Max Ophüls Filmfestival - im Kinosaal (Foto: dpa/SR)

Festival-Ausblick: Perlen in den Nebenreihen

Ein Interview von Annabell Brockhues   18.01.2016 | 06:00 Uhr

161 Filme werden in den kommenden sechs Tagen auf dem 37. Max-Ophüls-Filmfestival gezeigt. Die SR-Filmexpertinnen Sabine Janowitz und Susanne Kirchhofer geben vorab einen Überblick der filmischen Höhepunkte und Überraschungen. Janowitz macht dabei deutlich: „Die richtigen Perlen liegen in den Nebenreihen“ – nicht in den Wettbewerbsfilmen.

Lange sollte man nicht mehr überlegen, was man sich beim diesjährigen Max-Ophüls-Festival anschauen möchte. Denn einige Vorstellungen im Abendprogramm sind bereits ausverkauft, vor allem die Wettbewerbsfilme. Für die Filme „Schrotten!“ und „Sex und Crime“ gibt es überhaupt keine Karten mehr, so Rainer Link vom Ticketing.

Um Ihnen die Wahl zwischen den 161 Festivalfilmen zu erleichtern, geben die SR-Filmexperten Sabine Janowitz und Susanne Kirchhofer vorab einen Überblick: Welchen Film dürfen Sie nicht verpassen? Wo warten Überraschungen? Und wo sind die eigentlichen Perlen versteckt?

SR.de: Gabriella Bandel hat das diesjährige Festival als "überaus reifen, vielschichtigen und gelungenen Jahrgang" bezeichnet. Wie würdet ihr die Filmauswahl nach erster Sichtung beschreiben?

Susanne Kirchhofer: Ich glaube, „reif“ ist das richtige Wort dafür.

Sabine Janowitz  (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Sabine Janowitz berichtet seit 1999 über das Max-Ophüls-Festival. Sie ist Redaktionsleiterin beim Kulturspiegel.

Sabine Janowitz: Die Filme sind alle handwerklich gut gemacht. Das hat nichts mehr zu tun mit Wackelkameras und Berliner Plattenbauten.

Susanne Kirchhofer: Gerade bei den Langfilmen hat der Unterhaltungswert unglaublich zugenommen.

SR.de: Stichwort Langfilm: Welcher Film hat Eindruck bei euch hinterlassen?

Kirchhofer: „Der Nachtmahr“. Den fand ich sehr beeindruckend.

Janowitz: Es gibt darin ein kleines E.T.-Wesen, das fand ich klasse. Die Psychose der Jugendlichen Tina ist sehr gut umgesetzt. Es bleibt immer etwas im Unklaren. Es wird wenig begründet, was passiert. Man weiß nie, was ist wahr, was nicht. Mir gefällt diese Offenheit.

Kirchhofer: Ich mag auch „Luca tanzt leise“. Das „leise“ passt irgendwie.

Janowitz: Ja, irgendwie unauffällig. Aber sehr schöne Szenen, ganz tolle Schauspieler. Besonders klasse ist Hans-Heinrich Hardt als älterer Freund der depressiven Luca.

Kirchhofer: Wenn man es etwas schräger mag, darf man auf gar keinen Fall „Sex and Crime“ verpassen mit Wotan Wilke Möhring.

Janowitz: Irrer Film.

Kirchhofer: So rasant schnelle Wendungen, dass man am Ende gar nichts mehr weiß… Ich finde auch, dass ist ein richtiger Männerfilm. Sehr schräg ist auch „Desire will set you free“, ein Schwulenfilm unter anderem mit Nina Hagen und Rosa von Praunheim. Der ist einfach abgedreht. Persönlich finde ich auch „Rockabilly Requiem“ sehr interessant.

Janowitz: Ja, der hat was. Der ist schön gedreht. Das Licht in den Musikszenen ist toll, die Kostüme sind sehr aufwendig. Er verliert zwar nach hinten, aber ich erwarte auch nicht bei einem Wettbewerbsfilm, dass alles stimmt.

Susanne Kirchhofer (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Susanne Kirchhofer arbeitet als Fernsehautorin und hat 2000 das erste Mal über das Max-Ophüls-Festival berichtet.

Kirchhofer: Der Hauptdarsteller Ben Münchow ist der Versuch eines kleinen James Dean. Er ist auch für den Nachwuchsdarstellerpreis nominiert.

SR.de: Könnt ihr schon einen Langfilm ausmachen, der eventuell Chancen auf eines der Stahlherzen hat?

Janowitz: Mein Lieblingsfilm hat noch nie gewonnen. Und ich habe die Juryentscheidungen auch oft nicht verstanden. Also müsste ich jetzt was nehmen, was mir nicht gefällt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass „Schrotten!“ den Publikumspreis bekommt.

Kirchhofer: Oder „Sex and Crime“.

Janowitz: Oder „Luca tanzt leise“. Das Publikum hat schon oft kluge Entscheidungen getroffen.

Kirchhofer: Aber sonst ist es schwierig, vorab zu spekulieren. Die Filme liegen alle nah beieinander. Es gibt keinen richtigen Kracher, keinen Aufregerfilm, wo einem das Herz in die Hose rutscht, wie zum Beispiel „Chrieg“ im vergangenen Jahr. Es gibt auch keinen richtigen Durchfaller.

SR.de: Ist das auch ein Unterschied zu den Filmen der vergangenen Jahre?

Janowitz: Ja, das Handwerk nimmt einfach immer mehr zu. Es sind bei einigen Filmen auch mehrere Fernsehdramaturgen dabei gewesen, das sieht man schon.

SR.de: Wir haben jetzt viel über die Langfilme im Wettbewerb gesprochen. Welche Filme fallen denn bei den Dokumentationen auf?

Janowitz: Bei den Dokumentationen gibt es einige pure, ganz trockene Reportagen. So eine rohe Machart, vor allem die norddeutschen. „Manche hatten Krokodile“ zum Beispiel erzählt von den Menschen, die auf St. Pauli leben und arbeiten. Der lebt einfach von seinen Figuren, den kann man wunderbar anschauen. Ich glaube, der findet viele Freunde. „Als die Sonne vom Himmel fiel“ ist sehr persönlich und berührend. Der Großvater der Regisseurin war Militärarzt in Hiroshima, als die Atombombe abgeworfen wurde. Die Geschichte erzählt sie nach, das ist ein bisschen hart durch die Originalaufnahmen. Und während sie den Film macht, passiert Fukushima. Dadurch entwickeln sich die Rollen noch einmal ganz anders. Unglaublich bildgewaltig ist auch „Passion for Planet“. Der Regisseur begleitet fünf der weltbesten Tierfilmer bei der Arbeit. Das war unglaublich aufwendig. Aber es gibt ganz tolle Bilder über alle Kontinente.

SR.de: Welche Überraschungen warten denn beim Festival auf uns?

Janowitz: Bei den Kurzfilmen sind ein paar echte Perlen dabei. Zum Beispiel „Maman und das Meer“. Der ist gut, aber auch richtig eklig.

SR.de: Inwiefern eklig?

Janowitz: Naja, am Anfang geht es viel um die Plastiktüte. Die Mutter schimpft mit ihrem erwachsenen Sohn, er darf sie nicht wegwerfen und soll sie nach dem Einkauf immer wieder zusammenfalten – die Mutter denkt dabei an das Meer. Der Sohn nimmt also die zusammengefaltete Tüte der Mutter und geht Orangen einkaufen. Vorher bringt er aber noch jemanden damit um. Zu den Perlen gehört auch „Am Fenster“.

Kirchhofer: Echt? Den fandest du gut?

Janowitz: Ja, ich stehe auf diesen österreichischen Humor. Der Film wurde nur in einer Einstellung gedreht, das finde ich sehr mutig. Ich gucke da gerne zu und frage mich, ob die das mit der einen Einstellung schaffen.

Kirchhofer: Ja gut, unter dem Aspekt…

Janowitz: Richtig gut ist auch „Hausarrest“. (Kirchhofer lacht). Die erste Einstellung ist sehr öde, aber die Story an sich ist einfach gut. Der Protagonist hat Hausarrest und eine Fußfessel. Und diese Fußfessel entwickelt ein Eigenleben. Das entwickelt sich alles sehr skurril.

SR.de: Einer der Schwerpunkte dieses Jahr ist das Thema „Flucht“. Welche Filme sind euch besonders aufgefallen?

Janowitz: Die Dokumentation „Gestrandet“ erzählt von fünf eritreischen Flüchtlingen in Ostfriesland. Filmisch setzt er nicht viel drauf, aber die Geschichte ist interessant und wird linear erzählt. Auch der mittellange Film „Mayday relay“ ist sehr gut. Ein Segler empfängt mit seiner Tochter auf hoher See einen Notruf von einem Flüchtlingsboot. Die Flüchtlingsdebatte wird dadurch weniger abstrakt, man wird konkret mit den Menschen konfrontiert.

Kirchhofer: Der Konflikt wird kaum aushaltbar. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was ich machen würde. Ich wüsste das nicht. Besonders stark ist der Unterschied zwischen dem besonnenen Vater, der erstmal nachdenken muss, und der jugendlichen Tochter, die sofort helfen will.

SR.de: Andere Film in diesem Schwerpunkt beschäftigen sich auch mit Migration und kultureller Identität. Findet sich dieser Aspekt auch bei den Filmemachern wieder?

Janowitz: Wir haben einige Filme von türkischstämmigen Regisseuren, die sich auch damit beschäftigen. Ganz besonders ist natürlich, dass in diesem Jahr auch drei Filme von syrischen Filmemachern laufen, die auch geflohen sind. Die sind zuerst im Saarland gelandet und leben jetzt in der Nähe von Karlsruhe. Da fragt man sich einfach, was machen syrische Filmemacher in einem fremden Land, in dem sie die Sprache nicht kennen? Wenn man die drei Filme sieht, versteht man die auch nicht unbedingt, weil eine ganz andere Bildsprache verwendet wird. Diese Filme kommen aus einer ganz anderen Welt und wirken fremd. Da ist dann auch die Frage: Für wen sollen die syrischen Filmemacher arbeiten? Jetzt müssen sie erstmal Deutsch lernen.

SR.de: Vielen Dank für das Interview.

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