Max Ophüls Preis Online Edition von zuhause aus. (Foto: SR/Pixabay/Frankundfrei)

Ophüls auf der Couch - 6

Sven Rech   23.01.2021 | 10:42 Uhr

Letzter Tag des Festivalprogramms, das man in diesem Jahr statt im Kino nur zuhause gucken kann. Die Festivalmacher bieten dazu jeden Tag einen Parcours durch die „Highlights des Tages“ an, damit man nicht den Überblick verliert. Unser langjähriger Ophüls-Beobachter Sven Rech berichtet an dieser Stelle über seine eigenen Heimkino-Erlebnisse.

 (Foto: Privat)

Das war’s auch schon wieder – die Ophüls-Woche ist vorbei. In normalen Zeiten würde man jetzt platt in die Kissen sinken und all den versäumten Schlaf nachholen. Im Jahr der Pandemie ging das Leben trotz Ophüls einfach weiter wie immer – das heißt: nicht wie immer. Es blieb da stehen, wo das Virus es angehalten hat.

Man kann allen Beteiligten gar nicht genug dafür danken, dass sie trotz allem eine Art Festival auf die Beine gestellt haben. Ein paar Film-Stunden lang war man dann doch in vielen neuen, unbekannten Welten, hat am Leben wildfremder Menschen teilnehmen dürfen (realen wie erfundenen), hat – wenn auch nur auf einem Bildschirm im Bildschirm – die Schöpfer dieser Geschichten kennengelernt und das ein oder andere unmaskierte Gesicht ins Herz geschlossen.

Tristesse auf demSofa

Ich habe mich dabei ertappt, mit jedem Film ein wenig melancholischer zu werden, ja, auf eine unbestimmte Art sogar ein bisschen neidisch. Worauf? Auf die Menschen, die in diesen Filmen dichtgedrängt in Restaurants saßen oder in Autos, die sich zur Begrüßung umarmten und zum Abschied küssten, die in weniger als einem Meter Abstand einander ins Gesicht lachten oder sich anbrüllten, ohne an ihre Aerosole zu denken, die um fremde Menschen keinen Bogen machten, unbefangen in Geschäfte, Büros oder Kneipen gingen und auch dann nicht flüchteten, wenn dort einer zu husten anfing. Oh Gott, denkt man da im Jahr der Pandemie auf seinem gut abgeschirmten Sofa und zieht die Decke über den Kopf wie ein Kind, das seinen ersten Horrorfilm sieht: wenn das mal gutgeht!

Aber dann beruhigt man sich gleich wieder. Es ist ja nur ein Film.

Der Science-Fiction-Film vom letzten Jahr

Noch vor einem Jahr – man glaubt es kaum – war es genau umgekehrt. Da lief beim Ophüls-Festival ein Film mit dem Titel LIVE. Er handelte von einer Gesellschaft, in der (man hielt es für eine sehr abstruse, überspannte Idee der Filmemacherin) Menschenansammlungen verboten waren. Kommuniziert wurde nur (und man schüttelte als Zuschauer den Kopf über diese Vorstellung) per Videokonferenz, Konzerte konnte man (welch seltsame Idee) höchstens als Online-Stream erleben.

Keine zwei Monate später wurde das alles Wirklichkeit…

Festival-Fieber?

Ich drücke ein paar Leuten die Daumen für die Preisverleihung heute abend, aber so richtig mitfiebern kann ich in diesem Jahr nicht. Schon allein, weil Fieber gerade ein ganz schlechtes Zeichen ist.

Werden wir uns jemals wieder in die Kinos quetschen? Mit zweihundert Leuten in einem dunklen Saal gleichzeitig loslachen? Uns rotznasig in Lolas Bistro auf den Füßen stehen und gegen den Lärm ringsum anschreien bis wir – oh Gott! – Halsweh haben? Fremde Hände schütteln, unbekannte Körper umarmen, neue Wangen küssen (von Mündern ganz zu schweigen)? Uns an dieses Jahr erinnern, in dem wir das alles nicht durften?

Oder war das – nur ein Film?

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