„Armut ist nicht immer direkt sichtbar“

Das Gespräch führte Katrin König   04.10.2016 | 06:38 Uhr

Zwei Jahre hat der Fotograf und SR-Reporter Pasquale D'Angiolillo an seiner Ausstellung „Auf Augenhöhe - Gesichter der Armut“ gearbeitet, die seit Dienstag in der Arbeitskammer zu sehen ist. Er zeigt Porträts und Lebenswirklichkeiten von 14 armen Menschen mit dem Ziel, Armut tiefer in die Köpfe der Menschen und in den Fokus der Politik zu bringen.

14 Menschen, 14 Schicksale, 14 unterschiedliche Charaktere: Bevor Pasquale D'Angiolillo die ersten Bilder schießen konnte, musste er viele Gespräche führen, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Vertrauen, das wichtig war, um die Menschen in der zu ihr passenden Wirklichkeit abzubilden.

Zu dem Projekt kam er durch puren Zufall, als er für die Arbeitskammer etwas zum Thema "Armut" umsetzte. Dabei lernte er Wolfgang Edlinger und Manfred Klasen von der saarländischen Armutskonferenz kennen - und auch fünf der Leute, die jetzt bei der aktuellen Ausstellung mitgewirkt haben. Zuerst sollten es nur fünf Exponate werden, doch schnell folgte die Überlegung, eine größere Ausstellung daraus zu machen, um das Thema "Armut" wieder mehr in den Fokus zu rücken. Warum die Arbeit an dem Projekt nicht immer ganz einfach war und schließlich zwei Jahre dauerte, erzählt D'Angiolillo im Gespräch mit SR.de.

SR.de: Warum hat es denn so lange gedauert?

Pasquale D’Angiolillo: Bevor die ersten Bilder gemacht wurden, haben wir uns erst einmal getroffen, damit wir uns kennenlernen und gegenseitiges Vertrauen aufbauen konnten. Als das Eis gebrochen war, haben wir uns wieder getroffen – nie alleine, immer in der Gruppe. Wir haben viel über Probleme und die Ursachen gesprochen, die letztendlich dazu geführt haben, dass die Menschen jetzt in Armut leben. Und dann haben wir uns überlegt, wie das Bild zu der jeweiligen Person aussehen könnte – "die Lebenswirklichkeit" haben wir es genannt. Also etwas, das für sie persönlich steht. Unser Ziel war, Armut nicht in Klischeebildern darzustellen, wie man es häufig sieht. Wir wollten also gerade nicht den Obdachlosen in der Bahnhofstraße zeigen. Denn häufig ist es so, dass Armut gar nicht auf den ersten Blick sichtbar ist.  

Die Ausstellung

Die Bilder sind vorerst vom 4. Oktober bis zum 18. November 2016 im „Haus der Beratung“ der Arbeitskammer zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag von 8.00 Uhr bis 16.00 Uhr, Freitag von 8.00 Uhr bis 15.00 Uhr.

SR.de: Wie viele Menschen in Armut haben mitgemacht?

D’Angiolillo: Eigentlich 15. In der Ausstellung werden aber nur 14 zu sehen sein, weil eine der Mitwirkenden aktuell die Chance auf eine neue Arbeitsstelle hat und sie Angst hatte, dass ihr das Projekt schadet.

SR.de: Was war denn das Schwierige an dem Projekt? 

D’Angiolillo: Es war gar nicht so einfach, Menschen für das Projekt zu begeistern, die den Mut hatten, sich für dieses Thema vor die Kamera zu stellen. Denn die Leute haben einen mächtig großen Stolz. Dass sie dort angekommen sind, wo sie jetzt sind, ist vielleicht auch mal selbst verschuldet, passiert aber meistens durch Dinge, die jedem passieren können. Die können dir und mir passieren und dann ist man schneller in dieser Situation, als man es sich vorstellen kann. Der Stolz dieser Menschen hat mich schwer beeindruckt.

Pasquale D'Angiolillo (Foto: Privat)
Pasquale D’Angiolillo wurde 1974 als Kind italienischer Einwanderer in Dudweiler  geboren. Nach dem Fachabitur absolvierte er eine Fotografenlehre, die er als Landesbester abschloss. Direkt im Anschluss erwarb er in München seinen Meisterbrief. D’Angiolillo arbeitet seit vielen Jahren als freier Fotograf – heute vor allem für den Saarländischen Rundfunk und die Arbeitskammer. Außerdem ist er Lehrbeauftragter an der Hochschule für Bildende Künste.

SR.de: In welcher Umgebung sind die Fotos dann schlussendlich entstanden? Haben dir die Mitwirkenden irgendwann bereitwillig Einblicke in ihr Leben gegeben?

D’Angiolillo: Ich habe sie immer in der für sie passenden Situation fotografiert. Mit dem ein oder anderen durfte ich sogar mal mit nach Hause gehen, um zu sehen, wie es dort ausschaut. Aber bereitwillig? Sagen wir so: Ab dem Moment, als sie eingewilligt haben mitzumachen, war klar, dass wir das machen, was wir vereinbart hatten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Besonders toll fand ich bei dem Projekt, dass alle in den gesamten Prozess einbezogen waren. Sie waren im Vorfeld bei den Gesprächen dabei. Aber nachdem ihre Geschichte abgeschlossen war, sind sie nicht einfach ihrer Wege gegangen. Die Gruppe war bei den Terminen immer zusammen, hat gemeinsam diskutiert und Ideen entwickelt. Teilweise waren das ziemlich heftige und emotionale Gespräche. Der ganze Weg bis zur Ausstellung war ein richtiger Entwicklungsprozess, der den Mitwirkenden meiner Meinung nach gut getan hat.

SR.de: Woran machst du das fest?

D’Angiolillo: Im Vorfeld der Vernissage haben noch einige Gespräche stattgefunden und einer aus der Gruppe hat dabei erzählt, wie schön es war, wertgeschätzt und ernstgenommen worden zu sein – und zwar von jemandem, der nicht in seiner Situation ist. Außerdem haben sie durch das Projekt die unterschiedlichen Schicksale der anderen gehört und gemerkt, dass sie nicht alleine sind.

SR.de: Was erhofft ihr euch von dem Projekt und insbesondere der Ausstellung?

D’Angiolillo: Häufig leiden die Betroffenen darunter, dass Maßnahmen auslaufen. Einer aus der Gruppe hatte beispielweise an einer Maßnahme teilgenommen und hat in dieser Zeit einer älteren, selbst von Armut betroffenen Dame geholfen und sich um sie gekümmert. Mit dem Ergebnis, dass er aufhörte zu trinken und eine sinnvolle Aufgabe hatte. Die Maßnahme ist mittlerweile ausgelaufen. Er hatte keine Beschäftigung mehr, hatte Langeweile und hing wieder an der Flasche. Die ältere Dame wiederum hatte niemanden mehr, der ihr helfen konnte. Dadurch sind zwei Leute wieder aus einem einigermaßen normalen Leben rausgekegelt worden.

Es wird gar nicht geschaut, welche Auswirkungen das Auslaufen einer solchen Maßnahme hat. Wir hoffen, dass wir durch die Ausstellung auch der Politik ein bisschen die Augen öffnen und sie für das Thema sensibilisieren können.

SR.de: Beim Wort "Armut" stellt man sich immer Menschen vor, die unterhalb des Existenzminimums leben. Kann man in deinen Bildern auch andere Formen der Armut erkennen?

D’Angiolillo: Letztendlich hängt Armut natürlich immer irgendwie mit fehlenden finanziellen Mitteln zusammen. Ich habe mir sehr viele Gedanken darüber gemacht, wo Armut beginnt. Klar, es gibt die finanzielle Armut – man ist also arm, wenn man kein Geld hat. Aber ich denke, das ist nur ein kleiner Aspekt. Viele sind arm, weil sie in Einsamkeit leben, weil sie nie die Chance erhalten haben, durchzustarten, weil sie nicht verstanden oder ernstgenommen werden. Das ist in meinen Augen manchmal schlimmer als die finanzielle Armut.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung „aktueller bericht“ am 4.10.2016 berichtet.

Artikel mit anderen teilen