Ben im Treppenhaus der Villa Oppenheimer (Foto: Annabell Brockhues)

Auf Ophüls' Spuren: "Es ist wie ein Traum "

Annabell Brockhues   21.01.2019 | 16:35 Uhr

Andréas-Benjamin Seyfert ist der Urenkel des in Saarbrücken geborenen Regisseurs Max Ophüls. Anlässlich des 40. Jubiläums des Filmfestivals Max Ophüls Preis kam Seyfert das erste Mal nach Saarbrücken. SR.de hat den Ophüls-Erben auf einem Rundgang durch die Vergangenheit begleitet.

Andréas-Benjamin Seyfert, oder einfach Ben, ist schon ein paar Tage in Saarbrücken, als er zu mir ins Auto steigt. Es ist der Festival-Donnerstag und wir haben uns zu einem Ausflug verabredet: Wir wollen nach Scheidt zur alten Villa der Familie Oppenheimer, auf den Max-Ophüls-Platz in Sankt Johann und in die Försterstraße, wo Max Ophüls den Großteil seiner Kindheit und Jugend verbrachte. „Es ist wie ein Traum, wie ein Zauber. Ich kann das alles noch gar nicht fassen“, sagt Ben, als wir losfahren. Er ist noch nie in Saarbrücken gewesen, geschweige denn auf dem Filmfestival, was nach seinem Urgroßvater benannt ist.

In der Ophüls Meisterklasse

Ben an der Steele am Max Ophüls Platz (Foto: Annabell Brockhues)

Ben ist ein echter Ophüls. Er kleidet sich ebenso adrett wie sein Großvater Marcel Ophüls, der Sohn von Max, immer mit Anzughose und Hemd unter dem gestreiften Pullover. Er ist ein Geschichtenerzähler, wie sein Großvater. Und auch seine Leidenschaft gilt dem Film.

„Mein Großvater hat mir alles beigebracht, was ich über Film weiß“, erzählt Ben. Bereits als Kind von sechs Jahren bekam er in den Sommerferien von Marcel Ophüls Unterricht in Filmgeschichte: „Der erste Film war ‚Du sollst mein Glückstern sein’, ein Musical, als vom Stumm- zum Tonfilm umgestellt wurde. Das war meine erste Lektion.“ Der Großvater zeigte Ben nur die Ausschnitte, in denen diese Umstellung problematisch war – „ich wollte so gerne den ganzen Film sehen, aber das hat er mir nicht erlaubt. Nur die Probleme.“ In den Tagen darauf folgten weitere Klassiker der Filmgeschichte, erinnert sich Ben: Ausschnitte aus Max Ophüls’ Werken „Der Reigen“ (1950) und „Liebelei“ (1933). „Mein Großvater hat alle Ausschnitte sehr präzise ausgewählt, um mir Film zu erklären. Das war so prägend – ich habe mich direkt in den Film verliebt.“

Ben hilft bei Memoiren

Es blieb nicht bei der theoretischen Frühförderung: „Der erste Dreh mit meinem Großvater war in Venedig für seine Memoiren. (Ein Reisender – Marcel Ophüls, 2012, Anm. d. Red.)“ Hier habe er gelernt, wie man eine Kamera bedient und Ton aufnimmt. Und schließlich landete Ben auch im Schnittraum – „aber dann war mein Großvater gar nicht mehr happy.“ Sowohl für Max als auch für Marcel Ophüls war und ist der Schnittraum ein Tabu. 2017 erzählte Marcel Ophüls in einem Interview, es sei ein Verbrechen gewesen bei Max Ophüls in den Schneideraum zu kommen – und bei ihm sei das auch nicht anders.

Nun war Ben aber im Schneideraum. Und der Großvater angespannt: „Er hat mich gefragt, was ich hier noch mache, Filmleute seien eigentlich lieber unter sich. Aber wenn ich noch da sei, müsse es ja einen Grund geben. Und so durfte ich bleiben.“ Später diktierte Marcel Ophüls seinem Enkel auch die schriftlichen Memoiren, wie sein Vater Max ihm damals die seinen diktierte.

Die Haus der Oppenheimers

Ben vor der Villa Oppenheimer (Foto: Annabell Brockhues)

Mittlerweile sind wir in Scheidt. Oben auf dem Schmittenberg steht die ehemalige Villa der Oppenheimers, von Max Ophüls Eltern. Die Familie Oppenheimer zog in den 1920er Jahren aus der Försterstraße in St. Johann hierher – Max Ophüls hatte Saarbrücken damals schon verlassen. Heute teilen sich sechs Studenten das Anwesen, zwei von ihnen empfangen uns. Auch wenn Max Ophüls wahrscheinlich nie in diesem Haus gewohnt hat, betritt Ben die Villa nahezu ehrfürchtig. Die Augen weit geöffnet steht er in dem großen Flur und weiß zunächst nicht, was er sagen soll. Aber er hat viele Fragen an die heutigen Bewohner. Und die wissen ziemlich genau Bescheid über die Geschichte des Hauses, die Familie Oppenheimer und Max Ophüls.

Ben im Gespräch mit Student Friedrich Karger (Foto: Annabell Brockhues)

Eine Hausführung steht an: Über das herrschaftliche Wohnzimmer in die oberen Stockwerke, durch den Trakt der Hausangestellten zurück in die Küche und schließlich in den Keller zum Luftschutzbunker. Als Ben in dem Partykeller zwei ausrangierte Kinosessel sieht, muss er lachen: „Oh Gott, dass Studenten in diesem Haus wohnen und das Nachwuchsfilmfestival nach meinem Urgroßvater benannt ist, das passt einfach zu gut.“ Als Ben sich verabschiedet, übergibt er ein Buch an die Wohngemeinschaft: die Memoiren seines Urgroßvaters.

Der dritte Ophüls?

Bereits 2017 äußerte sich Marcel Ophüls über die Karriere seines Enkels, er werde der dritte Ophüls. „Er sagt das immer wieder zu Leuten vor mir. Das ist so unheimlich lieb, dass er so ein Vertrauen zu mir hat, das kann ich eigentlich nicht verantworten.“ Für Ben ist klar, dass er nicht mehr vom Film wegkann. 2013 ging er im Rahmen seines Germanistik- und Anglistik-Bachelors für ein Auslandssemester nach Los Angeles. Aber statt in der Uni zu sitzen machte er in der Produktionsfirma Phoenix Pictures, (u.a. „Shutter Island“ oder „Black Swan“) ein Praktikum und arbeitete als Assistent für einen der Produzenten. Nachts las er Drehbücher, tagsüber saß er in Meetings, telefonierte, organisierte. „Es war so spannend, dass ich bis zum Tag meines Abflugs meine kompletten Tage dort verbracht habe.“

Welchen Weg Ben genau im Film einschlagen will, weiß er nicht. Denn die Ophüls' würden nicht wirklich in die Fußstapfen des anderen treten: „Marcel hat ganz andere Filme als Max gemacht. Obwohl Marcel von Max gelernt hat.“ Mittlerweile lebt Ben wieder in Los Angeles und schreibt seine Doktorarbeit zum Weimarer Kino.

Viel zu verarbeiten

Ben am Max Ophüls Platz (Foto: Annabell Brockhues)

Bevor er sich den nächsten Film auf dem Festival anschaut, machen wir noch einen Abstecher zum Max-Ophüls-Platz und in die Försterstraße. „Ich weiß gar nicht, wie ich Saarbrücken finde, weil ich alles durch eine rosa-rote Linse sehe. Es ist so schön, wie sich die ganze Stadt für dieses Festival engagiert“, sagt Ben. „Ich weiß gar nicht, wie ich das alles verarbeiten soll“, sagt er zum Abschied und meint wahrscheinlich nicht nur die Festivalfilme, sondern auch das Erbe. Dann verschwindet er im Kinosaal.


Rund um Ophüls 2019
"Das melancholische Mädchen" von Susanne Heinrich hat den Hauptpreis des 40. Filmfestivals Max Ophüls Preis gewonnen. Der Publikumspreis für den besten Spielfilm ging an "Kaviar". Hier gibt es alle Infos zum Festival 2019.

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