Gustav Regler (Foto: SR)

Der Schriftsteller Gustav Regler und der SR

 

"Mein Haus, Meister, ist das Ihre" – so überaus zuvorkommend soll Intendant Franz Mai den in Merzig geborenen Schriftsteller Gustav Regler beim Saarländischen Rundfunk begrüßt haben. Da war Regler ein geschätzter Autor im Saarland und seit einigen Jahren Mitarbeiter des SR.

Von Dr. Ralph Schock

Dennoch war die Reaktion geteilt, als Gustav Regler am 23. November 1960 der zum ersten Mal in der Sparte „Literatur“ vergebene „Kunstpreis des Saarlandes“ zugesprochen wurde.

Nicht wenige Autoren hätten mit dem Preis gerne einen aus ihrem Kreis ausgezeichnet gesehen, etwa Alfred Petto. Andere, wie Karl-Christian Müller, hatten sich selbst Hoffnungen auf die Auszeichnung gemacht. Nicht verwunderlich daher, dass die konservative, der Christlichen Volkspartei (CVP) nahestehende „Saarländische Landeszeitung“ kühl und distanziert kommentierte: „Der am 27. Mai 1898 in Merzig geborene Schriftsteller lebt seit 1940 in Mexiko.“ Nicht nur war das Geburtsdatum falsch, die Zeitung fand es auch nicht für nötig, zu erklären, weshalb der Autor in Mexiko zu leben gezwungen war.

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Als schließlich am 24. Februar 1961 im Kultusministerium der Preis überreicht wurde, ließ sich der zuständige Minister Dr. Franz-Josef Röder (in Personalunion Ministerpräsident, CDU) vertreten – vermutlich wegen der Brisanz der Entscheidung. Der Ablauf der Veranstaltung war ungewöhnlich. Zwar war Regler der höchste Staatspreis des Landes zugesprochen worden, der Geehrte ergriff bei diesem Anlass allerdings nicht das Wort. „Ein wenig erstaunt“ nahm der Reporter der „SLZ“ zur Kenntnis, dass sich der Autor „seine Dankrede (…) für einen vom Saarländischen Rundfunk auf Schloss Halberg veranstalteten Empfang“ am gleichen Abend vorbehalten hatte.

Intendant Mai im Büro (Foto: SR)
Intendant Mai im Büro.

Denn anders als sein Parteifreund Röder schätzte Franz Mai, der Intendant des SR, den Autor sehr. Bei dieser Gelegenheit überreichte Regler an Ministerialrat Arnold als Dank für die Auszeichnung ein ungewöhnliches Mitbringsel aus Mexiko, einen Pelikanschnabel als Symbol für Weisheit und Güte. Genauer erklärte Regler die Sache in seiner Rede: „Was man in Mexiko vom Saarland weiß“. Leider ist die Fernsehaufzeichnung der Rede Reglers im Schloss Halberg nur noch teilweise im Archiv vorhanden.

Es wird der ehemalige SR-Literaturredakteur Heinz Dieckmann gewesen sein,  der den Autor schon länger zuvor zum Sender brachte. Die beiden kannten sich seit den späten 40er Jahren, als Dieckmann für den Saarbrücker „Saar-Verlag“ als Lektor arbeitete. 1947 sollte dort Reglers erste saarländische Nachkriegsveröffentlichung erscheinen, die mexikanische Novelle „Amimitl“. Zwar hatte die französische Militärverwaltung unter der Nummer 138 die Druckgenehmigung für das Werk erteilt, Kultusminister Emil Straus (CVP) verbot das Buch jedoch wegen einiger als anstößig empfundener Stellen. Kaum erstaunlich, dass der so umtriebige wie aufmüpfige Dieckmann bald einen anderen Job suchte – und beim Funk fand. Er wurde der zweite Redakteur der von Hans-Bernhard Schiff geleiteten Literaturabteilung des Senders. Wie Regler war Schiff 1933 nach Frankreich emigriert und hatte die Jahre der deutschen Besatzung als Landarbeiter überlebt.

Nach Schiffs erzwungenem Ausscheiden aus dem Sender infolge der Saarabstimmung 1955 wurde Fred Oberhauser kommissarischer Leiter der Abteilung. Er führte die Zusammenarbeit mit Regler bis zum Tod des Autors 1963 fort und setzte sich als Mitglied der Vorjury dafür ein, dass Regler den „Kunstpreis des Saarlandes“ bekam.

Fred Oberhauser (Foto: Winfried Götzinger)
Fred Oberhauser (1983).
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Aufschlussreich und spannend ein 1958 entstandenes Doppelinterview von Oberhauser und Dieckmann mit Regler nach der Veröffentlichung von dessen Autobiographie „Das Ohr des Malchus“.  Im selben Jahr wurde in Paris ein weiteres Doppelinterview („Zwei Schriftsteller in Paris“) aufgenommen: Wilhelm von Scholz befragte Georg K. Glaser, Silberschmied im Marais und Autor der Autobiographie „Geheimnis und Gewalt“, Dieckmann interviewte Gustav Regler. Zu dieser Zeit hatte Regler eine Reihe von Sendungen für den SR geschrieben, Reportagen, Essays und Rezensionen. Vor allem waren zahlreiche Folgen unter dem Titel „Aus dem Tagebuch des Gustav Regler“ ausgestrahlt worden. Diese wurden, wenn möglich, vom Autor selbst gesprochen. Oft wurden die eingesandten Manuskripte aber auch von einem Sprecher verlesen.

Die Sendungen Reglers, die seit Mitte der 50er Jahre regelmäßig zu hören waren, seien ein „solcher Erfolg“ gewesen, schreibt Dieckmann in seinem Roman „Die Narrenschaukel“, dass „selbst der Intendant Wind davon bekam, mich anrief und sagte, er wünsche diesen ‚großen Sohn seiner Heimat’ unverzüglich kennenzulernen.“

Regler-Brief an Franz Mai 

Stark satirisch überhöht zeichnet Dieckmann nun ein Doppelporträt Reglers und des Intendanten: „Dieser Intendant war ein Schöngeist, und die Schönheit seiner deutschen Seele leuchtete durch seine Schale. Er leuchtete eigentlich immer und nervte seine Redakteure, indem er ‚Jahresprogramme’ ausgab, nach denen sie sich zu richten hatten, etwa ‚Der Mensch, das denkende Wesen’ oder ‚Zeugen der Schönheit’ oder ‚Mit Goethe durch das Jahr’. Sein eigentlicher Tick aber war sein Haus. Dieses Haus – das Funkhaus – war ein feudaler schlossartiger Schuppen aus den Gründerjahren, den sich ein Industrieller für seine Auftritte hatte bauen lassen.

Der Intendant hatte es mit Hilfe einer Innenarchitektin renovieren und einrichten lassen, so daß es aussah wie eine Konfektschachtel, mit Goldkordeln, kilometerlangen Vorhängen aus Goldbrokat, schweren Schreibtischen aus Teakholz und sparsamen, aber geschmackvollen Grafiken an den sanft getönten Wänden. Nur die unteren Korridore waren antik geblieben und glichen haargenau den Korridoren im Tannenbergdenkmal. Durch diese Korridore schritt der Intendant mit großem Gefolge seiner ‚leitenden Herren’ Gustav entgegen, der klein, hässlich angezogen und mit einer Baskenmütze auf dem runden Katerkopf von der anderen Seite kam.

Schloss Halberg, 1950er Jahre (Foto: SR)
Schloss Halberg Ende der 50er Jahre vor Beginn der SR-Neubauten.

Der Intendant, der eine Schwäche für alles Französische hatte und unter der Krankheit der gehobenen Rede litt, umarmte den Verblüfften und sagte mit Wärme: ‚Mein Haus, Meister, ist das Ihre’, worauf Gustav um Erhöhung seines Honorars bat. Die Antwort des Intendanten vergällte ihm das Essen, das erlesen war. Er bekam fünf Mark mehr für die halbe Stunde. Schon damals war die Literatur nur das Feigenblatt, das sich die Sender vor ihre schwachen Stellen banden, Sender, die sich im übrigen dem politischen Proporz widmeten, das heißt, sich bis zu der Lokusfrau politisierten. Als einer der Redakteure gefeuert wurde, weil er eine satirische Montage über Adenauers fixe Idee, Atombomben an der Zonengrenze zu vergraben, gemacht hatte, schrieb Gustav eine brillante und bittere Betrachtung darüber, worauf seine weiteren Sendungen zensiert wurden. Trotzdem schrieb er weiter. Er war auf die Honorare angewiesen.“ (S. 179f).

Regler mit Grieshuber (Foto: Ohnesorg/SR)
Gustav Regler (li) mit dem Bildhauer und Holzschneider HAP Grieshaber bei Dreharbeiten für den SR 1961 auf der Achalm

Regler schrieb nicht nur Sendungen für die Literaturredaktion, er arbeitete beim SR auch für das noch junge Medium Fernsehen. Möglicherweise wurde er dazu von Dieckmann ermuntert, der nach seinem Weggang vom SR bis zu seiner Pensionierung als Dokumentarfilmer beim ZDF tätig war. Regler drehte Porträts über den Holzschneider HAP Grieshaber („Besuch auf der Achalm“) und den Surrealisten Max Ernst; er führte Gespräche mit Heinrich Böll und Eugène Ionesco. Er selbst wurde 1961 in einer Fernsehsendung von Heinz Dieckmann nach Leben und Werk befragt.

Er selbst wurde 1961 in einer Fernsehsendung von Heinz Dieckmann nach Leben und Werk befragt.

Christl Ohnesorg (Foto: Christl Ohnesorg)
Die Fernsehcutterin Christl Ohnesorg arbeitete auch mit Gustav Regler zusammen.

Erinnerungen von Christl Ohnesorg

Regler schrieb in den 50er und 60er Jahren auch zahlreiche Sendungen für den Südwestfunk. Walter Rosengarten, Literaturredakteur in Baden-Baden, war mit Regler eng befreundet. Er war es auch, der den Autor überzeugte, daß die Autobiographie unbedingt auch die Kapitel über Kindheit und Jugend enthalten müsse. Nach längerem Sträuben und „zum Teil unter Zorn“, wie sich Rosengarten erinnerte, sei Regler dieser Bitte schließlich gefolgt. Allerdings hat er, wie die gedruckte Widmung in seiner „Lebensgeschichte“ verrät, dem Freund im Nachhinein recht gegeben. Sie lautet: „Für Walter Rosengarten, den Unbestechlichen, in Freundschaft“.

Dieser Text von Ralph Schock ist im Mai 2013 auch in „Opus“ erschienen, dem Kulturmagazin für das Saarland und die Großregion.

Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab); Eva Röder (Gestaltung/Layout), Roland Schmitt (Recherche, Bilder); Mitarbeit: Thomas Braun, Frauke Feldmann, Michael Fürsattel und Hans-Ulrich Wagner. Für die Unterstützung danken wir dem Landesarchiv des Saarlandes und dem Gustav Regler-Archiv Merzig/Frau Annemay Regler-Repplinger.

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