Szene aus dem Film 'Das melancholische Mädchen' (Foto: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin)

Das melancholische Mädchen

Eine Rezension von Annabell Brockhues  

Auf der Suche nach einem Schlafplatz streift das melancholische Mädchen durch die Stadt. In 14 Episoden trifft sie junge Mütter, hüpft von Kunstgalerien zu Yoga-Studios in die Betten fremder Männer. Ihre Depression wird dabei zum Politikum.

Auszeichnungen

  • Max Ophüls Preis 2019 für den besten Spielfilm
  • Preis der ökumenischen Jury


Bewertung: Zwei von drei Herzen

Das melancholische Mädchen trägt nur einen beigen Kunstpelzmantel, darunter ist es nackt. In der Hand eine Zigarette, die Haare adrett hochgesteckt, steht es vor einer Fotowand – weißer Sandstrand, türkis-blaues Wasser, Palmen. Es hält einen Monolog: „Wie bin ich all das geworden, was ich nie werden wollte?“, fragt es direkt in die Kamera und schiebt eine zweite Frage hinterher: „Glaubst du, wenn man so aussieht, kann man irgendwas anderes werden?“

SR Lounge: Das melancholische Mädchen
Video [SR.de, (c) SR, 16.01.2019, Länge: 06:40 Min.]
SR Lounge: Das melancholische Mädchen

„Das melancholische Mädchen“ wird in 14 Episoden erzählt. Inhaltlich weitestgehend unabhängig voneinander, drehen sich die Episoden um Feminismus, Emanzipation, die Frau als Sexobjekt. Das melancholische Mädchen spricht über ihre Depression als Politikum, eine gescheiterte Therapie und ein ebenso gescheitertes Buchprojekt.

Keine Emotionen

Dabei wirkt das Setting überhaupt nicht melancholisch. In einer Episode trottet ein Einhorn durch das Bild, in einer anderen gibt es pinke Plastik-Flamingos. Die dominierenden Farben: Pastelltöne, vor allem rosa und türkis. Die Ausstattung erinnert mehr an eine Eis-Werbung der 50er-Jahre als an Melancholie. Es ist übertrieben fröhlich.

Das melancholische Element bringen die Schauspieler in den Film ein, vor allem Hauptdarstellerin Marie Rathscheck. Ihr Spiel lässt sich am besten als „ausdruckslos“ beschreiben. Egal, bei welchem Thema, die Schauspieler zeigen keine Emotionen, weder ein Lächeln noch eine Träne. Wenn gelacht wird, dann übertrieben – hart und kalt. In dieser Ausdruckslosigkeit liegt die Stärke des Films: Wenn Rathscheck bei einem ihrer zahlreichen Monologe geradewegs in die Kamera guckt, ohne eine Miene zu verziehen, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Das melancholische Mädchen“ ist nicht sonderlich pessimistisch oder depressiv. Auf den teilweise tiefgründigen Inhalt kommt es auch nicht wirklich an. Es ist der Gegensatz von reklameartigem Setting und schauspielerischer Ausdruckslosigkeit, der den Film besonders macht – und das konsequent in 14 kurzen Teilen. Es ist definitiv ein anderer Film – und könnte gerade deshalb Chancen auf eines der begehrten Herzen haben.


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