Dystopia: Pioniere eines neuen Konzepts

Annabell Brockhues   21.01.2016 | 22:45 Uhr

Die Vision des Films kommt aus Brasilien, die Musik aus Russland, die Kulisse aus Deutschland – „Dystopia“ ist ein Filmprojekt, das von Menschen auf der ganzen Welt gestaltet wird. „User-generated cinema“ heißt das Konzept, das dahinter steht: Jeder kann mitmachen.

Am Anfang gab es nur eine Idee von Filmstudenten: Einen Cyberpunk-Film machen, bei dem der Produktionsprozess für alle geöffnet ist. Den ersten Mitmach-Aufruf gab es 2012: Bei diesem Meilenstein sollten Nutzer eine erste Filmidee in 400 Zeichen umreißen. Unter allen Ideen wurden die besten fünf gewählt, wiederum von den Nutzern. Diese fünf Ideen sollten nun von 400 auf 800 Zeichen ausgebaut werden, um unter allen Einreichungen wieder die beste Vision nach Meinung der Nutzer herauszufiltern. Die gewünschte Story: Wir schreiben das Jahr 2084. Jacobs Frau Ava ist todkrank. Er konserviert ihren Körper in seinem Experiment, während er ihren Geist in den Cyberspace überführt.

Mittlerweile gibt es elf dieser Meilensteine, 313 Nutzer auf der ganzen Welt machen und bestimmen aktiv bei „Dystopia“ mit. So wurde das Drehbuch bestimmt, die Musik, die Schauspieler, die Drehorte, die Farben. Die Geschichte wurde aus zwei Perspektiven gedreht, dazu kamen noch alternative Szenen. Das Ergebnis: sechs Stunden Rohmaterial, Sounds und Effekte. „Wer das Material runterlädt, kann daraus viele verschiedene Storys machen“, resümiert Regisseur Tobias Haase die Idee zu seinem Diplomfilm.

Eine weltweite Community

Hinter dem Konzept steht ein klassisches Filmteam: Regisseur, Drehbuchautor, Produzenten, Kostümdesigner. Besonders wichtig: das Community Management. Fast zwei Jahre hat Theresa Steffens gebraucht, um auf der ganzen Welt über soziale Netzwerke eine Öffentlichkeit aufzubauen, die „Dystopia“ mitgestalten wollen. Um aktiv zu sein, reicht eine Registrierung auf der Webseite. Aber: „Am Ende des Tages entscheiden der Kameramann und der Regisseur. Da wird dann nicht mehr die Community gefragt“, so Haase.

Während der ganzen Zeit von Dystopia gab es unterschiedliche Anforderungen an die Community. Am Anfang konnte sich jeder einbringen und eine Idee entwerfen, aber irgendwann habe man Spezialfähigkeiten wie Sounddesign oder Matte-Painting gebraucht. „Wir mussten für jeden Meilenstein die Community neu aufbauen“, erklärt Steffens.

Man könne sich das so vorstellen, dass 90 Prozent der Nutzer erstmal nur gucken, was bei „Dystopia“ passiert. Neun Prozent seien so stark interessiert, dass sie über die Ideen reden und abstimmen. Lediglich ein Prozent reiche überhaupt Ideen ein.

Einen eigenen Film schneiden

Seit 2013 steht das Filmmaterial nun zur freien Verfügung. Und das Dystopia-Team wartet nur darauf, dass die Community ihren eigenen Film schneidet und ihn zur Abstimmung einreicht. Aber es hakt: „Viele haben angefangen zu schneiden und dann aufgehört, weil es einfach zu viel Material ist“, sagt Produzent Pascal Nothdurft. Deswegen wolle man jetzt vorgeschnittene Szenenmodule zur Verfügung stellen, die die Arbeit erleichtern.

Wer genau die Zielgruppe von „Create Dystopia“ ist, ist nicht ganz klar: Es könnten Filminteressierte sein, die selbst mal in die Branche wollten. Oder junge Künstler, die noch am Anfang stehen und Referenzen für ihr Portfolio brauchen. Steffens unterteilt in eine Gruppe, die etwas mit ihrer Kompetenz gestalten will. Die andere Gruppe will inhaltlich bestimmen, was für einen Film sie gerne sehen würde.

Experimentell statt kommerziell

Ein kommerzieller Gedanke steckt nicht hinter „Create Dystopia“, erklärt Produzent Martin Katic: „Es steckt der experimentelle Gedanke dahinter, den Prozess vollständig zu öffnen und zu gucken, was passiert.“ Regisseur Tobias Haase sieht das ähnlich: „Es ist unglaublich spannend die Inspiration freizugeben und zu gucken, was zurückkommt. Das ist wie rausgehen und Inspiration holen.“ Amazon und Netflix verfahren so schon seit längerer Zeit – allerdings kommerziell.

Neue Art des Filmemachens

Auch wenn es für Haase eine neue Art des Filmemachens ist, birgt es einige Schwierigkeiten: „Wir haben auch einige negative Erfahrungen gemacht.“ Für Produzenten Pascal Nothdurft ist vor allem eine Frage wichtig: „Wie viel Kontrolle gebe ich ab?“ Deswegen habe man darüber immer kurzfristig entschieden: „Die Community braucht manchmal drei bis vier Wochen für Sachen, die wir in fünf Minuten entscheiden könnten.“ Der „Kosten-Nutzen-Koeffizient“ sei nicht rentabel, das Projekt koste am Ende jeden fünf Jahre. Fest steht für alle Beteiligten: Sie würden es wieder machen, aber nicht so.

Betrachtet man das Projekt, steht vor allem eine Frage im Raum: Spiel oder Film? „Was es letztlich ist, ist Definitionssache“, erklärt Nothdurft. Primär sei es ein Film, aber der größte Aufwand sei die Community. „Das Wort ‚cinema‘ steht hauptsächlich für den filmischen Anspruch.“

Ein endloses Projekt

Einen Zeitpunkt, wann die Entwicklung von „Dystopia“ endet, gibt es nicht: „Es ist eine never-ending story“, so Community-Manager Steffens. Das Team denkt eher in kleinen Schritten. Am 17. Februar feiern zwei 20-minütige Filme aus dem Material Premiere in Berlin – diese Filme hat allerdings das Team selbst geschnitten, nicht die Community. Sobald die Community auch die ersten Filme einreicht, soll ein abendfüllendes Programm mit verschiedenen Versionen von „Dystopia“ entstehen.

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