Szene aus dem Film "Kaviar" (Foto: Pressefoto/Witcraft Filmproduktion)

Kaviar

Eine Rezension von Carla Sommer   16.01.2019 | 23:00 Uhr

Herrlich überspitzte Russen-Komödie aus Österreich: Übersetzerin Nadja hat die Nase voll von ihrem Chef, dem stinkreichen Oligarchen Igor. Zusammen mit ihrer betrogenen Freundin Vera und ihrem Kindermädchen Teresa schwört sie Rache gegen die Männerwelt. Es entbrennt ein klischeehafter Geschlechterkampf, in dem einfältige und geldgierige Männer den smarten Frauen immer einen Schritt voraus zu sein scheinen.

Auszeichnung

  • Publikumspreis Spielfilm


Bewertung: Drei von drei Herzen.

SR Lounge: Kaviar
Video [SR.de, (c) SR, 18.01.2019, Länge: 05:49 Min.]
SR Lounge: Kaviar
Es gibt nicht viele auf dem Festival, aber es gibt sie: "Kaviar", von Regisseurin Elena Tikhonova, ist eine waschechte Gauner-Komödie. Das Besondere daran ist nicht nur, dass sie ihre Hauptrollen mit zwei Frauen besetzt hat, sondern auch, dass die Vorlagen zu den Figuren aus ihrem Bekanntenkreis stammen. In die Lounge hat sie ihre beiden Protagonistinnen Darya Nosik und Margarita Breitkreiz mitgebracht, die ein wenig über Klischees plaudern.

„Kaviar“ beginnt skurril: Irgendwo im österreichischen Niemandsland steht ein nackter Mann mit Leninmaske auf offenem Feld und wird von einem wahnsinnig wirkenden Russen mit Kurzhaarfrisur und Pelzkragen von einem Hochsitz aus mit einem Gewehr beschossen. Aus dem Off erklärt eine Frauenstimme, dass es sich bei dem abgedrehten Russen um den dekadenten Oligarchen Igor (Mikail Evlanov) handelt.

Ein Haus auf der Schwedenbrücke

Max Ophüls Festival-Filmtipp: Kaviar
Audio [SR 1, 18.01.2019, Länge: 02:28 Min.]
Max Ophüls Festival-Filmtipp: Kaviar
Eine herrlich überspitzte Russen-Komödie aus Österreich: Übersetzerin Nadja hat die Nase voll von ihrem Chef, dem stinkreichen Oligarchen Igor. Zusammen mit ihrer Freundin Vera und ihrem Kindermädchen Teresa schwört sie der Männerwelt Rache. Doch ihr Vorhaben verläuft nicht ganz so wie geplant ...

Die Skurrilität der ersten Szene zieht sich durch den gesamten Film – und macht ihn zu einem komödiantischen Erlebnis für das Publikum. Aber von vorne: Die Erzählerin ist die russischstämmige Nadja (Margarita Breitkreiz), Igors Übersetzerin, Assistentin und Mädchen für alles. Trotz zweier Uniabschlüsse und weitreichender Sprachkenntnisse besteht ihr Job vor allem darin, Luxusartikel für Igors Liebhaberinnen zu kaufen, im Restaurant Kaviar und Schampus für ihn zu bestellen und ihn bei seinen wahnwitzigen Geschäftsterminen zu begleiten. Dabei hat Nadja als alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern eigentlich selbst genug um die Ohren.

Der Höhepunkt des Ertragbaren scheint erreicht, als Igor sich in den Kopf setzt, ein Haus auf der Wiener Schwedenbrücke, einem Hauptverkehrsknotenpunkt über dem Donaukanal, zu bauen. Nadja ist entsetzt und versucht ihm sein Hirngespinst auszureden. Der einzige, der von Igors Schnapsidee begeistert zu sein scheint, ist der naive Wiener Bauunternehmer Klaus (Georg Friedrich), der schon lange davon träumt, in Igors Gunst zu stehen. Er wittert die Chance auf das große Geld und erklärt sich bereit, gegen Bezahlung den Wiener Stadtrat zu schmieren und Igors Bauvorhaben in die Wege zu leiten.

Frauen gegen Männer

Nachdem Klaus' russische Frau Vera (Darya Nosik) herausfindet, dass Klaus sie betrogen hat, schwört sie Rache. Und da auch Nadja die Nase gestrichen voll von Igors Wahnsinn hat, tun sich die zwei Russinnen mit dem antikapitalistischen Kindermädchen Teresa (Sabrina Reiter) zusammen und planen einen Coup, um an Igors Schmiergeld zu kommen. Es entbrennt ein bildstarker Kampf der Geschlechter, in dem die Frauen als (meist) scharfsinnige Racheengel immer wieder nicht nur ihren Kopf, sondern auch ihren Körper hinhalten müssen, um gegen die einfältigen, geldgierigen Männer zu gewinnen.

Gute Chancen auf Publikumspreis

„Kaviar“ ist ein flotter und amüsanter Film mit Slapstick-Elementen. Bildlich ist das Werk von Regisseurin Elena Tikhonova toll gemacht: Die ästhetischen Kameraeinstellungen erinnern an hochwertige Eigenproduktionen von Streamingdiensten wie Netflix und Co. Der Streifen überzeugt auch durch schnelle, mit Soundeffekten unterlegte Umschnitte, und mit comicartigen Animationen, die die einzelnen Szenen verbinden.

Inhaltlich mag „Kaviar“ zwar manchmal ein bisschen einfach gestrickt sein. In der ein oder anderen Szene überrascht er dann jedoch wieder mit einer gekonnten Prise Gesellschaftskritik. Der Cast ist ein Glücksgriff: Die landes- und geschlechtertypischen Klischees werden von den Schauspielern herrlich überspitzt dargestellt. Dem Film fehlt zwar möglicherweise die Tiefe, um in der Kategorie „Bester Spielfilm“ abzuräumen, er hat aber wegen seiner knackigen Dialoge, seiner überzeugenden Machart und der abgedrehten, witzigen Story definitiv das Zeug zum Publikumsliebling.

Regie: Elena Tikhonova
Österreich 2019


Rund um Ophüls 2019
"Das melancholische Mädchen" von Susanne Heinrich hat den Hauptpreis des 40. Filmfestivals Max Ophüls Preis gewonnen. Der Publikumspreis für den besten Spielfilm ging an "Kaviar". Hier gibt es alle Infos zum Festival 2019.

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