Max Ophüls Preis Online Edition von zuhause aus. (Foto: SR/Pixabay/Frankundfrei)

Ophüls auf der Couch - 5

Sven Rech   22.01.2021 | 10:42 Uhr

Tag 5 des Festivalprogramms, das man in diesem Jahr statt im Kino nur zuhause gucken kann. Die Festivalmacher bieten dazu jeden Tag einen Parcours durch die "Highlights des Tages" an, damit man nicht den Überblick verliert. Unser langjähriger Ophüls-Beobachter Sven Rech berichtet an dieser Stelle über seine eigenen Heimkino-Erlebnisse.

Die Briefmarkensammlung

Ich muss etwas gestehen: gestern bin ich mehrmals in einem Film eingeschlafen. Liegt es daran, dass wir alle in diesem Jahr dazu verdammt sind, das Festival auf der Couch zu zelebrieren? Möglich. Vielleicht lag es aber auch ein bisschen an dem Film selbst. Er verspricht, mir "DAVOS" zu zeigen, das schweizerische Bergdorf, das durch den "Zauberberg" von Thomas Mann berühmt wurde und jedes Jahr (bis auf unser aller Corona-Jahr) Schauplatz des Weltwirtschaftsforums ist. Damit beginnt der Film.

Sven Rech (Foto: Privat)
Sven Rech

Man schaut den Fernsehteams aus aller Welt von der Seite beim Berichten zu, erhascht hier und da einen Blick auf offenbar wichtige ökonomische Entscheider, von denen man noch etwas gehört hat, sieht, wie sich die Türen von Sitzungsräumen schließen – und als nächste Szene, wie auf einem entlegenen Bergbauernhof ein totes Kalb geboren wird. Es reihen sich weitere Szenen von Fischern, Sozialpädagogen, Museumsbesuchern und einem Topmanager aneinander, ohne dass ein anderer innerer Zusammenhang bestehen würde als eben die Überschrift: DAVOS. Eine Aufzählung, ein Album voller Briefmarken. Ich bitte um Entschuldigung bei allen Philatelisten, aber ich fand Briefmarkensammlungen immer schon noch langweiliger, als ihr Ruf es in hundert Witzen suggeriert.

Was fehlt?

Ich habe mich das lange gefragt. Der Film erzählt mit tollen Bildern – stopp! Das stimmt nicht. Der Film hat tolle Bilder, das schon – aber erzählt nichts. Er zählt auf. Es gibt keine innere Ordnung: "Weil dieses so ist, kommt jetzt das, und dann jenes." Die Reihenfolge der Szenen könnte auch ganz anders sein. Nichts ergibt sich aus dem Vorigen.

Szene aus dem Film "DAVOS". (Foto: (c) European Film Conspiracy)
Szene aus dem Film "DAVOS".

Aber so ist eben die Wirklichkeit, sagen die Puristen unter den Dokumentarfilmern. Man darf sich nicht einmischen, man darf nichts gestalten. Nur dokumentieren. Als wäre nicht schon die Anwesenheit einer Kamera eine Einmischung und die Montage eine Gestaltung.

Es tut mir leid: Ich finde, Briefmarken gehören auf Briefe, damit die Briefe selbst eine Reise antreten und von ihren Empfängern gelesen werden können. Im Album sind sie nur für ihren Sammler von Wert.

Wahre Geschichten

Wie es anders geht, zeigt unter anderen der Dokumentarfilm "Nichts Neues". Schon in den ersten Minuten zeigt er – ebenfalls in tollen Bildern – worum es in den nächsten Stunden gehen wird: um einen Konflikt. Damit ergibt sich automatisch etwas, was eine Erzählung ausmacht: es gibt einen Protagonisten und einen Antagonisten – wie im Kino.

Szene aus dem Film "Nichts Neues". (Foto: (c) Lennart Hüper)
Szene aus dem Film "Nichts Neues".

"Ja, aber die Wirklichkeit?" rufen die Puristen. Die Wirklichkeit ist hier leider sehr real: es geht um den Kampf der Seenotretter im Mittelmeer, speziell um den des deutschen Kapitäns Claus-Peter Reisch, gegen die Behörden. Man könnte auch sagen: gegen den Zynismus unserer Gesellschaft, die sich von ängstlichen Politikern ("Ich würde ja, aber meine Koalitionspartner!") und juristischen Winkelzügen ("Ist Ihr Schiff überhaupt ausgestattet, um Menschen zu retten") vor der brutalen Wahrheit schützen lässt, dass jeden Tag im Mittelmeer Menschen ertrinken, die unsere Hilfe suchen.

Traumfabrik der Wirklichkeit

Wie aber stellt man eine Wirklichkeit dar, die nicht real ist – aber trotzdem, im Wortsinn, ungeheuer wirklich? Damit beschäftigt sich die 20-minütige Dokumentation "Undenkbar", produziert an der Hochschule für Bildende Künste Saar. Es ist die Lebensgeschichte eines jungen Mannes, der von Zwangsgedanken geplagt wird: Vorstellungen, die ungefragt in seinem Gehirn auftauchen und von Mord und Totschlag handeln. Die Bilder im Kopf sind nicht real, aber hochwirksam: Bin ich ein Monster, fragt sich der junge Mann und beginnt, sich von allen Menschen zurückzuziehen, um niemanden zu gefährden.

Der Film muss das alles irgendwie zeigen. Aber welche Kunstform wäre besser dazu geeignet als die Traumfabrik Kino? Und so ist dieser Film denn auch eine faszinierende Reise ins Innere des Denkens. Für’s Briefmarkenalbum eignet er sich allerdings eher weniger.

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