"Rockabilly Requiem" (Foto: Verleihfirma)

Macht und Geld im Filmgeschäft

Carla Sommer   20.01.2016 | 07:00 Uhr

Geld und die Unterstützung von Förderern sind im Filmbusiness unverzichtbar. Bekannte Regisseure haben damit in der Regel kein Problem, doch gerade für Nachwuchsfilmemacher kann der Kampf um die Finanzierung das Aus bedeuten. Das erfuhr auch Till Müller-Edenborn, Regisseur von „Rockabilly Requiem“. Ganze sieben Jahre dauerte die Fertigstellung seines Debütfilms, mit allen finanziellen Höhen und Tiefen.

Als Till Müller-Edenborn im Sommer 2008 die Idee für den Achtziger-Jahre-Film "Rockabilly Requiem" kam, war ihm noch nicht bewusst, dass er vor einer Reise von mehr als sieben Jahren stand. Gemeinsam mit einem Freund begann er im selben Jahr das Drehbuch zu schreiben und machte sich auf die Suche nach einer Produktionsfirma. Alles lief nach Plan: Nach zwei Jahren stellte Müller-Edenborn sein Drehbuch fertig. Die Produzentin für seinen ersten Spielfilm fand er in Elke Peters von der unabhängigen Produktionsfirma Neue Mira GmbH.

"Die Aufgabe der Produzentin ist es dann, mit dem Drehbuch und der Kalkulation durch das Land zu ziehen und Geld von Förderern zu sammeln", erklärt Müller-Edenborn. Gar nicht so leicht für einen Debütfilm: "Da liegt dann der eigene Film, ein Nachwuchsprojekt, auf demselben Schreibtisch wie die Drehbücher von Lars von Trier und Jim Jarmusch. Das ist echt ein Hammer! Ich meine, ich liebe diese Regisseure und ihre Filme, aber ich verstehe nicht, wieso ich mit meinem ersten Film unter denselben Maßstab falle wie jemand, der mehrfach Cannes gewonnen hat."

Drehstart mit Minimalbudget

Doch trotz aller Widrigkeiten und trotz fehlender Promi-Namen konnte "Rockabilly Requiem" unter anderem den WDR und die Mitteldeutsche Medienförderung für sich gewinnen. "Wir hatten dann ganz knapp die Millionen-Marke geknackt. Ab dann war klar: Wir müssen diesen Film jetzt machen", erzählt Müller-Edenborn. Obwohl im Vorfeld eigentlich ein Budget von 1,3 Millionen Euro kalkuliert worden war. "Ich konnte natürlich nicht mit einer Budget-Überziehung von 300.000 Euro in den Dreh starten. Darum habe ich mich noch mal wochenlang an den Schreibtisch gesetzt und einen kompletten Erzählstrang aus dem Drehbuch geschmissen", so Müller-Edenborn.

Kein leichter Schritt für den Regisseur, der die Vision eines vielschichtigen Historien-Films mit großen Bildern hatte. "Das Endprodukt ist nicht unbedingt schlechter, aber auf jeden Fall anders als das, was wir am Anfang im Kopf hatten", so Müller-Edenborn. "Aber das gehört auch zum normalen Prozess des Filmemachens dazu, dass man sein Kino im Kopf aufgeben muss und mit den Gegebenheiten, die man hat, auskommt und das Beste rausholt, was geht."

Unvorhersehbare Kosten

Im Sommer 2013 begannen dann für ihn und sein Team die Dreharbeiten. Innerhalb von wenigen Monaten und nach zwei Jahren Wartezeit wurden die Schauspieler gecastet und eine Filmcrew zusammengestellt. Doch durch einige unvorhersehbare Faktoren läpperten sich während des Drehs die Kosten. "In dem Sommer ist zum Beispiel die Elbe, wo wir gedreht haben, über die Ufer getreten. Deswegen mussten wir neue Drehmotive finden und alles hat sich wieder verzögert", sagt Müller-Edenborn. Bei Kosten von 30.000 Euro pro Drehtag war das nicht leicht zu verkraften. "Die Budget-Überziehung hat dann dazu geführt, dass eine kleine Produktion, die auch einfach gar keine Reserven mehr hatte, daran schließlich kaputt gegangen ist."

Trotzdem drehte Müller-Edenborn zu Ende. Im Schnitt wurde aber schließlich klar: Es ist kein Geld mehr da, der Film kann nicht fertig gestellt werden. "Das Vertrauen aller Beteiligter, der Förderer, der Sender, der Mitarbeiter ist dann natürlich aufgebraucht. Wenn kein Geld mehr da ist, dann sind die Schotten dicht." Für Till Müller-Edenborn bedeutete das den Sturz in eine Lebenskrise: "Das war für mich als Regisseur ein unheimlich wichtiger Film, weil ich endlich einen Kinofilm hatte machen wollen. Wo ich so viel reingesteckt und für den ich so viele Leute motiviert habe. In diesem Moment zweifelt man natürlich auch an sich selbst und an dem Weg, den man gegangen ist", erzählt er.

Das Vertrauen kleiner Produktionsfirmen

Als dann auch noch die Produktionsfirma wegen unbezahlter Rechnungen für die Dreharbeiten Insolvenz anmelden musste, drohte der Film endgültig in der Schublade zu verschwinden. Doch durch die Insolvenz ging auch eine "bürokratische Maschinerie" los: "Es gab dann eine Gläubigerversammlung, bei der die Gläubiger eingewilligt haben, dass der Film zu Ende gedreht wird. Und weil der Rohschnitt des Films so gut ankam, haben der WDR und die Förderer gesagt: Okay, eröffnet ein Treuhandkonto. Wir geben euch genau das Geld, das ihr braucht, um den Film fertig zu machen und keinen Cent mehr", erzählt der Regisseur. 

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Auch die Macher des Wettbewerbsfilms "Lenalove" hatten mit Finanzierungsschwierigkeiten zu kämpfen. Als in der Post-Produktion das Geld ausging, versuchten die Produzenten es mit Crowdinvesting. Dabei können private Investoren über eine Internetplattform Geld spenden. Im Falle eines Kinoerfolgs werden sie am Gewinn beteiligt. Bei "Lenalove" funktionierte diese Finanzierungsmöglichkeit aber nicht. "Das Problem war, dass wir die Dreharbeiten schon abgeschlossen hatten. Wir konnten die Investoren also zum Beispiel nicht zum Filmset einladen", erklärt Produzentin Tatjana Bonnet. "Dennoch halte ich Crowdinvesting für ein gutes Finanzierungsmodell und würde es wieder versuchen."

Im November 2015, genau ein Jahr später, konnte Müller-Edenborn den Film schließlich fertig stellen. "Dieser Film, diese Reise war für mich enorm. Ich muss ehrlich sagen, mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen, dass der Film jetzt in Saarbrücken läuft und die Leute ihn tatsächlich sehen können." Dass "Rockabilly Requiem" es doch auf die große Leinwand geschafft hat, ist für ihn auch der Verdienst der unabhängigen Produktionsfirma Neue Mira. "So eine kleine Produktionsfirma kann wirklich von Vorteil sein. Denn es gibt eine Schwelle, wenn alles Finanzielle aufgebraucht ist, dann zählt nicht mehr nur der wirtschaftliche Aspekt, das Geld, sondern vor allem das Vertrauen", sagt Müller-Edenborn. "Eine große Firma hätte einen Film in so einer Situation ganz schnell begraben. Uns ist das aber nicht passiert, weil am Ende eine Handvoll Leute immer noch an uns geglaubt haben."

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