Was ist der "Der Nachtmahr"?

Der Nachtmahr

Verstörend, verwirrend, hintersinniger Horror

Eine Rezension von Markus Person   18.01.2016 | 20:00 Uhr

Die 17-jährige Tina lebt in geordneten Verhältnissen und scheint auf nichts verzichten zu müssen. Doch nach einer Party mit Alkohol und anderen Drogen scheint alles anders: Ab diesem Zeitpunkt wird sie von einem albtraumhaften, potthässlichen Wesen heimgesucht - und niemand glaubt ihr. Realität und Fantasie beginnen zu verschwimmen. Am Ende fragt sich dann auch der Zuschauer, was los ist.

Bewertung: Zwei von drei Herzen

Laut! Sehr laut! Das ist die Empfehlung der Macher an die Zuschauer, wie sie sich den Film anschauen sollen - und das ist kein schlechter Tipp. Los geht der „Nachtmahr“ mit dem Einblick in das Leben von Protagonistin Tina (Carolyn Genzkow). Die 17-Jährige scheint der Prototyp des Gut-behütet-und-von-Allem-zuviel-Teenies zu sein. Ihre Eltern haben ein eigenes Haus, Tina allen Technikkram und jede Menge Freiheiten, um sich auf düsteren Elektropartys in Alkohol und Drogen auszuprobieren. Wären da nur nicht all die Selbstzweifel, die ein Heranwachsender in der Regel mit sich trägt: Zu dick oder zu dünn? Immer noch Jungfrau. Werde ich von meinen Freunden akzeptiert? Alle ihre Probleme findet Tina in ihrer Begegnung mit ihrem eigenen Dämon wieder, einem verformten, embryonenartigen Etwas.

Handwerklich überzeugend

Handwerklich lässt der Film kaum Wünsche offen. Die Bildsprache entspricht den Situationen - während der Partys hektisch, in Tinas Soloerlebnissen mit ihrem Dämon geradezu quälend akribisch und lähmend - das erzeugt an vielen Stellen die angemessene Stimmung. Hinzu kommt ein krachendes Sounddesign. Vor allem die merkwürdigen, dissonanten Geräusche des Mahrs sorgen auch in eher harmlosen Momenten dafür, dass man seine Abneigung gegenüber der Kreatur nie ablegen kann. Und auch die Animation des Wesens ist überzeugend gelungen.

Die Darsteller spielen ihre Rollen solide, sowohl Tinas Freundinnen Barbara (Sina Tkotsch) und Moni (Lynn Femme), als auch die in den überzeichneten Elternrollen wirkenden Julika Jenkins und Arnd Klawitter. Andere Rollen, allen voran die des Psychiaters (Alexander Scheer), wirken in ihrem Spiel übertrieben. Nötig wäre dies nicht gewesen. Über allen thront dann Hauptdarstellerin Carolyn Genzkow, der man ihre Rolle in eigentlich jeder Situation abnimmt, egal ob sich in ihrem Gesicht Verärgerung, Panik, Verlangen und Langeweile widerspiegelt - starke Leistung!

Kaum störender Leerlauf

Es gibt auch Längen in der Handlung, diese halten sich aber in Grenzen und an den richtigen Stellen sorgen sie eher für eine atmosphärische Verdichtung als für Langeweile. Als gutes Beispiel für eine solch triviale Situation, in der dennoch eine klare Botschaft versteckt ist, findet sich in folgendem Dialog: (Abendessen: Tina mit ihren Eltern und deren Freunden; Tinas Mutter:) „Ja, die Tina, ähm, hat im Moment ein bisschen Probleme. Aber ich finde sie geht ganz toll damit um“. (Freund der Eltern:) „Ja gut, Probleme haben wir alle irgendwie“ (verhaltenes Gelächter). Anschließend erzählt Tinas Vater von der Psycho-Therapie seiner Tochter. Gerade diese Nüchternheit in der Bloßstellung der Tochter hätte auch der ein oder anderen Partysequenz nicht geschadet. 

Alles auf einmal in einem Nachtmahr

Regisseur Akiz, alias Achim Bornhak, packt in seinen als Psychogramm daherkommenden Horrorfilm gleich jede Menge Fragen. Wahrscheinlich war ihm dabei auch klar, dass nicht alles beantwortet werden kann. Auf eine Auflösung mancher zentralen Fragestellung wartet der Zuschauer dann auch größtenteils vergebens.

Haben es die Jugendlichen heutzutage durch multimediale Vernetzung und eine damit einhergehende Reizüberflutung schwerer als in der Vergangenheit, ihren Platz im Leben und der Gesellschaft zu finden? Wer bin ich und wo gehöre ich hin? Sind die Dämonen von früher andere als die von heute? Eine Antwort gibt der Film nicht - er lädt allerdings dazu ein, sich über das Thema Gedanken zu machen. Neue Akzente für den deutschen Film anstrengend anders! 

Regie, Buch: AKIZ
Deutschland 2015

Artikel mit anderen teilen