H. Rohde (Foto: Oettinger)

SR-Nachwuchsstudio - Radio-Ausbildung live

 

Fünf Jahre lang bildete der SR Praktikanten, Volontäre und andere journalistische Nachwuchskräfte für jeweils einige Wochen in einem Nachwuchsstudio aus. Es war die einzige Einrichtung dieser Art in der ARD und gedacht als Ergänzung der normalen Radio-Ausbildung.

Die Idee dafür kam von Intendant Prof. Dr. Hubert Rohde, der sich bei einer USA-Reise für die Ausbildungsradios an amerikanischen Universitäten begeistert hatte. Bei der Eröffnungssendung nannte er als Zweck, dem Radio-Nachwuchs damit die Möglichkeit zu schaffen, die „ersten Mikrofonerfahrungen unter realen Voraussetzungen zu sammeln.“

Von Stefan Braun

Das SR-Nachwuchsstudio

Die Stahltür fiel laut ins Schloss wie in Fort Knox. Schwer wie eine Tresortür im Krimi. Dahinter: Kein Gold, aber Rohdiamanten - von noch unbekanntem Wert. An der Tür ein Schild mit einem ironischen Hinweis auf den Inhalt: „Pampersstudio“. Wie es üblich ist, mussten die Rohdiamanten erst geschliffen werden. Dafür waren die Tutoren zuständig. Festangestellte Redakteure im SR-Hörfunk. Die angehenden Edelsteine funkelten schon vor sich hin. Aber das Glitzern im Gesicht der Volontäre und Praktikanten war der Schweiß. Um 15.00 Uhr floss er in Strömen, denn schon morgens um 9.00 Uhr hatte das Schleifen begonnen. Fünf Minuten später nahm das Unglück seinen Lauf: Live auf Sendung, eine knappe aber unendliche Stunde lang.

Und um 16.00 Uhr, als das tägliche Leiden zu Ende war, da war aus dem Schweiß auch schon mal eine echte Träne geworden, die über das Gesicht lief. Manchmal war es eine Verzweiflungsträne, öfters aber eine Freudenträne, weil das Unmögliche wieder gelungen war: Am Morgen zum ersten Mal im Leben ein Sendestudio betreten und sechs Stunden später den ersten Rundfunkbeitrag gesendet zu haben. Kaum vorstellbar und doch war es öfter so, montags bis freitags, auf „94.2 Stadtradio Saarbrücken“. Es begann 1986.

Der Raum hinter der Stahltür war eigentlich das Studio der Nachrichtensprecher von SR3 Saarlandwelle, die Sendung hatte den gänzlich unglamourösen Titel „Das Stadtmagazin“ und sie war das erste und einzige Übungsradio des Saarländischen Rundfunks, ausgestrahlt über den Sendemast am Funkhaus auf einer Not- und Füllfrequenz. Auch wegen der schnellen Erreichbarkeit der Aufnahmeorte wurden ausschließlich Saarbrücker Lokalbeiträge gesendet.

Die Teams im Nachwuchsstudio (Foto: SR)
Die Teams im Nachwuchsstudio waren oft eine verschworene Gemeinschaft - links: Sebastian Kolb, Mitte mit Brille: Betreuer Peter Springborn - Heute arbeiten beide bei SR 3.

Das liegt nun schon über 25 Jahre zurück, dennoch erinnern sich viele Kolleginnen und Kollegen im SR noch daran, denn nahezu alle Volontäre und Praktikanten mussten damals eine Stage im sogenannten „SR-Nachwuchsstudio“ verbringen – und sie haben viel gelernt dort. Dass sich die Türen zu Fort Knox, ins Studio der Nachrichtensprecher, überhaupt öffnen durften war Intendant Hubert Rohde zu verdanken und Axel Buchholz (damals Abteilungsleiter Magazine und Aktueller Dienst sowie Ausbildungsbeauftragter). Ihn hatte Rohde gebeten, seine Idee umzusetzen: Ein Ausbildungsradio unter Livebedingungen sollte es sein.

Das erste SR-Selbstfahrerstudio für Journalisten

Das Neue: Es gab keine technische Unterstützung bei der Produktion der Sendung – der Radionachwuchs musste seine Beiträge selbst aufnehmen, schneiden und senden.

Dass Journalisten, und dann auch noch angehende, ihre Tonbänder selbst aufnahmen und schnitten, war den Technikern und auch vielen Redakteuren im Sender ein Dorn im Auge. Keiner wusste, wohin das führen sollte und jeder schlechte Schnitt, jedes misslungene Interview gab den Skeptikern Recht: ein Beweis dafür, dass das alles kompletter Humbug war und zum Misserfolg verdammt. Dass wir damals die Vorreiter beim Selbstfahren und  -produzieren von Sendungen sein sollten, war uns gar nicht so klar, wir hatten auch keine Zeit darüber nachzudenken.

Das erste SR-Selbstfahrerstudio für Journalisten nahm am 6. März 1986 seinen Sendebetrieb auf. Ich war der erste Moderator. Nach mir wurden Peter Springborn, Susanne Reinhard und Peter Neumann die Betreuer. Alle kamen aus den Journal-Redaktionen der Europawelle.


Zur Person: Stefan Braun - Journalist mit Organisationstalent   


Als „primus inter paris“ war mein Auftrag klar definiert: Die Fäden im Nachwuchsstudio in der Hand zu halten und in den ersten drei Anlaufmonaten mit noch wenig Unterstützung „meine“ Magazinsendung mit Beiträgen und Interviews aus der Landeshauptstadt zu füllen – mal mehr mal weniger mühsam. Zudem musste das Format getestet und alles besorgt werden, was im Redaktionsalltag gebraucht wurde. Von den wackeligen Schreibtischstühlen aus dem Fundus und den ratternden elektrischen Schreibmaschinen (IBM-Kugelkopf!) über die Tonbandgeräte für die Reporter bis zu den Jingles, die wir nach und nach selbst herstellten. Für die Musikauswahl war Jürgen Bohr zuständig, dennoch gelang es uns immer wieder, unsere Lieblingstitel an ihm vorbei ins Programm zu schmuggeln.

Stadtradio-Team mit Moderator Stefan Robiné, rechts hinten Autor Stefan Braun als Betreuer im Nachwuchsstudio (Foto: SR)
Stadtradio-Team mit Moderator Stefan Robiné, rechts hinten Autor Stefan Braun als Betreuer im Nachwuchsstudio

In jeder Sendestunde gab es drei bis vier Sendeplätze: für Studiogäste, bei den Tutoren ziemlich ungeliebte Telefoninterviews und natürlich Reportagen und Beiträge, dazu einen Block mit Veranstaltungstipps. Meist sendeten wir von der Hand in den Mund, Vorplanung gab es kaum, es kamen ja ständig neue Praktikanten, manche waren nur eine Woche lang eingeteilt, andere - vor allem die Volontäre - blieben immerhin einen Monat oder etwas mehr. Für einige im Nachwuchsstudio war es die erste Berührung mit dem Radio, vor allem mit der Technik. Sechs Stunden waren eine verdammt kurze Zeit, eine Sendung aus dem Boden zu stampfen mit Mitarbeitern, die zum Teil noch nie in ein Mikro hineingesprochen hatten. Aber es funktionierte jeden Tag, mal besser, mal schlechter.

Nach der Sendung trat das Scharfgericht zusammen. Die Angeklagten mit gesenktem Kopf, irgendetwas war immer daneben gegangen. Aber die Richter waren gutmütig. Als betreuende Tutoren hatten sich  fest angestellte erfahrene Redakteure zusätzlich zu ihrer normalen Arbeit zur Verfügung gestellt. Sie nahmen die Themen am Morgen zunächst ab, verteidigten sie in der täglichen Redaktionskonferenz der damaligen Chefredaktion, verfolgten  schließlich die Sendung im Radio und machten sich ihre Notizen dazu. Hinterher gaben sie den Radioanfängern dann Tipps, lasen ihnen die Leviten und geizten auch nicht mit Lob, wenn ein Stück mal besonders gelungen war oder überraschten mit einem Geschenk: Hans Berwanger, damals Zeitfunkchef und SR-Sportreporter-Legende, ärgerte sich regelmäßig über 08/15-Beiträge und langweilige Interviews (nicht nur im Stadtradio). Er setzte deshalb einen Preis für gelungene Reportagen aus: ein Flasche Wein. Die Zahl der Reportagen nahm sofort sprunghaft zu.

Ins Goldene Anekdotenbuch des „Pampersstudios“ schaffte es vor allem jene Praktikantin, die den Bundeskanzler (!) zu Beginn einer Pressekonferenz in Saarbrücken um ein Testimonial im Stil von „Ich höre Stadtradio Saarbrücken, weil...“ bat. Der sichtlich verblüffte Helmut Kohl, der eigentlich erwartet hatte, zu einem landespolitischen Thema befragt zu werden, wollte ihr den Gefallen nicht tun. Sie ließ nicht locker, die Tutoren hatten ihr eingeschärft nachzuhaken, wenn Politiker nicht antworten. Und so bat sie ihn, ihr ins Mikro wenigstens einen Pfälzer Witz zu erzählen. Die Antwort ist nicht wörtlich überliefert, ein Witz war es jedenfalls nicht.


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Pannen und Peinliches beim Oberbürgermeister


Die höchste Weihe konnte man damit erreichen, dass ein Beitrag im „echten“ Radio wiederholt wurde – zum Beispiel im Tagesprogramm der Saarlandwelle. Für die Europawelle eigneten sich die Themen wegen ihrer lokalen Ausrichtung nur selten, dafür war sie die Keimzelle, in der die Brut aufging: Wer sich im Nachwuchsstudio bewährte, konnte sich Hoffnung auf eine Folgestage bei SR 1 machen.

Viele Praktikanten kamen ein zweites und drittes Mal ins Haus. Da wussten sie längst, wie man Beiträge selbst schneidet und brachten nicht selten ein technisches Knowhow in einzelne Redaktionen, das dort so noch nicht existierte. Tonbandgeräte standen in jeder Abteilung - aber nur zum Abhören. Zum Schneiden musste man gefälligst ins Studio, dafür war „die Technik“ zuständig.

Als Praktikantin oder Praktikant im Nachwuchsstudio durfte man nicht zimperlich sein. Wenn man das Funkhaus am Morgen mit einem Auftrag verließ war klar, dass man nicht mit leeren Händen zurückkehren durfte. Die Sendeplätze mussten schließlich gefüllt werden. Immerhin: Wer die Stage gut überstand und mit Durchhaltevermögen und Kreativität auf sich aufmerksam machte, konnte seine Chancen auf weiteres Lernen in den Redaktionen deutlich verbessern. Und manchmal auch die für ein eventuell geplantes Volontariat. Das sprach sich herum, im SR und in der ganzen Bundesrepublik. Plötzlich bewarben sich junge Leute von fernen Universitäten und wollten ins Nachwuchsstudio, journalistische Studiengänge streckten ihre Fühler nach dem woanders so nicht möglichen Liveradio aus, die Bewerberliste wurde lang.

Viele Ehemalige erinnern sich noch gern an ihre ersten Erfahrungen mit dem Medium Radio:

Martin Ganslmeier (Foto: privat)
Martin Ganslmeier

Martin Ganslmeier, in der ersten Stadtradiosendung 1986 als Außenreporter am St. Johanner Markt in Saarbrücken – heute ARD-Korrespondent in Washington, zuvor Leiter der Intendanzen beim SR und NDR: „Die vier Wochen, in denen ich im Nachwuchsstudio täglich eine Stunde Sendung machen konnte, haben meine lebenslange Leidenschaft fürs Radio geweckt! Für Berufsanfänger war das ein guter Nährboden, der die Kreativität gefördert hat.“

Stefan Hans Kläsener, Chefredakteur der Westfalenpost in Hagen, erinnert sich bis heute an seine Reportage über die Wasserorgel im Saarbrücker Deutsch-Französischen Garten – in diesem „Schülerradio“: „Anders kann man es nicht nennen, denn wir waren unbedarft, auch wenn uns Profis mit Tipps weiterhalfen. Wir sendeten stolprige Beiträge. Moderierten, wie uns der Schnabel gewachsen und wie der heimische Dialekt es uns vorschrieb – ein Gräuel für die Nachrichtenprofis mit Sprecherausbildung.“

Alexander Krahe, beim rbb-Inforadio jetzt Redaktionsleiter für Management & Layout, urteilt im Rückblick: „Ziemlich mutige Entscheidung vom SR uns da jeden Tag so senden zu lassen. Mir hat das Direkte und Einfache am Radio und im Nachwuchsstudio gefallen.“

Lutz Semmelrogge (Foto: SR)
Lutz Semmelrogge

Lutz Semmelrogge, heute SR-Programmdirektor, hat ganz besondere Erinnerungen an das "Stadtradio": „Ende 1989 war ich Praktikant im Nachwuchsstudio. Das war doppelt schicksalhaft. Zum einen, weil mich die Freude am Radiomachen gepackt und sich daraus mein beruflicher Werdegang beim SR entwickelt hat. Zum anderen, weil ich im Nachwuchsstudio meine heutige Frau kennengelernt habe. Damals war sie meine 'Chefin' - und ist es immer noch...“

Frank Thewes, heute stellvertretender Leiter der Hauptstadtredaktion des Magazins Focus, plagte sich mit dem  "Uher" ab: „Schon rein körperlich war es herausfordernd, weil die Reportergeräte der damaligen Generation ein beachtliches Gewicht aufwiesen. Wir waren manchmal der Schrecken der damaligen Saarbrücker Stadtpolitik, für die wir schwer kalkulierbar waren.“

Joachim Weyand (Foto: SR)
Joachim Weyand

Joachim Weyand, heute Anchorman im Aktuellen Bericht des SR Fernsehens, lieferte als ersten Beitrag eine Reportage „im Stile einer Beerdigungsübertragung“ ab. Sein Thema: die Saarbrücker Rathaus-Erstürmung am Fetten Donnerstag. „Unser Tutor, der spätere Hörfunk-Programmdirektor Hans-Harro Schmidt, hat meinen Beitrag völlig verrissen und polterte hinterher: Gehen sie zum Lachen in den Keller?“

Marie-Elisabeth Denzer (Foto: SR)
Marie-Elisabeth Denzer

Marie-Elisabeth Denzer, langjährige SR-Redakteurin und Anchorfrau des Aktuellen Berichts, heute Leiterin der Unternehmenskommunikation beim Energie- und Umweltunternehmen VSE, ist aus ihrer Zeit im Nachwuchsstudio bis heute „das tägliche Chaos“ in Erinnerung geblieben und die „Überraschung, dass es trotzdem immer eine Sendung gab“.


Mehr Erinnerungen an das SR-Nachwuchsstudio

Wie die Lust am Radio entstand


Stefan Robiné hat nach längerer Arbeit als Journalist inzwischen selbst Freude am Metier der Fort- und Weiterbildung im Journalismus gefunden. 1987 verabschiedete er sich nach 55 Minuten Stadtradio, in denen er statt der nächsten Platte die Werbespots abgefahren und auch ein paar Sendelöcher produziert hatte, mit den Worten "Eine Sendung mit Pannen und anderen Höhepunkten" (nachzulesen in der Reportage „Rotes Licht und kalte Duschen“ in 'neue medien' 6/87) – heute ist er bei der ARD.ZDF medienakademie Leiter des Geschäftsbereichs Programm und Gestaltung - vom Journalismus-Lernenden zum Lehrenden.

Von einer „faszinierenden Erfahrung“ schreibt André Zalbertus in seiner Würdigung des Nachwuchsstudios im Band "Rundfunk als kulturelle Aufgabe“ (zur Amtszeit von Hubert Rohde), von “beträchtlichem Stress“ und jeder Menge Regler und Schalter, die er als Moderator „in ihrer Vielzahl für unbeherrschbar“ hielt. Er selbst wurde dann aber seiner Rolle als „Bändiger der Regler und Schalter“ doch gerecht. Und später ein bekannter Fernseh-Journalist, zudem Chef einer der großen Produktionsgesellschaften im Bereich des Lokalfernsehens.

André Zalbertus (Foto: SR)
André Zalbertus

Mit seinem Nachwuchsstudio betrat der SR 1986 Neuland, er hat zahlreichen jungen Menschen den Weg in den Radio-Journalismus geebnet – vermutlich auch viele davor bewahrt, es weiter zu versuchen. Er hat auf das Selbstfahren und Selbstproduzieren im Journalismus gesetzt – Jahre bevor andere auf die Idee kamen oder den Mut hatten, es zu testen. Schade, dass sich die Spuren des Saarbrücker Stadtradios Anfang der 90er Jahren verloren, als es still und leise verstummte – weil das Studio für SR3 Saarlandwelle benötigt wurde. Wer weiß, welche neuen und unkonventionellen Ideen in Zeiten von Multimedialität und social media junge Leute heute dort beisteuern und praktisch erproben könnten.

(Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab); Mitarbeit: Michael Fürsattel, Sven Müller, Roland Schmitt)

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