Szene aus dem Film "Stern" (Foto: Pressefoto/A+A Produktion)

Stern

Eine Rezension von Annabell Brockhues   16.01.2019 | 00:00 Uhr

Frau Stern will sterben. Nicht, weil sie krank ist. Sie möchte selbst bestimmen, wann es Zeit für ihren „Abgang“ ist, wie sie es nennt. Entschlossen, dem Leben ein Ende zu setzen, streift Frau Stern durch die Straßen Berlins und wird dabei immer wieder vom Leben und den Menschen überrascht.

Bewertung: Drei von drei Herzen

SR Lounge: Stern
Video [SR.de, (c) SR, 17.01.2019, Länge: 05:41 Min.]
SR Lounge: Stern

Frau Stern, 90 Jahre alt, schlohweißes Haar, sitzt in ihrer Lieblingskneipe. In der linken Hand eine Zigarette, in der rechten ein Glas Weißwein. Sie dreht sich zu den anderen Gästen um: „Hallo, weiß jemand von euch, wie ich zu einer Knarre komme? Zu kaufen oder so?“ Frau Stern ist kerngesund, doch sie will sterben. Und sie ist überzeugt, eine Waffe könnte dabei von Nutzen sein. Also fragt sie rum – in der Kneipe, ihre Enkelin Elli, den Friseur, der Hausbesuche bei ihr macht und Joints für sie baut. Doch außer dem Arzt und der Barkeeperin verrät sie niemandem direkt etwas von ihrer Todessehnsucht.

Frau Stern hat als einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt. „Dass ich noch lebe ist reiner Zufall“, sagt sie anlässlich ihres 90. Geburtstags. Frau Stern sollte das Leben genießen, meint man. Und das tut sie auch: Gemeinsam mit ihrer Enkelin tanzt Frau Stern ausgelassen durch die Nacht. Der Film strotzt vor Lebensfreude. Und doch wird Frau Stern nicht müde, ihren Wunsch zu wiederholen: „Ein Mensch muss abtreten, wenn er kann.“ Und weil sie immer noch keine Waffe hat, sucht sie andere Wege.

Stern berührt

Es ist kein leichter Stoff, den sich Regisseur Anatol Schuster für seinen ersten Langfilm ausgesucht hat. Aber er überzeugt – genauer: Ahuva Sommerfeld, Frau Stern, überzeugt. Der Zuschauer kommt ihr sehr nah, denn es ist ihre Geschichte, die Schuster hier erzählt. Unerschrocken wendet sie sich direkt an die Kamera, wenn sie von ihrer Todessehnsucht spricht. Auch der trockene Humor, den Regisseur Schuster als Treibkraft des Projekts benennt, kommt durch.

„Stern“ berührt – aber nicht auf eine traurige Art, sondern durch kleine Begegnungen, die das Leben bejahen.  

Regie: Anatol Schuster
Deutschland 2019


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