Yony Leyser in der SR-Lounge

Desire will set you free

Eine Rezension von Christian Schwarz   18.01.2016 | 20:00 Uhr

Die Lust wird dich befreien – so die Übersetzung des Filmtitels von Yoni Leyser. Bis zur Befreiung wird dem Zuschauer allerdings einiges abverlangt. Ein Berlin voller Exzesse und eine Handlung, die dazwischen meist untergeht, wirken statt befreiend vor allem verstörend.

Bewertung: Null von drei Herzen

Der Film von Regisseur Yony Leyser, der als Ezra auch eine der Hauptrollen verkörpert, zeigt die Hauptstadt als eine bunte und durchgeknallte Parallelwelt. Die Protagonisten bewegen sich in einem exzessiven Umfeld voller Drogen, Club-Partys und teils befremdlich wirkendem Sex, in allen erdenklichen Konstellationen. Neben ganz viel Kostümen und Glitzer auf nackter Haut wird dabei unter anderem mit Olivenöl und einem Spiegelei herumexperimentiert. Warum auch nicht… Immerhin gelingt dabei, dass sich der Zuschauer wie auf einem Drogentrip fühlt, in dieser Hinsicht also ganz nah bei den Figuren ist. Die Lust, die einen laut Filmtitel befreien soll, geht einem beim Blick auf die Leinwand allerdings schnell verloren.

Lieblingszitat: „Sometimes I feel like a woman“ - Sasha

Die Story? Eine der zahlreichen flüchtigen Bekanntschaften des US-Amerikaners Ezra ist der russische Stricher Sasha (Tim Fabian Hoffmann). Die beiden haben Sex und werden ein Paar, wenn man das angesichts der weiter wechselnden Sexualpartner so bezeichnen möchte. Diese Partnerschaft ist dann auch schnell wieder Geschichte, was aber weniger mit einer vermeintlichen Eifersucht zu tun hat. Vielmehr zweifelt Sasha immer stärker an seiner Rolle als Mann in der Partnerschaft, aber auch in der Gesellschaft. Hat er sich nicht schon immer mehr als Frau gefühlt? Rat holt er sich in dieser Situation unter anderem bei Nina Hagen, die einen Gastauftritt als „life advice“ hat.

Dokumentarischer Einfluss

Die Willkür bei der Wahl eines oder mehrerer Bettgespielen sowie banale Dialoge machen es dennoch schwer, eine emotionale Bindung des Zuschauers zu den Protagonisten aufzubauen. Da hilft es auch nicht, wenn die Geschichte durch die Entwicklung Sashas zumindest eine Facette aufweist, die so etwas wie Betroffenheit erzeugt.

Andeutungen auf tiefergreifende Zusammenhänge verenden im Nichts, beispielsweise die unterschiedliche Herkunft von Sasha und Ezra, dessen Eltern darüber hinaus Jude und Palästinenserin sind. Auch wenn es im Film, in dem fast ausschließlich englisch geredet wird, ruhigere Momente gibt, gehen diese zwischen den zahlreichen frivolen Happenings meist unter. Dass der Film dabei an zahlreichen Stellen an eine Dokumentation erinnert, ist von Regisseur Leyser durchaus gewollt. Wie der von ihm dargestellte Ezra ist auch Leyser vor einigen Jahren aus den USA nach Berlin gezogen. Daher dürfte der Film auch ein Stück weit vom eigenen Erfahrungsschatz inspiriert worden sein.

Wirklich befreiend wirkt die Lust aber alleine für Sasha, unterwegs auf seinem Selbstfindungstrip in der bunten Parallelwelt Berlins. Und für den Zuschauer, wenn er die oftmals verwirrenden psychedelischen Szenen dann endlich überstanden hat.

Regie: Yony Leyser
Deutschland 2015

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