Adventfeier in der Wartburg (um 1955/56) mit Waisenkindern. (Foto: P. Hartmann/Radio Saarbrücken)

Weihnachten vor 55 Jahren

 

Bekannte Dichter und Schriftsteller suchen nach der „Frohen Botschaft“

Von Axel Buchholz

Viele Sendungen aus den Anfangsjahren des Saarländischen Rundfunks sind nicht mehr erhalten. Und mehr noch gilt das für Produktionen seiner Vorgänger-Sender „Reichssender Saarbrücken“ und „Radio Saarbrücken“. Kriegs- und Nachkriegswirren sind daran ebenso schuld wie Platzmangel im Archiv und der chronische Geldmangel des kleinen Senders, der Tonbänder immer wieder neu bespielen wollte.

Manches verschollen Geglaubte allerdings findet sich nach und nach im Archiv wieder. Denn schrittweise werden Alt- und Uraltbestände nun digital gespeichert und dabei neu erfasst und erschlossen. „Dadurch kann man unter verschiedenen Stichworten suchen, wird viel schneller fündig und findet gelegentlich auch mehr als mit den früher üblichen Karteikarten“, sagt Bert Lemmich, der Leiter der SR-AudioWort-Dokumentation.

So gab es denn auch für Fred Oberhauser, als Redakteur für Literatur und regionale Kultur mehr als drei Jahrzehnte der Experte des SR, eine freudige Überraschung. Obwohl er sie für längst gelöscht hielt, ist eine seiner frühen größeren Literatursendungen wohlbehalten archiviert: ein einstündiges Weihnachtsprogramm von 1956.

Schon seit 1949 hatte Fred Oberhauser parallel zu seinem Studium der Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Saarbrücken und der Theater- und Zeitungswissenschaft in München, als freier Mitarbeiter für die „Saarbrücker Zeitung“ und für „Radio Saarbrücken“ gearbeitet. Die älteste (teilweise) archivierte Sendung von ihm stammt aus dem Jahr 1953: Die Hörfolge:„Taschen- und Tugendspiegel für Damen“. Oberhauser hatte Fabeln von Johann Fürchtegott Gellert für den Funk bearbeitet.

Kurz vor dem Volksentscheid vom 23. Oktober 1955 bekam er dann eine feste Stelle, zuerst allerdings als Redaktionsassistent in der „Chefredaktion“. Kommissarischer Leiter der Abteilung „Kulturelles Wort“ wurde er Mitte 1956, nachdem Jean Bernard (Hans Bernhard) Schiff als Literaturchef ausgeschieden war.

Oberhausers Weihnachtssendung lief am ersten Feiertag 1956 zwischen 11.00 und 12.00 Uhr auf der Mittelwelle. Sie war eine der letzten größeren Produktionen von „Radio Saarbrücken“. Einige Tage später schon, am 1. Januar 1957, war die "Franzosenzeit" beendet und das Saarland als neues Bundesland Teil der Bundesrepublik Deutschland. Und aus „Radio Saarbrücken“ war der „Saarländische Rundfunk“ geworden, bald als ein Mitglied in der ARD. Für Oberhauser war die Sendung eine der ersten Gelegenheiten, neben regionalen auch Autoren aus ganz Deutschland an einem wichtigen Sendeplatz mit Kurzessays vorzustellen.

Neun ausschließlich deutsche Dichter und Schriftsteller konnte er gewinnen. Sie sollten der Frage nachgehen, „ob die Weihnachtsbotschaft des Engels an die Hirten auf dem Felde für uns noch eine Botschaft des Friedens, Frohe Botschaft, sein kann.“ Erst im Januar 1956 durften die letzten deutschen Kriegsgefangenen auf Adenauers Vorstoß hin aus der Sowjetunion zurückkehren. Diese „ Heimkehr der Zehntausend“ hatte die Deutschen ungeheuer emotional berührt. Zudem sah die Welt elf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder alles andere als friedlich aus: Ost und West befanden sich im „Kalten Krieg“. Beide deutsche Teilstaaten begannen mit der Wiederbewaffnung. Israel hatte den Sinai-Feldzug geführt, britisch-französische Truppen in der Suez-Krise interveniert.

In dieser „Welt der wiederaufgeflammten Unruhe und Angst“ (Zitat aus der Einleitung zur Sendung) ließ Oberhauser eine Antwort auf die Frage nach dem Frieden suchen. Jeder Schriftsteller bekam als Vorgabe dafür einen bestimmten Vers des Weihnachtsevangeliums nach Lukas. Und jeder sah darin eine tröstliche Botschaft in einer trostbedürftigen Welt.

Neun, teils sehr gefragte Schriftsteller zu verpflichten, hatte Monate gedauert. Manche beatworteten die Briefe gar nicht, andere erst zu spät, wie z.B. Heinrich Böll. Der Tropenarzt, Philosoph und Friedensnobelpreisträger Prof. Albert Schweitzer (Lambarene in Gabun/ Kaysersberg im Elsass) sagte eine Mitarbeit beim SR erst für einen späteren Zeitpunkt zu.

Nicht einfach war auch die technische Vorbereitung der Weihnachtssendung. Die Autoren lebten ja überall in Deutschland, von Bayern bis Berlin, von Zwickau in Sachsen/DDR bis Freiburg im Breisgau. Nur einer nahm seinen Beitrag im Studio von „Radio Saarbrücken“ in der Wartburg auf.

Für alle anderen mussten Studios bei bundesdeutschen Sendern bestellt werden, damit sie dort ihre Texte sprechen konnten. Da das Saarland noch nicht mit Deutschland wiedervereinigt war, wurde alles als Gefälligkeitsaufnahme über den internationalen Programmaustausch abgewickelt. Oberhauser ist dem damaligen Sendeleiter Dr. Heinz Freiberger noch heute dankbar: „Ohne dessen hervorragende Kontakte und großen Einsatz wären wir gescheitert.“ Trotz aller Mühe blieb die Produktion kurz vor Weihnachten Nervensache (Sprecher des Weihnachtsevangeliums war der sehr bekannte Theater- und Film-Schauspieler Mathias Wieman, Tontechnik: Ernst Becker und Rosel Wack). Das letzte Tonband kam mit der Post an Heiligabend.

Ein Exemplar des Manuskripts schenkte Oberhauser damals mit Widmung seiner Frau Gabi. Die bewahrte es all die Jahre auf. Das SR-Archiv bekam jetzt eine Kopie. Es ist eines der ganz wenigen erhaltenen Sendungsmanuskripte aus der frühen Sendergeschichte.

Fred Oberhauser…

 …wurde am 15. Juli 1923 in St. Ingbert geboren, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Blieskastel und Wemmetsweiler, lebt seit 1949 wieder in St. Ingbert.

…bekennt sich aber als "auf der Grenze zuhaus".

…wurde direkt nach dem Abitur zur Wehrmacht eingezogen und kam im Mai 1945 in Kurland in russische Gefangenschaft.

… arbeitete als Kriegsgefangener lange in einem Ölschieferbergwerk bei Narwa und kam über ein Umerziehungslager im
Januar 1949 zurück ins Saarland.

… studierte ab 1949 in Saarbrücken und München vor allem Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte sowie Theater- und Zeitungswissenschaften.

…arbeitete ab 1949 parallel zum Studium schon für die Literaturabteilung von Radio Saarbrücken und die Saarbrücker Zeitung.

…wurde 1955 im September als Redaktionsassistent in der "Chefredaktion" eingestellt und Mitte 1956 kommissarischer Leiter
der Abteilung "Kulturelles Wort".

…nahm sich als Literatur- und Kulturredakteur vor allem der regionalen Literatur, Kultur und Regionalgeschichte im
Saar-Lor-Lux-Raum an.

…wurde besonders durch die "Bücherlese" und seine Sendereihe "Fahren sie uns nach" im Hörfunk sowie als Redakteur und Moderator
des "Kulturspiegel" im SR-Fernsehen bekannt.

…bekam 1994 die Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz und 1997 die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität des Saarlandes.

… schrieb mehr als ein Dutzend Bücher über Kunst und Kultur im Saar-Lor-Lux-Raum und zur literarischen Topographie Deutschlands. [zur Auswahlbibliographie]
 
…ist Gründer des "Literaturforum St. Ingbert", das seit 1981 deutschsprachige Autoren, bevorzugt aus der Großregion Saar-Lor-Lux, vorstellt. Seine Devise: "Lieber zwei Jahre lang Literatur für alle, als alle zwei Jahre einen Literaturpreis für einen".

…gilt als exzellenter Kenner der regionalen Kunst und Kultur im Dreiländereck. Falls das noch untertrieben sein sollte: Mehr an
Lob verträgt er nicht.

…recherchiert und schreibt auch als 88-Jähriger noch regelmäßig.

…hat viel mehr Bücher als eigentlich in sein Haus passen. Wie viele, weiß er selbst nicht genau.

Wie Oberhauser das Glück beim Schreiben entdeckte

Fred Oberhauser ist Autor vieler Buch- und Theaterkritiken, Hörfolgen, Features und Bücher. Als Schüler schrieb er Gedichte. Sein erstes Liebesgedicht entstand in einem Gartenhaus: „ Die Geliebte gab es zwar noch nicht, aber ich brauchte sie und erschuf sie mir schreibend in den Nöten der Pubertät.“ An den Titel erinnert sich Oberhauser noch heute: „An die Entfernte.“ Er „ schrieb, verwarf, schrieb neu und empfand, gleichsam im Kontext, zum ersten Mal ein merkwürdig vom stimmigen Gebrauch der Wörter provoziertes Glück jenseits der Sprache“ (aus Oberhauser, Fred, „ Blieskasteler Kindheit. Wehmutsweiler“, 2008, Privatdruck).

Manche Gedichte Oberhausers vertonte sein Musiklehrer. Drei davon schickte sein älterer Bruder Kurt als Soldat von der Front in Russland zur Redaktion „Wunschkonzert“ des Reichsrundfunks in Berlin und zum Reichssender Saarbrücken. Angenommen wurden sie nicht. Der Feldpost-Brief seines Bruders dazu war dessen letztes Lebenszeichen. Kurt fiel am 14. November 1941 vor Moskau. Allerdings nicht für „Führer, Volk und Vaterland“, wie es in der Hitlerzeit in den zahlreichen Todesanzeigen zu heißen hatte. Freds Vater bestand auf der Formulierung „für Ehre, Volk und Vaterland“ .

Neun Schriftsteller zu neun Versen des Weihnachtsevangeliums

Politisch engagiert ist der Beitrag von Reinhold Schneider (13. Mai 1903 – 6. April 1958, Freiburg im Breisgau), dem kurz zuvor der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen worden war. Mit dem Glöckchen der Harmlosen bei der Weihnachtsbescherung sollten wir uns endlich „nicht mehr abspeisen lassen“, forderte dieser gläubige Katholik und erbitterte Gegner der deutschen Wiederbewaffnung.

Luise Rinser (30. April 1911– 17. März 2002, Unterhaching bei München) ist überzeugt, dass es für jeden von uns
ein „Zeichen“ gibt, das uns zum Glauben führt – wie es in der Heiligen Nacht den Königen und den Hirten geschah: „Wer dem Zeichen
folgt, das ihn meint, der findet das ihm Zugedachte. Freilich ist‘s immer ein Abenteuer, das zu glauben, was nur als Zeichen erscheint.“


Der Schriftsteller Anton Betzner (geb. 13. Januar 1895 in Köln, gest. 18. Februar 1976 in Puerto de Mazzaron/Spanien) stellt fest, dass die Botschaft der Heiligen Nacht „in diesem Winter 1956“ auf Menschen trifft, die besessen sind von einer „heillosen Angst“ und „ohnmächtig resignieren“.

Trotz aller düsteren Analyse aber glaubt er, dass diese Angst „von uns genommen“ werden soll und kann, „wenn wir in der Welt sind, wie er (Christus) ist.“ Seinen Text schrieb Betzner in Fechingen im Saarland, wo er zeitweise lebte. Die weiteren Autoren der Sendung „Weihnachten 1956. Die Botschaft von der Geburt des Herrn in unserer Zeit“: Albrecht Goes, Jakob Kneip, Ilse Langner, Gerhart Herrmann Mostar, Otto Riedel (Pfarrer in Zwickau/DDR) und Rudolf Alexander Schröder.

Fred Oberhauser: Buchautor und -Herausgeber. Eine Auswahlbibliographie

  • „Literarischer Führer Berlin“, Mithrsg. Nicole Henneberg, Frankfurt a. M. 1998 (3., korr. Aufl. 2003)

  • Fred Oberhauser und Axel Kahrs, „Literarischer Führer Deutschland“, Vorwort: Günter de Bruyn, Frankfurt a. M. und Leipzig 2008

  • "Lieb Vaterland magst ruhig sein";. Ein deutsch-französisches Familienalbum über patriotischen Kitsch, Mithrsg. Hajo Schedlich, München 1962

  • "Literarischer Führer durch die Bundesrepublik Deutschland", Mithrsg. Gabriele Oberhauser, Vorwort: Robert Minder, Frankfurt a. M. 1974

  • "Ein Saarländisches Lesebuch", Mithrsg. Rainer Petto, Saarbrücken 1980

  • "Doppelspur. Von Ausonius bis Zuckmayer". Eine rheinlandpfälzisch-saarländische Nachlese, Mithrsg. Karl-Friedrich Geißler, Landau/Pfalz 1984

  • "Das Saarland. Kunst und Kultur im Dreiländereck zwischen Blies, Saar und Mose", Köln 1992 (Neuausg. 2003)

  • "Französisch heitres Tageslicht". Deutsche Schriftsteller reisen nach Frankreich, Mithrsg. Ludwig Harig, Herbert Heckmann, Edenkoben 2001

Am 7. Februar 2016 ist Fred Oberhauser im Alter von 92 Jahren gestorben.

Autor: Axel Buchholz; Mitarbeit: Thomas Braun, Michael Fürsattel, Bert Lemmich, Sven Müller, Inge Plettenberg, Klaus Peter Weber, Roland Schmitt