Korngold, Die Tote Stadt - Modellbild (Foto: Nicola Reichert/Pressefoto)

"Die Tote Stadt" am SST

Reingart Sauppe   07.10.2018 | 13:00 Uhr

Erich Korngolds erfolgreiches Jugendwerk „Die tote Stadt“ geriet lange Jahre in Vergessenheit. Jetzt taucht die spätromantische Oper wieder häufiger auf den Spielplänen auf. Am 6. Oktober hatte sie im Großen Saal am Saarländischen Staatstheater Premiere. Eine Kritik von Reingart Sauppe.

Diese Oper hat eine wechselvolle Geschichte: Bei ihrer Uraufführung 1920 wurde sie frenetisch gefeiert und weltweit immer wieder aufgeführt. Später wurde das Werk jedoch von den Nationalsozialisten verboten, denn sein Komponist, der junge Österreicher Erich Korngold war Jude. Korngold emigrierte 1934 nach Hollywood und schrieb dort Filmmusik.

Jede Menge Hollywood klingt da schon durch

Premiere: "Die tote Stadt" am SST
Audio [SR 3, Reingart Sauppe, 07.10.2018, Länge: 03:38 Min.]
Premiere: "Die tote Stadt" am SST

Diese Oper beginnt schon wie ein Hollywoodfilm: Dramatisch,pathetisch,schwelgend. Voller Pathos, um nicht zu sagen, ganz großes Kino, ist auch das Trauerzimmer, das Witwer Paul seiner jung-verstorbenen schönen Frau Marie eingerichtet hat: Ein übergroßer düsterer Raum, der von zahllosen Kerzen und Grablichtern erleuchtet und romantisch verklärt wird.

Und damit nicht genug: Der Verstorbenen hat Paul einen Altar eingerichtet. Von dort grüßt Marie mit Leuchtkranz im Haar wie eine Heilige. Regisseur Aron Stiehl überhöht Pauls Trauer zur religiösen Schwärmerei. Nicht nur, dass er Maries abgeschnittenen Zopf im Glas wie eine Reliquie aufbewahrt. Sie ist seine tote Göttin: Aus einem Töpfchen reicht sie ihm eine Oblate wie zum Abendmahl und später liegt der erwachsene Mann wie ein zu groß geratenes Jesuskind auf ihrem Schoß oder wirft sich ihr mit ausgebreiteten Armen zu Füßen wie ein Jung-Priester bei der Priesterweihe.

Kann man diesen Mann noch ernst nehmen?

Der schwelgenden Musik setzt Regisseur Aron Stiehl seinen augenzwinkernden-ironischen Blick auf christlich-katholische Totenverehrung und religiös-verbrämte Männerphantasien entgegen. Er klopft Korngolds Psychodrama über Verlustangst und Erinnerungsschmerz auf seine kulturellen Wurzeln hin ab. Und stellt heraus, wie eine lebensfeindliche kirchliche Moral das Frauenbild des Mannes prägte: Zerrissen nämlich in der Sehnsucht nach Heiliger und Hure, gespalten zwischen Gattin und Geliebter, verfällt auch Paul schon bald der Tänzerin Marietta, die quasi das sündige Alter Ego seiner Gattin ist. Zumindest sieht sie ihr zum Verwechseln ähnlich und betört ihn mit dem Lautenlied, das Pauliina Linnosaari - ganz und gar nicht kitschig - mit schlankem, glasklarem Sopran singt.

Der gefeierte Star des Abends

Die finnische Sopranistin Pauliina Linnosaari ist der gefeierte Star des Abends. Menschlich, warmherzig, sympathisch, wenn auch wenig femme fatale, ist ihre Marietta. Neben ihr hat es der Tenor Michael Siemon in der Rolle des Paul nicht ganz leicht zu glänzen, muss sich stimmlich mitunter gegen das Orchester behaupten und wird darüberhinaus von der Regie, als Mann gnadenlos bis an die Grenze der Lächerlichkeit bloßgestellt. Später - als vom Tod und lebensfeindlicher Moral Erlöster Witwer Paul scheint auch Tenor Siemon erlöster und es gelingt ihm dann ein Moment von besonders schöner Intensität.

Der Zauber des guten alten Hollywood-Kinos

Dass Erich Wolfgang Korngold, der die Tote Stadt 1920 im Alter von nur 23 Jahren schrieb, später in Hollywood Erfolge als Filmmusikkomponist feierte, wundert nicht: Klingt  doch in dieser spätromantischen Oper schon die große Zeit des Kinos an. Die Inszenierung von Aron Stiehl knüpft - wenn auch ironisch-gebrochen - an den Zauber des guten alten Hollywood-Kinos an und zeigt, wie schon die Traumfabrik vom menschlichen Zwiespalt zwischen Sünde und Moral ja prächtig profitiert hat.

Dementsprechend  wird groß aufgefahren und immer ein bisschen zu dick aufgetragen: Ob grellbuntes Variete, pathetischer Totenkult, christliche Passion, Liebesschwüre, Eifersuchtsdrama, Geschlechterkampf - alles ist an diesem dreistündigen im Angebot. Mit den Mitteln der Oper gelingt es der Inszenierung auf intelligente-unterhaltsame Weise uns vor Augen zu führen, wie Menschen sich vor dem Leben flüchten – nicht zuletzt auch mithilfe der Kunst.

Vorstellungen:

Donnerstag, 11. Oktober 2018, 19.30 Uhr
Sonntag, 21. Oktober 2018, 14.30 Uhr
Sonntag, 28. Oktober 2018, 18.00 Uhr
Mittwoch, 31. Oktober 2018, 19.30 Uhr
Freitag, 09. November 2018, 19.30 Uhr
Mittwoch, 14. November 2018, 19.30 Uhr


Mehr über die Oper


Video [aktueller bericht, 05.10.2018, Länge: 3:37 Min.]
Oper „Die tote Stadt“ am Saarländischen Staatstheater
Erich Wolfgang Kerngolds Oper „Die tote Stadt“ feiert am Samstag Premiere am Saarländischen Staatstheater. Die Oper nach dem Roman des belgischen Autors Georges Rodenbach „Das tote Brügge“ handelt davon, den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten.


Interview
"Wir sind ein gutes Team"
Ein Interview mit Justus Thorau, dem neuen 1. Kapellmeister des Saarländischen Staastheaters stand im Mittelpunkt der SR 2-MusikWelt vom 6. Oktober. Anlass war Thoraus Premiere in Erich Wolfgang Korngolds Oper "Die tote Stadt".

Weitere Infos auch unter:

https://www.staatstheater.saarland/nc/stuecke/musiktheater/detail/die-tote-stadt/

Über dieses Thema wurde auch in der Region vom 07.10.2018 berichtet

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