Georg Bense (Foto: SR)

Zu Besuch bei Asterix und Obelix

 

Von Georg Bense

Er ist weltberühmt, der kleine Gallier Asterix: Star von über 30 langen und mehreren kurzen Comic-Geschichten. Seine „Heldentaten“ können wir in zwölf Filmen miterleben. Acht davon sind Zeichentrickfilme. Während der Produktion des dritten, „Asterix erobert Rom“, war der SR-Filmemacher Georg Bense 1977 in den Pariser „studios idéfix“ mit seiner Kamera dabei. Für die SR-Doku-Reihe „Hinter der Kamera“ wollte er mit Asterix‘ und Lucky Lukes Hilfe aufzeigen, wie ein Zeichentrickfilm entsteht.

Ein leeres weißes Blatt Papier. Eine Hand. Ein Kohlestift. Augen, die konzentriert die leere Papierfläche fixieren. Einen Mittelpunkt festlegen. Dann, ganz plötzlich, geht alles schnell. Der Kohlestift eilt über das Papier. Formen entstehen. Noch ohne erkennbaren Zusammenhang. Plötzlich  dominieren Rundungen das scheinbare Linienchaos. Nehmen schließlich Gestalt an. Stellen Zusammenhänge her. Augen, eine wulstige Nase, große Ohren. Dicke Augenbrauen. Ein Gesicht. Wir alle kennen es. Auf dem Kopf ein geflügelter Helm. Vor unserer Kamera entsteht Asterix, gezeichnet von Albert Uderzo. In unserem Dokumentarfilm wird diese Szene ein zentraler Punkt sein.

An diesem Morgen im Mai 1977 waren wir beizeiten unterwegs. „Wir fangen früh morgens an“, hatte man uns gesagt. Also haben wir uns in aller Frühe durch den Pariser Verkehr gequält. Haben uns während der Rush-Hour in die sechser Autoreihen eingereiht, die den Triumphbogen ständig umkreisen. Waren Richtung Westen ausgeschert und hatten die Seine überquert. Unterwegs zu Asterix, Obelix und ihren Mitkämpfern waren wir im Prominentenvorort Neuilly angekommen, wo in den „studios idéfix“ die Dreharbeiten zu einem neuen Asterixfilm stattfinden sollten.

In einem  Interview mit René Goscinny, dem Autor, und Albert Uderzo, dem Zeichner nähern wir uns zum ersten mal dem Protagonisten des neuen Films: Asterix dem Gallier, dem Held, dem Kämpfer. Klein, frech und listig. Von überragender Intelligenz, vor
allem wenn es darum geht, die alten Römer unter der Führung von Julius Cäsar auszutricksen. Vorsichtig hatten wir Albert Uderzo gefragt, ob er bereit wäre, während des Interviews zu zeichnen. Er war es – und so entstand während des Gesprächs eine Zeichnung von Asterix. „Wie alle Zeichner, die Figuren erfinden, versuche ich einen
eigenen, ganz persönlichen Stil zu entwickeln.  Asterix muss unverwechselbar Asterix sein und bleiben. Asterix muss sich deutlich von Lucky Luke oder Donald Duck absetzen."

Inzwischen ist Uderzo bei den Füßen und übergroßen Schuhen seiner Figur angelangt. Unaufhörlich bewegte sich der Stift. „Entscheidend für die Art und Weise, in der sich Asterix bewegt, ist die Linienführung. Sie ist bei gezeichneten Figuren ausschlaggebend für den gesamten  Charakter eines Zeichentrickfilms." Uderzo lehnt sich zurück, betrachtete seinen gerade neu geborenen Asterix. Voilà!

Der ganze Vorgang hatte nicht mal 10 Minuten gedauert. Was uns freute, denn damals drehten  wir noch unsere Aufnahmen auf 16mm Film und eine Kassette reichte immer nur für einen Take von 10 Minuten. So wie wir, ahnte auch der Zeichentrickfilm 1977 noch nichts von den umwälzenden Änderungen, die das digitale Zeitalter mit sich bringen würde und gerade im Bereich des Animationsfilms die herkömmlichen Techniken und Arbeitsweisen auf den Kopf stellen würde.

Um diese damals allein möglichen Zeichentrickfilm-Techniken kennen zu lernen und zu dokumentieren, waren wir in die „studios idéfix“ gekommen. „Der Zeichentrickfilm ist eine Erfindung des Franzosen Emile Reynaud, der 1888 ein Patent für ‚ein optisches Theater‘ angemeldet hat“, erzählte Albert Uderzo. „Der erste Zeichentrickfilm der Welt wurde 1908 aufgenommen. Er hieß ‚Fantasmagorie‘. Ein Kurzfilm von zwei Minuten. 2000 Zeichnungen wurden dafür benötigt. Für unseren Asterix, der um die hundert Minuten lang werden soll, brauchen wir heute ein paar Tausend mehr.“

So ist mein Dokumentarfilm „Lucky Luke lernt laufen. Ein Trickfilm entsteht“ auch zu einem Stück  Medienkunde im SR geworden, deren didaktische Bedeutung meine Redakteure Peter Werner und Michael Meyer schon früh erkannt hatten. In einer Zeit, in welcher der Zeichentrickfilm noch in einer Nische der europäischen Filmwelt angesiedelt war. Abgesehen von den Walt Disney Filmen mit ihren Figuren Mickey Mouse, Donald Duck und Ede Wolf, die weltweit mit Begeisterung aufgenommen wurden.

Von außen sahen die „studios idéfix“ aus wie ein normales Wohnhaus. Kein Kinoflair. Kein Starkult. Doch hinter der Eingangstür - ein  treppauf, treppab, ein  hin und her, von Zeichnern und Animatoren,  Folien- und Hintergrundmalern, Trick-Kameraleuten, Regie- und Produktionsassistenten. Damals arbeiteten über 200 Leute an dem ersten Asterixfilm, der nicht nach einem der zahlreich erschienen Comicbände gedreht wurde. Für Les 12 Travaux d’Astérix (in Deutschland Asterix erobert Rom) hatte René Goscinny, Erfinder und Autor der Asterixfigur ein eigenes Drehbuch geschrieben.

Während des Interviews mit Uderzo hört der Asterix-Vater Goscinny schweigend zu und beobachtet aufmerksam die Hand des Zeichners. „Ich arbeite genau wie die Spielfilmregisseure mit ihren Schauspielern“, sagte er, während Uderzo sich ein neues Papier zurechtlegt, leer natürlich und erneut sein Spiel mit Linien und Formen beginnt. „Dort entscheidet auch der Regisseur, ob der Schauspieler gut oder schlecht spielt. Meine Darsteller sind gezeichnete Figuren, deren Kopf, Arm und Beinbewegungen auf hunderten von durchsichtigen Folien festgelegt sind. Und auch ich überprüfe dann, bewegt sich Asterix zu plump, zu schnell, zu langsam? Stimmt sein Gesichtsausdruck? Gerade der ist besonders wichtig, denn er muss ausdrücken, was das Drehbuch vorschreibt.
Wenn mir ein Blick oder eine Bewegung nicht gefällt, kann ich nicht einfach sagen noch einmal bitte. Dann müssen unter Umständen viele Zeichnungen geändert und neu aufgenommen werden"

Ein Blick zur Seite. Voilà! Wieder hatte sich Albert Uderzo zurückgelehnt und betrachtete Asterix, - nein Obelix. Dickbauchig schaut der massige Kerl mit den Zöpfen zufriedenen auf seine erhobene rechte Hand in der klein und kläffig Idefix, der Foxterrier der beiden gallischen Helden,  neugierig auf sein Herrchen schaut. Voilà. Unser Interview ist beendet. "Sie können überall hin, drehen Sie wo Sie wollen, Sie sind herzlich willkommen."

Wir haben die Chance genutzt und viel über den Zeichentrickfilm und seine Entstehung erfahren. Heute ist unser Film ein Dokument der Filmgeschichte, wie der Stummfilm, der 16 mm-Film und der Magnet- oder Lichtton.  Ebenso die Kinowochenschau. Kinoprojektionen werden in naher Zukunft von einem Satelliten in die Filmpaläste abgestrahlt. Vielleicht tauchen dann auch Asterix und Obelix am digitalen Kinohimmel auf. Natürlich im 3 D Format. Die „studios idéfix“ werden diese Zeiten nicht mehr erleben. Sie wurden 1978 wegen schlechter Auftragslage geschlossen. Ihr Gründer René Goscinny starb 1977, kurz nach unseren Dreharbeiten. 

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