Schweizer Film mit politischem Statement

Heimatland

Über der Schweiz braut sich etwas zusammen

Eine Rezension von Markus Person   20.01.2016 | 08:45 Uhr

Es ist Herbst in der Schweiz. Doch nicht nur die Kälte hält Einzug im Alpenstaat. Über dem ganzen Land wächst eine gigantische, dunkle Sturmwolke heran, die immer größere Ausmaße annimmt und für die es keine Erklärung gibt. Angst keimt auf. Ein Film wie ein Appell - nicht nur an die Schweiz.

Bewertung: Zwei drei Herzen

Zunächst gilt die über der Schweiz entdeckte Wolke als Naturphänomen. Schnell wird allerdings klar, dass sich da am Himmel etwas anderes zusammenbraut. Wenn sich der Sturm schließlich entlädt, wird vieles nicht mehr so sein wie zuvor. Auf dem Weg zum großen Knall begleitet der Episodenfilm in verschiedenen Handlungssträngen die verschiedenen Protagonisten auf ihrem ganz eigenen Weg, mit der herannahenden Katastrophe umzugehen.

Taxifahrer aus Kroatien, Schweizer Geschäftsmann, Polizistin mit Trauma

In „Heimatland“ führen gleich zehn Filmschaffende Regie. Entsprechend vielfältig gestalten sich auch die einzelnen Geschichten innerhalb der Grundstory: Einer Polizistin gelingt es nicht, ein Trauma zu verarbeiten, da sie sich nicht helfen lässt. Ein Schweizer Business-Typ kann seine Verachtung gegenüber Ausländern nicht verhehlen, greift aber in seiner Verzweiflung auf deren Hilfe zurück. Eine greise, vereinsamte Frau diskutiert mit ihrem Wellensittich die Zeitungsberichte. Als sich jemand um sie kümmern und helfen möchte, nimmt sie diese Hilfe nicht an. Ein Pärchen stürzt von Party zu Party und stellt später fest, dass es darin die einzige Gemeinsamkeit findet. Daneben versucht eine Art „Heimatfront“, den Alpenstaat gegen das vermeintlich aufziehende Böse mit Waffengewalt zu verteidigen.

Keine Hollywoodeffekte, mehr Hintersinn

Die meisten Einzelgeschichten stehen für sich, jeder Handlungsstrang bildet eine kleine geschlossene Story. So kann jeder Zuschauer selbst entscheiden, was für ihn die interessanteste Geschichte ist. Der Film setzt nicht auf großartige Spezialeffekte, sondern auf eine Fülle gesellschaftlich relevanter Themen: Polizeigewalt gegen Ausländer, rechte Tendenzen, die Spaßgesellschaft, die Probleme lieber ignoriert als sie anzugehen. Allerdings werden die Themen in den meisten Fällen leider nur oberflächlich behandelt.

Lieblingszitat: „Was wollen die denn alle hier? Schlafen, aufstehen…arbeiten, essen…saufen, reden…ficken, schlafen… Immer das Gleiche!“ - Schweizer Geschäftsmann

Gesprochen wird in „Heimatland“ Schweizerdeutsch und Französisch. Für die meisten Zuschauer bedeutet dies den unvermeidbaren Blick auf die Untertitel. In den Bildern zu den Geschichten dominiert das Düstere, Graue. Die Schauspieler, die weder durch glänzendes Spiel noch durch das Gegenteil auffallen, passen in dieses Bild und verleihen im Authentizität.

Politisch durch und durch

Man merkt diesem Film an, dass er aufrütteln will. Je nach Geschichtsstrang ist die Botschaft deutlich erkennbar, in manchen Fällen lassen die Episoden dem Betrachter auch Interpretationsspielraum. Heimatland ist kein Film, der nur für Schweizer interessant ist. In vielen anderen Ländern finden sich ähnliche Probleme. An der Schweiz und ihrer in vielen Bereichen rigiden Haltung - ob in Sachen Bankgeheimnis, Währung oder Asylpolitik - lassen sie sich aber besonders anschaulich illustrieren.

Die meisten Filme im Film üben klare Gesellschaftskritik und zeigen Missstände auf. Lösungsvorschläge darf man aber nicht erwarten. Heimatland gelingt es trotz der vielen Regisseure, zu einem erstaunlich harmonischen Gesamteindruck zu gelangen. Kein Film, der durch Schauspieler oder Handlung überzeugt, sondern durch seine Botschaft an die Gesellschaft. 

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