Meurisse - Weites Land (Foto: Carlsen / Dargaud)

"Ich dachte, ich werde verrückt"

Catherine Meurisse und "Weites Land"

Sabine Wachs   28.02.2019 | 09:15 Uhr

Sie hat das Attentat auf die Satire-Zeitung Charlie Hebdo überlebt, weil sie zu spät zur Redaktionskonferenz kam. Vier Jahre später hat Catherine Meurisse durchs Zeichnen ihr Trauma überwunden. Mit ihrer Graphic Novel "Weites Land" meldet sie sich zurück.

Nach ihrer Graphic Novel „Die Leichtigkeit“, in der sie den Anschlag verarbeitet, ist nun in Deutschland Catherine Meurisses zweiter autobiographischer Comic erschienen: "Weites Land". Sie kehrt darin zurück in ihre Kindheit auf dem Land, an den Ort, der ihr von jeher Zuflucht und Sicherheit geboten hat.  

Überall Sonnenblumen (Foto: Carlsen / Dargaud)
Überall Sonnenblumen
„Ich öffne eine Tür, qui donne sur les prés!"

Eine Tür, die auf eine Wiese führt. Mit diesem Bild beginnt die neue Graphik Novel von Catherine Meurisse. In hrem Buch "Weites Land" durchschreitet die Zeichnerin diese Tür, die sie an die Wand ihrer kleinen Pariser Wohnung gezeichnet hat, und landet in einer Miniaturausgabe ihrer Kindheit, in ihrem Elternhaus, auf dem Land, in einem kleinen Dorf, gut 70 Kilomter von der französischen Atlantikküste entfernt. In Gedanken, erzählt Catherine Meurisse, ist sie in den vergangenen vier Jahren immer wieder durch diese Tür gegangen.

„Nach dem Attentat auf Charlie Hebdo habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, wer ich eigentlich bin. Um mich rum sind Polizisten, ich habe einen Leibwächter, ich hätte sterben sollen, meine Freunde sind tot. Das war so absurd, dass ich dachte, ich werde verrückt. Ich habe dann „Die Leichtigkeit“ geschrieben, um nicht wahnsinnig zu werden. Es geht darin um die Frage, wer ich bin. In „Weites Land“ geht es um meine Wurzeln. Woher komme ich. Dorthin musste ich zurück.“
"Ich habe die Schönheit wieder gefunden"
Audio [SR 2, Sabine Wachs, 26.02.2019, Länge: 03:32 Min.]
"Ich habe die Schönheit wieder gefunden"

Die Welt, in der Catherine Meurisse aufwuchs, die Welt, in der sie sich geborgen fühlt, wo sie Trost und Zuflucht findet, zeichnet die Künstlerin liebevoll, verspielt, fast schon romantisch. Sie erzählt Anekdoten aus ihrem Familienleben, die sie bis heute prägen. Erinnerungen, die ihr geholfen haben, das Trauma des Attentats zu verarbeiten.  

„ Ich zeichne meine Mutter, wie sie sagt, wir wollten euch nie Möbelstücke oder ein Haus vererben, aber zum Beispiel einen Rosenstock. Wenn wieder eine Katastrophe passiert, und da hatte ich sofort das Attentat im Kopf, sind eure Koffer gepackt, ihr könnt mit einem Baum, einem Blumenstock gehen und neu anfangen. Das hat einen Bezug zu Charlie Hebdo, es waren meine Freunde, und mir bleiben ihre Zeichnungen, und zum Glück haben sie viel gezeichnet.“
Für den SR gezeichnet (Foto: Sabine Wachs)
Für den SR gezeichnet

Ihre Reise in die Vergangenheit, sagt Catherine Meurisse, hat sie wieder lebendig gemacht. Heute schafft sie es, mit Freude an ihre ehemaligen Kollegen zurückzudenken. Das Zeichnen, das sie im ersten Impuls komplett aufgeben wollte, habe sie gerettet.

„Meine Familie bei Charlie habe ich 2015 verloren und ich habe Angst davor, meine andere Familie auch zu verlieren. Deshalb zeichne ich Bücher, gegen diese Angst. Ich danke den Menschen, die mich begleiten und begleitet haben. Meinen Freunden von Charlie, meinen Eltern, meiner Schwester. Ich will meine Dankbarkeit ausdrücken. Das aber mit Witz und Charme. Das haben mir meine Eltern und auch das Team von Charlie Hebdo beigebracht, man darf nicht alles bierernst nehmen.“

Vier Jahre nach dem Attentat auf ihre Redaktion, dem sie selbst entkommen ist, kann Catherine Meurisse wieder nach vorne schauen. Während sie sich in „Die Leichtigkeit“ als unsichere Frau gezeichnet hat, mit einem Blick der nach unten gerichtet war, läuft die kleine Catherine in „Weites Land“ mit wachem Blick durch die bunten Blumenfelder ihrer Kindheit. Sie hat die Schönheit des Lebens wiedergefunden. 

Meurisse - Weites Land (Foto: Carlsen / Dargaud)
Meurisse - Weites Land

Catherine Meurisse Weites Land Carlsen
Im Original: Les Grands Espaces Dargaud


Ein Dachs ermittelt in Grandville (Foto: Bryan Talbot/Schreiber & Leser)
Ein Dachs ermittelt in Grandville

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