat – etwa wie Vivi in „Ferien“. Drehbuchautorin Paula Cvjetkovic wünscht sich mehr menschliche Vorbilder: „Es wäre schön, eine Frau zu haben, die einfach cool ist. Die auch Männer cool finden.“

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