Max Ophüls Preis Online Edition von zuhause aus. (Foto: SR/Pixabay/Frankundfrei)

Ophüls auf der Couch

Sven Rech   18.01.2021 | 08:44 Uhr

Heute beginnt das eigentliche Festivalprogramm, das man in diesem Jahr statt im Kino nur zuhause gucken kann. Die Festivalmacher bieten dazu jeden Tag einen Parcours durch die "Highlights des Tages" an, damit man nicht den Überblick verliert. Unser langjähriger Ophüls-Beobachter Sven Rech wird an dieser Stelle über seine eigenen Heimkino-Erlebnisse berichten.

"Wieso liegt eigentlich Schnee?" fragt die Moderatorin, und ihr Kollege fragt zurück: "Wieso hast du eine Maske an?" Tatsächlich wird man sich in einigen Jahren – etwa wenn man auf 50 Jahre Ophüls zurückblicken wird – vermutlich ziemlich wundern über den 42. Jahrgang des Festivals.

Ein besonderer Jahrgang

Sven Rech (Foto: Privat)
Sven Rech

Das Jahr (weißt du noch?), in dem das komplette Festival online stattfinden musste wegen dieser Krankheit (wie hieß die gleich?). Bei Interviews standen damals die Menschen auf zehn Schritt Abstand wie Revolverhelden in einem Western, und den saarländischen Ministerpräsidenten hatten seine Medienberater für die ungewohnte Plattform so gecoacht, dass sein Grußwort aussah wie die Bewerbung für eine Castingshow.

Wo sich in anderen Jahren drei komplette Kinosäle zur Festivaleröffnung füllten, da war im 42. Jahr im weltweiten Netz noch viel Platz: Gerade mal 359 User waren online, als das Festival begann. Man wird sich erinnern, zum 50. in acht Jahren: Stimmt ja, damals, 2021, da sollte man ja Abstand halten. Aber gleich so viel?

Der Eröffnungsfilm "A Black Jesus"

Wie viele Menschen dann den Eröffnungsfilm gesehen haben, kann ich nicht sagen. Aber ich kann ihn jedem nur empfehlen! Der Dokumentarfilm "A Black Jesus" von Luca Lucchesi erzählt mit der ruhigen Wucht seiner Bilder von Siculiana, einem Dorf in Sizilien, wo die Menschen eine schwarze Jesus-Figur anbeten – und sich zugleich vor den schwarzen Männern im Flüchtlingsheim fürchten.

Drei Männer stehen im Film "A Black Jesus" vor einem großen Gebäude. (Foto: Allessandro Ricardo Tedesco, Road Movies)
Szene aus dem Film "A Black Jesus", der das 42. Max Ophüls Filmfestival eröffnet

Es ist das Jahr, in dem in Italien der Rechtspopulist Salvini mit in der Regierung sitzt, die Häfen für die Seenotretter schließt und mit fremdenfeindlichen Parolen Stimmen sammelt. Auch in Siculiana skandieren sie die Parolen, aber Luca Lucchesi hört länger zu, geduldig, ohne jeden Kommentar. Eigentlich haben die Leute hier nichts gegen Fremde, hört er, hören wir: Sie selber sind ja von überall hergekommen oder waren schon mal weg – als Fremde in Deutschland zum Beispiel.

Aber sie haben Sorge, dass die jungen schwarzen Männer, die das Meer an ihren Strand gespült hat, ihren Kindern die wenigen Jobs wegnehmen, die es in Siculiana noch gibt. Den schwarzen Jesus in der Kirche bitten sie denn auch um ganz konkrete Dinge: Oh Herr, mach, dass ich ein neues Handy kriege.

Film urteilt nicht

Einmal im Jahr wird der Gekreuzigte (lang lebe Jesus Christus an seinem Kreuz, singen sie, ohne sich der Grausamkeit dieses frommen Wunsches bewusst zu werden) in einer komplizierten Prozession durch die Gassen des Dorfes getragen. Dazu wird er in der Kirche vom Kreuz genommen und an ein anderes gehängt, und der aufmerksamen Kamera entgehen die spitzen Nägel nicht, die sich erneut durch die Hände bohren.

A Black Jesus, Eröffnungsfilm des Filmfestivals Max Opühüls Preis 2021 (Foto: RoadMovies / Paolo Indelicato)
Szene aus dem Eröffnungsfilm "A Black Jesus"

Auf einem schweren Holzgestell, das von zwanzig, dreißig Männern über steile Treppen und zwischen Wäscheleinen und Elektroleitungen balanciert werden muss, zieht der schwarze Jesus vorbei an weinenden Mütterchen und feixenden Jugendlichen. Als einer der schwarzen Flüchtlinge sich ein Herz fasst und fragt, ob er und seine Freunde beim nächsten Mal mittragen dürfen, da scheint das Eis schnell gebrochen. Weil die Kamera dabei ist?

Luca Lucchesi erliegt nicht der Versuchung eines Happy Ends. Er fängt auch die Flüche auf die "Zulus" ein, als die Prozession einmal in Schieflage kommt…Darum empfehle ich "A Black Jesus": weil er so unaufdringlich zum genauen Hinschauen einlädt, weil er nicht urteilt, nichts besser weiß, nichts beweisen will. Er dokumentiert ein Stück Leben. Das ist viel.

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