Drohnenaufnahme vom Altstadtfest in Saarbrücken 2019 (Foto: imago images / Becker & Bredel)

„Eine lächerliche Summe“

Gerd Heger   18.12.2020 | 19:35 Uhr

Lange und erregte Diskussionen in diesem Jahr, jetzt eine Neuregelung im Stadtrat einfach durchgewunken: Die Stadt Saarbrücken hat die Kulturförderung der Freien Szene neu geordnet. Nicht für jeden verständlich. Eine Einordnung von Gerd Heger.

Gestritten wurde, beraten wurde, Audienzen wurden gewährt und viel hin- und her gefacebookt und gemailt: Der heftige Streit um die jahrzehntelang nicht geänderten Förderungrichtlinien der Freien Szene, Theater, Musik, Bildende Kunst, Literatur – er bestimmte das Saarbrücker Kulturjahr, durch Corona verstärkt.

Bewährtes und Unverständliches

Kommentar zur Kulturförderung in Saarbrücken
Audio [SR 2, (c) SR, 18.12.2020, Länge: 02:23 Min.]
Kommentar zur Kulturförderung in Saarbrücken

Die Neuregelung in ihrer Endfassung soll nämlich allein auf dem Mist der Regierungsfraktionen von CDU, FDP und Bündnis90/die Grünen gewachsen sein, mit Federführung bei letzteren – wenig Arbeit für OB Uwe Conradt (CDU) und den bekanntlich eher diskreten Kulturdezernenten Thomas Brück (Gründe).

Heraus kam Bewährtes und Unverständliches: Beibehalten wurde – das war die bisherige Linie – dass sich innovative, herausragende Projekte bewerben sollen. Also Anspruchsvolles. Bewerben sollen sich in Zukunft vor allem nachweislich Profis, die, wie es heißt, von ihrer Kulturarbeit leben können. Nun ja, eine eher überschaubare Zahl. Gegen Null dürfte die Zahl der neu aufgenommenen, professionellen Filmprojekte gehen, die gibt es kaum in SB – wohingegen Literatur und Bildende Kunst aus nicht genannten Gründen plötzlich für Saarbrücken nicht mehr als zuschusswürdig gelten.

Fachjury statt Kulturamt

Saarbrücker Kulturförderung - der große Wurf?
Audio [SR 2, Sally Delin, 18.12.2020, Länge: 05:48 Min.]
Saarbrücker Kulturförderung - der große Wurf?
Interview mit Katharina Bihler

Beraten über die Anträge soll ein drei- bis fünfköpfige Fachjury, nicht mehr das Kulturamt intern, das bisher dem Kulturausschuss als weiterhin entscheidendem Gremium die Liste der zu Fördernden vorlegte. Diese Entmachtung hatten einige Kunstschaffende lange gefordert – und natürlich hängt die Akzeptanz dafür von der Zusammensetzung der Jury ab.

Gerettet ist dauerhaft die exklusive Saarbrücker Sommermusik, sie bekommt einen eigenen, minimal erhöhten Etat von 60.000 Euro – ein Aufatmen geht durch die experimentelle Musikszene. Überhaupt haben die Kämpferinnen und Kämpfer für eine anspruchsvolle Kultur offensichtlich den Sieg davon getragen – Breitenkultur, Popkultur oder Unterhaltung werden weiterhin vom Förderkonzept nicht berücksichtigt, obwohl sich zum Beispiel die Interessenvertretung Poprat dafür eingesetzt hatte.

Enger gefasste Anträge

Jugend- und Soziokultur kommt mit einer kleinen Summe von 9950 Euro ins Konzept hinein, fällt aber woanders weg. Kleine, etablierte Spielstätten wie das Theater im Viertel oder die Breite 63 müssen ihre Anträge nochmal genauer fassen, damit sie weiter unterstützt werden. Den eigentlichen Skandal aber kann auch diese Neuregelung der Kulturförderung nicht beseitigen: Gut 100.000 Euro für interessante, freie Kultur sind für eine Landeshauptstadt nach wie vor eine lächerliche Summe.

Die genauen Förderkritierien finden sich auf der Homepage der Landeshauptstadt.

Über dieses Thema hat auch SR 2 KulturRadio am 18.12.2020 berichtet.

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