Claire Bretécher (Foto: picture alliance/Georges Bendrihem/AFP/dpa)

Claire Brétecher gestorben

Sabine Wachs   13.02.2020 | 16:23 Uhr

Sie war die erste wirklich wirksame feministische Comiczeichnerin in Frankreich - ihre Bildergeschichten machten Mut und bildeten einen Stil. Auch in Deutschland wurde sie mehrfach für ihr Wirken ausgezeichnet. Nun ist Claire Brétecher mit 79 Jahren verstorben.

Nachruf auf Claire Bretécher
Audio [SR 2, Sabine Wachs, 12.02.2020, Länge: 04:15 Min.]
Nachruf auf Claire Bretécher

Sie war eine Pionierin. In einer Zeit, in der Comics hauptsächlich von Männern gezeichnete wurden und in der demnach die Helden Cowboys, Raumfahrer oder andere Jungs und Männer waren, zeigte Claire Brétecher, dass es auch anders geht. Ihre Heldin oder eher Anti-Heldin Aggrippina ist das beste Beispiel dafür. Lange Zeit erschien die motzige, ständig gestresste Teenagerin in dem noch heute bekannten Magazin Nouvel Observateur.  Nicht hübsch, sondern verpickelt und mit Knollennase kämpft sich Aggrippina durch die Wirren der Pubertät und entdeckt ihre erwachende Sexualität.

„Ich saß mit meinen Freundinnen zusammen, die alle Kinder im Teenager-Alter hatten und sie prahlten regelrecht mit ihren Kindern, erzählten die ganze Zeit davon, wie toll sie sind, wie kreativ. Dabei fand ich ihre Kinder einfach nur anstrengend und manchmal auch peinlich. Also habe ich mich dazu entschlossen, eine Figur zu erschaffen, die genau das war. Peinlich und unangenehm.“

"Die Weisheit mit Löffeln gefressen"

1988 erscheint Aggrippine, Aggrippina zum ersten Mal auch in Deutschland. Mit ihrer ungeschminkten Figur, erzählte Brétecher freizügig, bissig und ehrlich, dass die Pubertät für Frauen – für Töchter ebenso wie für Mütter – nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist. Wie mit ihrer Teenie-Anti-Heldin hielt es Brétecher mit all ihren Figuren. Persifliert die Gesellschaft und ihren Diskurs, wie mit  „Die Frustrierten“, einer Gruppe gefrusteter Mitt-Vierziger, die hauptsächlich reden, reden und reden.

„Ich stürze mich gerne auf die Kategorie Mensch, die meint, intellektuell links zu sein, die glaubt, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und die selbst in der Realität ein absolut gegensätzliches Leben lebt. Das macht die Sache dann nämlich interessant. Ich schließe mich da selbst nicht aus.“

Brétechers Comic-Figuren lümmeln sich mit völlig verknoteten Beinen auf weichen Sofas, tragen Schlabber-Strick-Pullis, keine Wimperntusche, haben Speckringe am Bauch, Hängebusen. Sie sind weit weg von 90-60-90 und sie behaupten sich. Sie stellten Frauen dahin, wo sonst nur Männer zu sehen waren - weg von der Püppchen- oder Vamprolle. Mit diesen Klischees räumte Brétecher auf.

Biografie

1940 wurde die Zeichnerin in Nantes geboren. Hinein in eine katholische, gut bürgerliche Familie. Der Vater soll ihr im Alter von 15 Jahren erklärt haben, dass sich schon eines Tages ein Chef finden würde, der sie bändigen könne. Wohl in diesem Moment entschloss Claire Brétecher soweit es geht ihr eigener Chef zu sein. Nach ihrer Zeichenausbildung in Paris lernte sie Asterix-Vater René Goscinny kennen, veröffentlicht ihre ersten Comics in der Jugendzeitung Pilote, deren Chef-Redakteur Goscynni damals war. Und erfand ihre erste große Figur: Cellulite – eine abgedrehte, eigenwillige Mittelalterprinzessin:

„ Ich habe sie Cellulite genannt, weil es ein lustiger Name ist und weil es auch eine Urangst von uns Frauen ist. Wir sind Gefangene dieser ganzen Frauenzeitschriften, Elle, Marie-Claire und dem restlichen Schwachsinn. Sie sagen uns, wir sollen viel Kohle bei einem Scharlatan lassen, damit er uns die Zellulitis wegspritzt. Bevor das passiert, würde ich doch gerne mal deren Schenkel sehen.“

Feminstin bis zu einem gewissen Grad, so beschrieb sich Brétecher selbst. Denn eine Aktivistin, die auf die Straße ging, war sie nie. Sie kämpfte mit ihren Zeichnungen und ihren Dialogen und legte so den Finger immer wieder in die Wunden gesellschaftlicher Debatten: Leihmutterschaft, homosexuelle Paare, Abtreibung, Aussehen - und immer mit Humor. Beim berühmten Comicfestival von Angoulême wurde Brétecher bereits 1982 mit dem Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Brétecher war eine Pionierin. Eine Frau, die zeigte, dass sich auch Frauen als Heldinnen erfolgreicher Comics eigneten. Heute ist das selbstverständlich – auch dank Claire Brétecher.


Konzept

Die Comicbegeisterung in Frankreich ist mit dem deutschen Comicmarkt nicht zu vergleichen. Aber sie schwappt auch über die Grenze: Gut die Hälfte aller frankophonen Bücher, die für Deutschland übersetzt werden, sind Comics. Von den Klassikern wie Asterix oder Lucky Luke bis zu heutigen Serien wie Largo Winch oder XIII, von Cartoongrößen wie Sempé oder Pénélope Bagieu bis hin zu den Zeichnern und Zeichnerinnen von Charlie Hebdo oder den Graphic Novels eines Guy Delisle.

Hier bietet SR.de exklusiv für Deutschland eine regelmäßige Auswahl aktueller Titel, aber auch Hinweise auf Klassiker und Gesamtausgaben. Kontakt: gheger@sr.de

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