Reise nach Jerusalem (Foto: Kess Films)

Reise nach Jerusalem

Eine Rezension von Katrin König   23.01.2018 | 20:00 Uhr

Jung, intelligent, motiviert und trotzdem arbeitslos. Alice hat es derzeit nicht leicht: Ihre Bewerbungen laufen ins Leere, die Maßnahme des Jobcenters bricht sie ab, die Bezüge werden gekürzt. "Reise nach Jerusalem" zeigt eindrucksvoll, welchen Stellenwert Arbeit in unserer Gesellschaft einnimmt und wie schwer es wird, wenn man plötzlich keine mehr hat.

Bewertung: Drei von drei Herzen

Für Alice (Eva Löbau) läuft es momentan einfach nicht. Ihren alten Job hat sie verloren, ein neuer ist weit und breit nicht in Sicht, obwohl sie am laufenden Band Bewerbungen schreibt. Um sich über Wasser zu halten, nimmt sie an Tests eines Marktforschungsinstituts teil.

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Reise nach Jerusalem: "Auf der Suche"
Gut ausgebildet und dennoch chancenlos: Eva Löbau verkörpert in der Tragikomödie von Regisseurin Lucia Chiarla "Alice", die ihren Platz im Leben derzeit nicht finden kann. Trotz aller Tragik des Themas war es Chiarla dabei wichtig, auch Situationen einzubringen, in denen man lachen kann. Denn so ist das Leben.

Als Entschädigung für ihren Aufwand erhält Alice Benzingutscheine. Dumm nur, dass sie schon lange kein Auto mehr besitzt und ihr auch niemand das "Monopoly-Geld" abkaufen möchte. Gegenüber ihren Freunden und ehemaligen Arbeitskollegen will Alice den Schein wahren und spielt die toughe, erfolgreiche Selbständige mit vollem Terminkalender. Ihre Eltern sind zwar eingeweiht, dass sie derzeit arbeitslos ist, wissen aber nicht, wie misslich die Lage wirklich ist.

Damit ihr das Amt die Bezüge nicht streicht, quält sie sich zu den gähnend langweiligen Weiterbildungsmaßnahmen des Jobcenters, für die sie viel zu überqualifiziert ist. Lange hält sie das allerdings nicht durch und bricht ab. Auch zwischenmenschlich geht bei Single Alice grade nichts. Abgesehen von einem bezahlten One-Night-Stand mit ihrem neuen Nachbarn, ist das Liebesleben der 39-Jährigen mehr als überschaubar. Dann - endlich - ein Lichtstreif am Horizont: Sie hat ein Bewerbungsgespräch ergattert! Zu viel soll nicht verraten werden, aber natürlich geht auch das nicht reibunglos vonstatten.

Alles wird gut?

Auf beklemmend eindrückliche Art und Weise wird in "Reise nach Jerusalem" gezeigt, welche Auswirkungen Arbeitslosigkeit haben kann und wie schnell auch gut ausgebildete und motivierte Menschen davon betroffen sein können. Trotz Willen und Fleiß dreht sich die Abwärtsspirale gnadenlos weiter, bis man sich selbst und all sein Tun in Frage stellt.

Regisseurin Lucia Chiarla ist ein wirklich beeindruckend guter Debütfilm gelungen. An einigen Stellen hat er zwar Längen, aber insgesamt ist die Geschichte so nachvollziehbar und realistisch erzählt, dass man über diese leichten Schwächen gerne hinwegsieht. Die zunehmende Verzweiflung von Alice, bringt Darstellerin Eva Löbau so überzeugend rüber, dass man sie in den Arm nehmen und ihr zuflüstern möchte: "Alles wird gut. Irgendwann." Vielleicht wird es das ja auch - das Ende lässt zumindest hoffen.

Regie: Lucia Chiarla
Deutschland 2018


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