J.K. Rowling - Harry Potter und der Stein der Weisen (Foto: Carlsen Verlag)

Eine "Mischung aus Tradition und Innovation"

Das Interview führte Anne Staut   28.07.2018 | 08:57 Uhr

Mitternachtslesungen in der Buchhandlung, monatelanges Warten auf den nächsten Band, Nächte durchlesen - das gehört zu den Erfahrungen vieler Harry-Potter-Fans. Und auch 20 Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes "Stein der Weisen" auf deutsch ist die Faszination weiter groß. Doch was macht gerade diese Kinderbuchreihe so besonders? SR.de hat mit der Literaturwissenschaftlerin Dr. Lena Steveker von der Saar-Uni über die Faszination Potter gesprochen.

SR.de: Frau Steveker, auch nach 20 Jahren ist die Fazination von Harry Potter immer noch sehr groß. Woher kommt diese Faszination eigentlich?

Dr. Lena Steveker (Foto: Oliver Dietze)
Dr. Lena Steveker

Dr. Lena Steveker: Der Autorin J. K. Rowling ist es gelungen, literarische Tradition und Innovation sehr erfolgreich zu verknüpfen. Wenn man sich anschaut, wie stark die Romanreihe in der westlichen Literaturgeschichte verwurzelt ist, speziell in der englischen oder britischen Literaturgeschichte, dann sieht man, dass viele der Elemente, die Rowling verwendet, nichts Neues sind. Einfach gesagt, es ist eine gut erzählte Geschichte, die bei Lesern auf Interesse stößt, weil sie ihnen einerseits etwas Bekanntes anbietet und sie andererseits aber auch auf neue Wege führt.

SR.de: Was wäre ein Beispiel für diese traditionellen Elemente?

Steveker: Teil der englischen Literaturgeschichte ist der sogenannte Schulroman. Erzählt wird, wie ein Kind, vor allem ein Junge, mit elf Jahren sein Elternhaus verlässt und auf ein Internat geht und dort Erfahrungen macht und Abenteuer erlebt. Das ist etwas, was in der englischen Gesellschaft, vor allem in den oberen Gesellschaftsschichten, eine lange Tradition hat. Auch die Geschichte von einem Held, der auszieht, um eine Aufgabe zu erfüllen, ist etwas, was uns schon lange bekannt ist und was immer wieder funktioniert.

SR.de: Was ist das Besondere an der Figur Harry Potter?

Harry Potter, undatierte Filmszene (Foto: picture-alliance/ dpa)

Steveker: Ich glaube, die Faszination von Harry Potter liegt darin begründet, dass Harry als Kind aus einem unterprivilegierten Kontext kommt. Im Grunde genommen ist er ein missbrauchtes Kind. Er wird von seiner Familie, von seinem Onkel und seiner Tante, stark vernachlässigt - wenn nicht sogar psychisch missbraucht. Und aus diesem doch sehr nachteiligen Kontext, macht sich dieser Junge auf und wird der Held seiner Welt. Er muss Aufgaben lösen, die eigentlich für ein Kind zu schwer zu sein scheinen und er stellt sich diesen Aufgaben.

Er ist im Grunde ein ganz normaler Junge mit dem gewissen Extra und das sind seine magischen Fähigkeiten. Er ist eben nicht derjenige, dem alles in den Schoß fällt und das bietet hohes Identifikationspotenzial.

SR.de: Warum ist die Romanreihe auch für Erwachsene so interessant?

Steveker: Ein Grund wäre, dass diese Romanreihe grundlegende Fragen des menschlichen Daseins anspricht. Also wie zum Beispiel Tod, Freundschaft, Korruption, Mut, Wahnsinn, Liebe. Also sogenannte menschliche Grundkomponenten, wenn man das etwas philosophischer sagen will.

Außerdem eröffnet jeder Fantasyroman dem Leser zumindest die Möglichkeit, sich gedanklich in eine alternative Welt zu begeben. In einer immer komplexer werdenden Welt ist das, zumindenst anscheinend, ein Bedürfnis von vielen Lesern - von Kindern, aber auch von Erwachsenen.

SR.de: Welche Rolle spielen die anderen Figuren, insbesondere Harrys Freunde Ron und Hermine beziehungsweise auch die Freundschaft zwischen den Dreien für die Faszination des Werkes?

Harry Potter, Zauberlehrlinge, undatierte Filmszene (Foto: dpa/picture alliance/Dpa-Film Warner)

Steveker: Diese Freundschaft ist ein ganz wesentlicher Bestandteil von Harrys Heldentum. Ohne seine Freunde wäre er nicht in der Lage, diese riesige Aufgabe, Voldemort zu besiegen, zu erfüllen. Und sie bilden ein Team, also Harry ist zwar die wichtigste Figur, aber er braucht trotzdem seine Freunde, sein Team, um seiner Aufgabe gerecht zu werden. Er ist eben nicht der alles überscheinende Held, der seinen Weg alleine geht, er braucht Hilfe, er sucht sich auch Hilfe und ihm wird Hilfe angeboten. Dieses Thema Freundschaft ist etwas, was zu den Grundkomponenten menschlichen Daseins gehört. Gerade für Kinder ist das sehr wichtig.

SR.de: Harry Potter wurde häufig als Revolution für die Kinderbuchwelt beschrieben. Inwiefern ist das denn zutreffend?

Steveker: Harry Potter ist dafür verantwortlich, dass Kinder zurück zum Lesen gefunden haben, zu einer Zeit, in der das Lesen bei Kindern immer unbeliebter wurde. So gesehen ist es schon eine Revolution in der Literaturwelt insgesamt.

Zur Person

Dr. Lena Steveker beschäftigt sich bereits seit 2009/2010 mit Harry Potter. Seitdem hat sie mehrere wissenschaftliche Artikel und einen ganzen Forschungsband zu diesem Thema veröffentlicht. Die interessanteste Figur der Potter-Romane ist für sie, neben Harry, Hermine Granger. An der Universität des Saarlandes greift die Anglistin in ihren Seminaren auch immer wieder Harry Potter auf - zum Beispiel in einer Introduction to media studies, in der die Studierenden grundlegende Kenntnisse der Medienwissenschaft erlernen sollen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf der Frage, welche Formen des Heldentums in Harry Potter angeboten und verhandelt werden. Welche positiv, welche negativ bewertet werden und was das über die Herausbildung von Maskulinität in der heutigen Zeit aussagt.

Aber man darf nicht vergessen, dass Harry Potter nicht nur die Bücher sind. Harry Potter sind auch die Filme, Marketing, Merchandise und Franchise. Harry Potter hat ganz klein angefangen: Als der erste Band herauskam 1997, gab es von der ersten Auflage nur 500 Exemplare. Das ist recht bescheiden. Als der letzte Band herauskam, wurde er in den USA innerhalb der ersten 24 Stunden mehr als elf Millionen mal verkauft. Der Erfolg dieser Romanreihe hat so richtig erst angefangen mit dem vierten Buch und ich denke, dass dahinter auch einfach die Marketingmaschine des anglo-amerikanischen Verlags Bloomsbury steht.

Als die Filme dann rauskamen, stand dahinter und steht auch immernoch, die Marketingmaschine von Warner Brothers. Harry Potter sind heutzutage Romane, Filme. Außerdem gibt es Freizeitparks, man kann Touren durch die Studios in London buchen und es gibt das Gleis 9 ¾ in London am King's Cross Bahnhof. Harry Potter ist wirklich Big Business, ganz großes Geld geworden.

SR.de: Das heißt, dass das Interesse heute noch besteht, wird auch durch das Marketing gefördert?

Steveker: Auf jeden Fall und auch durch die Klugheit der Erfinderin, von J.K. Rowling, denn die hat es sehr geschickt geschafft, das Interesse auch wachzuhalten. Harry Potter hat ja eine sehr große Fangemeinschaft, vor allem im Internet, ich glaube auch, dass so ein Erfolg wie Harry Potter ohne das Internet nicht möglich gewesen wäre. Und nachdem der letzte Film erschienen ist, hat J. K. Rowling Pottermore gegründet. Das ist eine Onlineplattform, auf der sie immer mal wieder, kleine neue Informationen aus der Potterwelt zur Verfügung stellt.

SR.de: Wer ist für sie selbst, die interessanteste Figur in den Potter-Romanen? Und warum?

Steveker: Die interessanteste Figur, neben Harry Potter, ist für mich Hermine Granger. Weil sie ein doch recht zeitgenössisches Abbild von der Situation ist, in der sich Frauen und Mädchen in unserer Gesellschaft heutzutage befinden. An Hermine kann man sehr schön sehen, wie sich weibliche Rollenbilder verändert haben und welcher Kampf immer noch dahinter steht, als gleichberechtigt akzeptiert zu werden.

SR.de: Frau Steveker, vielen Dank für das Gespräch.

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