SR Fernsehen wird farbig (Foto: SR)

Wie das SR-Fernsehen farbig wurde

 

Heute begeistern uns die gestochen scharfen Bilder des neuen HDTV. Dass sie bunt sind, ist längst selbstverständlich. Damals aber, 1967, war die Einführung des Farbfernsehens eine richtige Sensation. Im Jahr 2012 feiert das Farbfernsehen damit zwar nur ein „halbrundes“ Jubiläum. Interessant ist es aber allemal, daran zu erinnern, wie vor 45 Jahren in Deutschland und speziell beim SR die Bilder bunt wurden.

Mit einem symbolischen Knopfdruck von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) wurde die Fernsehwelt farbig: am 25. August 1967, genau um 10.57 Uhr auf der 25. Großen Deutschen Funk-Ausstellung in West-Berlin. Aber das galt längst nicht gleich für alle Sendungen. Und zuerst hatte sich auch nur eine Minderheit der Zuschauer bereits einen Farb-Fernseher für rund 2000 D-Mark gekauft. Nur Schritt für Schritt ging es voran. Genau wie heute beim HDTV. Und genau wie beim HDTV war lange zuvor schon von den Technikern präzise Vorarbeit zu leisten, musste erst einmal von den Sendern viel Geld investiert werden.

Für den kleinen Saarländischen Rundfunk mit ohnehin stets knappem Budget bedeutete dies eine besondere Herausforderung. Erstaunlich, aber wahr: Gerade weil er arm war, gehörte der SR zu den technischen Vorreitern der Entwicklung. Und nach der Erinnerung des damaligen Leiters Messtechnik, Franz Brehm, kam das so: Die Fernseh-GmbH in Darmstadt („Fese“, eine Bosch-Tochter) hatte als Vorreiter und gleichzeitig einzige deutsche Firma eine elektronische Farbkamera entwickelt: die „Drei-Röhren Super-Orthikon“ mit einem Röhren-Durchmesser von drei Zoll. Das war ein „Riesen-Apparat“, 160 bis 180 Pfund schwer. Im Studio stand sie auf einem extra-schweren Stativ, nur an vier Tragegriffen war der Koloss von fast zwei Zentnern zu schleppen.

Schon bald zog aber die niederländische Konkurrenz Philipps nach: mit einer Farbkamera, die mit drei Plumbikonröhren von je nur noch1¼-Zoll Durchmesser auskam (in Dreikanal-Technik). Die „Plumbikon“ (so genannt wegen der bleihaltigen Halbleiterschicht) war nicht schwerer als die bis dahin gebräuchlichen Schwarzweiß-Kameras und kam noch rechtzeitig für die Einführung des Farbfernsehens auf den Markt. Kein Wunder, dass sie die Kamera der Wahl bei den deutschen Sendern wurde. Nur einer kaufte sie nicht: der arme SR. Der erstand die nun technisch überholte „Orthikon“. Er bekam die vier Kameras, deren Produktion nie in Serie ging, „fast zum Schrottpreis“ – dafür aber etwas früher als die übrigen Sender ihre Philipps-Kameras. Und so konnte der SR auch schnell sein beim Umrüsten des kleinen „Ansage-Studio 1“ auf Farbe. Die nötigen Geräte und Installationen dafür entstanden kostengünstig zumeist in senderinterner „Heimarbeit“. Auch die Fernseh-Leitungen im Hause mussten für einen höheren Frequenzbereich farbtüchtig umgebaut werden.

Als die ARD dann im Herbst 1966, rund ein dreiviertel Jahr vor dem offiziellen Beginn des Farbfernsehens, mit Versuchssendungen in Farbe beginnen wollte, konnte der SR die Hand heben: „Wir können’s machen.“ So strahlte der Saarländische Rundfunk dann an allen Wochentagen nachmittags zwischen meist 14.00 und 16.00 Uhr für die gesamte ARD die Farbversuchssendungen aus. Der Nachmittag war damals noch „programmfrei“. Gedacht waren die Farbtests für die Rundfunk- und Fernsehfachgeschäfte. Sie stellten bereits erste Farbempfänger in ihre Schaufenster und Geräte-Regale und lockten so das Fernseh-Publikum werbewirksam in die neue bunte Fernseh-Welt. Die Techniker der Rundfunkanstalten nutzten das Programm, um zu testen wie gut ihre vielen Sender in der ganzen Bundesrepublik das Farbsignal übertrugen.

Die Zuschauer hatten bis auf einige wenige noch keine Farb-Empfänger, also nichts von den bunten Fernseh-Bildern. Sie freuten sich trotzdem. Unterhaltsamer als das sonst am Nachmittag gezeigte Testbild waren für sie die nun ausgestrahlten Reisefilme selbst in schwarzweiß. Und als „Zugabe“ wurde ihnen sogar die nette SR-Fernseh-Ansagerin Ruth Pfordt geboten. Auch in Farbe natürlich, wie zudem schöne Farbfotos aus aller Welt und der obligatorische "Farbbalken". Kein Wunder also, dass viel lobende Post von überall her eintraf, auch aus der DDR. Beim SR war die Genugtuung eine doppelte: Erstens klappte es mit der Farbtechnik und zweitens zeigte der Sender damit vornweg bundesweit Präsenz.

Die Kameraleute in den Studios freuten sich einerseits, nun farbige Bilder anbieten zu können. Andrerseits stöhnten sie wegen der nur mühsam zu handhabenden „riesigen Brummer“ von Kameras. Kameramann Hans-Joachim „Pit“ Weber erinnert sich deshalb gut an die erste große elektronische Farbproduktion im Saarbrücker Studio für die ARD.

Die Aufnahmen für die Spieloper „Des Kaisers neue Kleider“ waren 1968 Schwerstarbeit.“ Zwei Stunden dauert es allein, die Orthikon-Kameras aufnahmebereit zu machen. Einen ganzen Tag beanspruchte es die Messtechniker, wenn Röhren ausgewechselt werden mussten. Und das erwies sich recht oft als nötig. Aber an der Qualität der Bilder war wenig auszusetzen. Nach gelungener Arbeit bedankte sich Intendant Dr. Franz Mai sogar mit einer kleinen Geldprämie.

Schon längere Zeit vor den Testsendungen begannen die Vorarbeiten der Fernseh-Übertragungstechnik des SR. Da der Fernsehsender auf der Göttelborner Höhe (von Siemens gebaut) damals ein Sender für Schwarzweiß-Betrieb war, musste er für Farbübertragungen um- und mit neuen Geräten ausgerüstet werden. Das konnten die SR-Techniker überwiegend in Eigenregie erledigen und ersparten dem Sender so eine Menge Geld. Neue Messinstrumente mussten allerdings gekauft werden.

„Dann kam der schwierigere Teil“, erzählt Walter Schönhofen weiter, Mitte der sechziger Jahre für die Sendertechnik zuständig. „Man war sich damals nicht ganz schlüssig, ob der Fernseh-Kanal 2 im Frequenzbereich I (den der SR nutzte) überhaupt für Farbsendungen geeignet war“. Also musste die Qualität der Übertragung des Farbfernsehsignals vom Sender auf der Göttelborner Höhe zu den Empfängern untersucht werden. Das Farbsignal dafür bekam der SR vom sogenannten Farblabor des WDR in Köln. Die Empfangsmessungen im Saarland wurden von einem Messwagen des Instituts für Rundfunktechnik (IRT), München vorgenommen. Das Test-Ergebnis löste Erleichterung aus: Der Sender ist farbtauglich.

Für die SR-Sendertechniker wurde nun die Arbeit wieder entspannter: Als die nachmittäglichen Farb-Testsendungen aus dem Studio 1 des damals ziemlich neuen SR-Fernsehgebäudes auf dem Halberg begannen, zogen sie mit einem der ersten Farb-Fernsehempfänger durch das Land. Und waren überall gern gesehene Gäste, denn sie führten das Testprogramm in öffentlichen Lokalen verschiedener saarländischer Orte vor. Die Zuschauer waren sehr zufrieden: Zweiter Technik-Test ebenfalls bestanden. Und all das zudem genau termingerecht.

Rund anderthalb Jahre ehe das Fernsehen in Deutschland farbig wurde, hatten auch die Filmkamera-Leute damit begonnen, testweise in Farbe zu drehen. „Dabei ging es vor allem darum, die Wirkung der Farben für die Bildgestaltung optimal zu nutzen und entsprechend der wechselnden Lichtverhältnisse den richtigen Farbfilter einzusetzen“, erinnert sich Klaus Peter „Kape“ Weber, damals noch Kamera-Assistent. Andernfalls bestand morgens und ab nachmittags bis abends, wenn das Licht warm ist, die Gefahr eines Rotstichs. Dagegen musste um die Mittagszeit, wenn das Licht sehr kalt ist, gegen einen Blaustich gefiltert werden. Das galt es zu bedenken, den Farbtemperaturmesser (ein hoch sensibles Gerät, das sehr umständlich und eigentlich für den Studiobetrieb gedacht war), korrekt zu nutzen um dann den passenden Filter zu wählen. So haben Weber und sein Ausbildungskameramann Siegfried Baumann bereits während einer großen Asienreise 1966 zusätzlich auf Kodak-Farb-Umkehrmaterial gedreht (dem gleichen Material, das der Amateur als Diafilm verwendete). Farbdokumentationen wurden beim SR ansonsten bis Mitte der 1980er Jahre aus Kostengründen hauptsächlich auf 16mm Farb-Umkehrfilm von AGFA gedreht. Darauf war das SR-Kopierwerk vom Beginn des Farballtags an für den Aktuellen Bericht eingerichtet, weil es kostengünstiger war. Nur für besondere Produktionen (mit etwas höherem Budget) konnte man das bessere Kodak-Material durchsetzen, das dann auch fremd entwickelt werden musste. Dies änderte sich erst nachdem Kurt Otto als Kopierwerksleiter angestellt wurde. Er erreichte die Umstellung auf den Kodakprozess.

Der damalige Fernseh-Unterhaltungsredakteur Emil Zalud erzählt sogar von einem regelrechten „Farbübungsfilm“ mit dem Titel „Musik auf der Tenne“ (Erstsendung: 24.8.1968). Vorgestellt wurden Titel des Komponisten und Bandleaders Hans Georg Schütz („Jeden Tag, da lieb ich dich ein kleines bisschen mehr“), der in Hemmoor lebte. Zu den Dreharbeiten im „Alten Land“ zwischen Hamburg und Bremen waren gleich mehrere Kameraleute aus Saarbrücken angereist: u.a. die Chefkameramänner Willi Raber und Alfred E. „Fred“ Ohnesorg sowie Edwin K. Braun. Trotz „eines gewissen Gedrängels der Lernwütigen an den Kameras“ erwiesen sich die Aufnahmen als hervorragend.

Der Farb-Experimentier-Eifer der SR-Kameraleute war groß. Einer von ihnen, der Kameraregisseur Georg Bense, wurde sogar vom Erfinder des PAL-Farbfernsehens persönlich ausgezeichnet. Prof. Walter Bruch überreichte ihm eine Silbermedaille. Benses Film „…zum Beispiel Guanajuato“ (Erstsendung: 23.06.1968) nannte er eine „der Sternstunden das Fernsehens“ und zeigte ihn mehrfach als Beweis für die Leistungsfähigkeit des PAL- Farbfernsehsystems.

Übrigens: 1969 kaufte der SR dann doch neue elektronische Farbkameras, die viel leichteren und pflegefreundlicheren 1 ¼-Zoll- Plumbikons „KCU“ von der FESE (Bosch). Sie arbeiteten bereits mit der moderneren vier-Kanal Technik. Dadurch lieferten sie gleichzeitig auch wesentlich bessere Schwarzweiß-Bilder. Das war wichtig, weil ja viele Zuschauer noch nicht auf Farbe umgestiegen waren. Ihre ersten riesigen Vorserien-Orthikon-Kameras behielt die SR-Technik aber in liebevoller Erinnerung. Schließlich ließen sie sich nach ihrer Ausmusterung sogar noch gewinnbringend verkaufen, hinter den damaligen „Eisernen Vorhang“.

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