Intensive Figuren und berührende Geschichten

Agnes

  18.01.2016 | 20:00 Uhr

Walter soll eine Geschichte über Agnes schreiben. Darüber, wie er sie und ihre Liebe sieht. Und so verläuft ihre Liebe parallel: im realen Leben und auf Papier. Der Film verwebt beide Ebenen so stark, dass man das Gefühl bekommt, neben einem guten Film auch ein gutes Buch vor sich zu haben.

Bewertung: Drei von drei Herzen

„Das Glück schreibt keine guten Geschichten“, sagt Walter (Stephan Kampwirth). Agnes (Odine Johne), die in seinem Arm liegt, schaut er dabei nicht an. Sie sind glücklich, verliebt. Agnes wünscht sich, dass Walter einen Roman über sie schreibt. Doch das Glück hindert ihn daran: Wenn nichts passiert, kann sich die Geschichte auch nicht weiterentwickeln.

Lieblingszitat: „Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?“ – „Entschuldigung, dass ich das frage, aber bist du krank?“

Agnes und Walter lernen sich in der Bibliothek kennen. Er arbeitet an einem Sachbuch, sie an ihrer Dissertation. Auf dem Weg zu ihrem ersten Date kommen sie an einem Unfall vorbei, eine Frau liegt tot auf dem Gehsteig. Ohne sich richtig zu kennen fangen sie an, über die grundlegenden Fragen des Lebens zu sinnieren. Immer wieder bringt Agnes das Gespräch auf die Vorstellung vom Tod, ewiges Leben und durch Unsterblichkeit durch Erinnerungen – und Bücher.

Harte Realität oder schöne Geschichte?

Als Agnes einen Band mit Kurzgeschichten von Walter findet, möchte sie, dass er einen Roman über sie schreibt: „So, dass jeder versteht, dass du dich in mich verliebst.“ Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht fängt Walter an zu schreiben. Anfangs befeuert das Experiment ihre Beziehung – sie durchleben noch einmal die Anfänge ihres Kennenlernens. Agnes erfährt, mit welchen Augen Walter sie sieht. Agnes will, dass Walter die Realität abbildet, mit allen Details. Walter will, dass die Geschichte schön ist.

Die Beziehung kippt, als Walter mit der Geschichte in der Gegenwart ankommt. Er schreibt sich in Situationen dazu, in denen er nicht dabei sein kann. Er schreibt die Zukunft ihrer Beziehung. Agnes nimmt er zunehmend nur noch als Figur in seinem Roman wahr. Als er glaubt, es müsse was passieren, um ihre Geschichte voranzubringen, wird Agnes schwanger. Walter will das Kind nicht, die Beziehung zerbricht. Aber weil Walter auch nicht ohne Agnes sein kann, fängt er an, die Beziehung auf Papier weiterzuführen. Auch als Agnes wieder zu ihm zurückkommt, entfernt sich sein Roman immer weiter von der Realität – bis Walter zwei verschiedene Enden schreibt. Und Agnes zwischen dem guten und dem tragischen Ende wählt.

Grenzen verschwimmen

Es ist, als würde man einen Film schauen und gleichzeitig ein Buch lesen – parallel entwickeln sich zwei Geschichten, die eng miteinander verwoben sind, auch filmisch. Bei beidem steht die Frage im Raum: Wie wird es enden? Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen für den Zuschauer, Szenen werden in mehreren Versionen hintereinander geschnitten – was wirklich passiert, bleibt unklar. Die Spannung hält sich trotz einiger Längen bis zum Schluss.

Agnes als Mysterium

Es gibt nur Agnes und Walter, ihre Außenwelt bleibt größtenteils außen vor. Agnes selbst lernt der Zuschauer nur Walters Roman kennen. Sie ist ein Mysterium – und Odine Johne verleiht der Titelfigur einen tiefgründigen Zauber, wodurch sie fast unnahbar und eher Fiktion als Realität scheint.

Regisseur Johannes Schmid drehte „Agnes“ nach der Vorlage von Peter Stamms 1998 erschienen gleichnamigen Roman. Schmid bezeichnet den Roman als eine seiner eindringlichsten Leseerfahrungen: „Wer wünscht sich das nicht, vom anderen ‚erkannt‘ zu werden. Aber ist dies überhaupt möglich?“

Regie: Johannes Schmid
Deutschland 2016

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