Szene aus dem Film 'Electric Girl' (Foto: Niko Film)

Electric Girl

Eine Rezension von Leonie Rottmann   16.01.2019 | 23:00 Uhr

Mia ist überzeugt, die Menschheit vor dem drohenden Untergang durch eine feindliche Macht retten zu müssen – genau wie eine Animé-Superheldin, der sie als Synchronsprecherin ihre Stimme leiht. Eindrucksvolle Bilder und überzeugende Schauspieler bringen den Zuschauer direkt in eine Welt, in der die Grenze zwischen Wahn und Realität immer mehr verschwimmt.

Bewertung: Drei von drei Herzen

SR Lounge: Electric Girl
Video [SR.de, (c) SR, 17.01.2019, Länge: 05:30 Min.]
SR Lounge: Electric Girl

Poetry-Slammerin Mia (Victoria Schulz) steht im Tonstudio, um die Stimme von Superheldin Kimiko zu synchronisieren. Die Heldin der Animé-Serie muss die Welt vor einer Bedrohung in Form von böser Elektrizität retten. Je mehr sich Mia mit der Geschichte beschäftigt, desto mehr Parallelen entdeckt sie zwischen der Realität und der Scheinwelt – und zwischen sich und Kimiko.

Mia glaubt plötzlich auch, Superkräfte zu besitzen: Sie sieht Elektrizität, kann von Hausdächern springen und sogar Menschen vor dem sicheren Tod bewahren. Wie in einem Rauschzustand ist sie überzeugt, als Auserwählte für den Weltfrieden zuständig zu sein. Dafür ist ihr kein Opfer zu groß.  

Wechselspiel zwischen Realität und Fiktion

Regisseurin Ziska Riemann erzählt die Geschichte von "Electric Girl" geschickt: Die unscheinbar wirkende Mia erzählt selbst den Werdegang von Kimiko, die im Verlauf immer mehr zu ihrem eigenen wird. Dadurch verschwimmen Schein und Wirklichkeit anfangs sogar für den Zuschauer. Erst als Mia schon die Rolle der Animé-Superheldin übernommen hat, wird deutlich, dass sie sich in einem manischen Rausch einer Scheinwelt befindet und damit sogar ihr Leben aufs Spiel setzt.

Die Hauptfigur Mia legt eine Wendung um 180 Grad in eine beängstigende Richtung zurück – innerlich wie äußerlich. Jeder einzelne Schritt in die fiktive Welt wirkt authentisch, wenn auch verrückt und weltfremd. Dafür sorgt auch Schauspielerin Victoria Schulz, die in der Rolle als Manga-Fanatikerin überzeugt. Mia ist für den Zuschauer unberechenbar – und genau das macht die Geschichte so spannend. Kleiner Kritikpunkt: Das Ende kommt ziemlich abrupt und lässt einige Fragen offen.

Rettung vor sich selbst

"Hol‘ mich zurück auf die Erde, ich treib‘ davon. Tu etwas – SOS – dass ich wieder runterkomm‘!" Mia spricht dem Zuschauer in einem ihrer Poetry-Slams aus der Seele: Je verrückter und fanatischer sie wird, desto mehr entsteht beim Beobachter der Wunsch, dass ihr jemand aus diesem Rauschzustand heraushilft, bevor sie vollkommen den Bezug zur Realität verliert.   

Dem Einen oder Anderen mag die Geschichte zu unrealistisch erscheinen. Wer aber Freude an ein bisschen Fantasie und Utopie hat, wird sich auf die Geschichte einlassen und gespannt verfolgen, wie Mia die Welt vor einem eingebildeten Feind retten möchte.  

Regie: Ziska Riemann
Deutschland 2018


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