Irmgard Rech (Foto: privat)

Irmgard Rech: Die erste katholische Frau im „Wort zum Sonntag“ kam vom SR

  27.09.2012 | 09:26 Uhr

Schon seit 1954 gibt es das „Wort zum Sonntag“ im ARD-Fernsehen. Und doch konnte sich noch 30 Jahre später die Lebacher Gymnasiallehrerin Irmgard Rech beim SR als Avantgardistin fühlen. Sie wurde im April 1984 die erste katholische Sprecherin dieser kirchlichen Verkündigungssendung. Und nicht nur eine Frau, sondern eine Laiin noch dazu.

Als zweite Sprecherin des „Wort zum Sonntag“ folgte ihr beim NDR am 10. November desselben Jahres die als „fröhliche Nonne“ populär gewordene Isa Vermehren. Sie war eine katholische Ordensschwester, die sich früher als Kabarettistin und Filmschauspielerin  einen Namen gemacht hatte.

Die Protestanten schickten zwar schon vor 1969 die erste Frau und Laiin auf den Schirm, Irmgard Rech bekam 15 Jahre später trotzdem ihre Vorreiter-Rolle noch zu spüren. Wurde die Kritik mal zu heftig, half ihr der katholische Rundfunkbeauftragte für den SR, Pfarrer Karl-Heinz Pfeiffer. Und der Bischof von Trier Hermann Josef Spital mahnte, dass „einseitige Überzeichnungen“ nicht hilfreich seien, auch wenn Irmgard Rech in der Sache Recht habe.

Von Irmgard Rech

Mit einem Text über eine erquickend witzige und nachdenklich machende Straßenkomödiantin hatte ich als katholische Frau und Mutter das Casting beim Saarländischen Rundfunk 1983 gewonnen – und nicht einer der drei Priester-Kandidaten. Das aber sollte möglichst nicht in der kirchlichen und sonstigen Presse verbreitet werden. Erst 1986 war es die „Bunte“, die mich in Freizeitkleidung mit meinem Mann auf dem Sofa sitzend als „die Auserwählte“ vorstellte. Das Titelbild der Nummer war ein Foto vom polnischen Papst Johannes Paul II. Dieser sich so menschlich gebende Heilige Vater duldete weder die Laienpredigt noch sollten je Frauen Priester werden. Auch in der Politik und im Journalismus waren die Männer noch übermächtig. Die katholische Kirche drängte in die Medien und ins Fernsehen, wollte aber auch dort die priesterlich-männliche Predigthoheit gewahrt wissen. Sogar im öffentlichen Raum erhob man den Anspruch, dass die Priester allein den Laien sagen können, wie sie in der Welt zu leben hätten.

Eine Frau, die am WDR auch das Casting gewonnen hatte, aber nie das „Wort zum Sonntag“  sprechen durfte, gratulierte: „Alle Achtung auch dem Gremium, das Sie sprechen ließ!“ Tatsächlich wäre es einer katholischen Laiin kaum an einem andern ARD-Sender möglich gewesen. Denn sonst wo  gab es wohl keinen so mutigen Katholischen Rundfunkbeauftragten wie Pfarrer Karl-Heinz Pfeiffer und keinen so frei denkenden Kirchenfunkleiter wie Norbert Sommer. Sie traten am Saarländischen Rundfunk für eine neuzeitliche Glaubensverkündigung ein. Und ich wollte ein Glaubenswort anbieten, das aus meinem eigenen Gewissen kommt und das ich aus meinen eigenen Erfahrungen heraus spreche.

In meinem ersten „Wort zum Sonntag“ – es  war am 3. April 1984 am Vorabend des Fastnachtssonntags – sprach ich über den religiösen Ursprung des Tanzes. Ich forderte die Zuschauer auf, selber zum Tanzen zu gehen. Denn wenn nach dem Kirchenvater Clemens von Alexandrien die Seligen mit den Engeln tanzen, dann könnten eigentlich nur die in den Himmel kommen, die auf Erden das Tanzen gelernt haben. Mein letzter Satz hieß: „Stellen Sie also den Fernseher ruhig einmal ab, und  gehen Sie dorthin, wo sie sich einhaken und mittanzen und mit schunkeln können!“ Aus Polen hatte ich mir dazu ein Plakat mit einem sich lustvoll herumwirbelnden Tanzpaar mitgebracht.

Die Wirkung war enorm. Das war natürlich nicht mehr die Glaubensverkündigung eines Amtsträgers.  Das polarisierte. „Sie gaben der Freude Raum, dadurch vermittelten Sie etwas von der Freude eines Christen, die wir ja eigentlich ausstrahlen sollten.“ Das etwa war der Tenor der zustimmenden Briefe. Schläge bekam ich von den Strenggläubigen, besonders auch von fastnachtsfeindlichen Protestanten, die mich für eine spirituell total entgleiste evangelische Pfarrerin hielten. „Die Grenze des Blasphemischen ist erreicht. Das werden Sie vor Gott verantworten müssen.“

Von den Priestern meiner Kirche, die alles beim Alten lassen wollten, kam die Frage: „Woher hat eine Frau die Berechtigung, das Evangelium in der Öffentlichkeit zu verkünden? Das ist allein die Aufgabe der geweihten Priester!“  Und in Anrufen und Briefen an kirchliche Stellen, an Pfarrer Pfeiffer und die ARD verlangten sie meine Absetzung. Solchen unsolidarischen Stimmen aus Priestermund  fühlte ich mich nicht verpflichtet, sondern denen, die mir signalisierten: „Ihr ‚Wort zum Sonntag’ fiel Gott sei Dank endlich einmal aus dem gewohnten langweiligen Rahmen!“  Es machte mir Mut und bekräftigte mich, dass ich mit meiner Art, ein religiöses Thema anzupacken, bei den Zuschauern angekommen war. Meine Predigten sollten lebenstauglich sein und auch Kirchen- und Religionsferne interessieren. Inhaltlich und thematisch gab es keine Einschränkungen. Der Bischöfliche Beauftragte Pfarrer Karl-Heinz Pfeiffer ermutigte mich sogar, das eingespielte Rollenbild der Frau in Kirche und Gesellschaft zu hinterfragen. Obwohl mir ja noch jede Professionalität fehlte, stützten mich Pfeiffer und Sommer, schliffen an meinen Texten und standen mir bei den Aufnahmen beratend zur Seite.

Norbert Sommer mit Buch „Nennt uns nicht Brüder“ (Foto: R. Oettinger)
Norbert Sommer mit Buch „Nennt uns nicht Brüder“

Ich wählte Themen, bei denen sich  aus der Sicht einer Frau neue Perspektiven ergaben. Ich sprach über die Begeisterung in der Liebe, über die Verpflichtung der Eltern, ihre Kinder zu ehren, über die Sorgen und die Not der Witwen, über Maria als revolutionär gesinnte Frau und Anwältin der Entrechteten, über die Begegnung mit ihrem kreuztragenden Sohn und die Mütter der Verschleppten und Hingerichteten im damaligen Chile. Am Dreikönigstag machte ich das friedliche Miteinander der Rassen zum Thema und an Pfingsten 1988 die Herabkunft des Heiligen Geistes auf alle und nicht nur auf die Männer der Kirche. Immer suchte ich den Kern meiner Predigt durch ein Bild oder Plakat auch zu veranschaulichen.

Die Aufnahme war jedes Mal ein aufregendes Abenteuer. Meine Sprechzeit betrug vier Minuten, die Aufnahme dauerte Stunden mit Kleiderauswahl und Schminken. Die Technik war noch sehr umständlich. Ich sprach in einen schwarzen Raum voller Apparaturen und grell-heißen Scheinwerfern, ich musste mir Gesichter vorstellen, um mich nicht verlassen und verloren wie in einem dunklen Universum zu fühlen. „Da war ein Schmatzer drin, der nicht hinein gehört. Fangen Sie noch einmal an!“, hieß es. Ein andermal: „Sie waren gut, aber wir hatten ein technisches Problem, bitte das Ganze noch einmal!“ Inzwischen lief mir die Schminke in die Augen. Die Maskenbildnerin tupfte und raunte: „Ihr Text ist wunderbar!“ Das half mir, mich wieder konzentrieren zu können.

Anfangs las ich noch vom Blatt, später sprach ich meinen Text frei ohne Teleprompter, das hatte ich vor meinen Schülern am Pult geprobt. Bei einer Außenaufnahme in der Wallfahrtskapelle Gräfinthal wurde ich auf einen hochbeinigen Blumenhocker gehievt, dessen Festigkeit niemand garantieren konnte. Ich sollte mit der Muttergottesfigur zusammen im Bild zu sehen sein. Durch die offene Tür flötete eine Nachtigall, aber die durfte nicht zu hören sein. Also Türe zu und das Ganze von vorne!

Zufrieden mit mir nach den Aufnahmen war ich selten. Aber ich verstand es allmählich, besser mit der Flut der Reaktionen umzugehen. Die Konservativen, die sich im Besitz der göttlichen Wahrheit wussten, schlugen jedes Mal verbal kräftig in dem Ton zu: „Das werden Sie vor Gott verantworten müssen!“ Am allergiftigsten reagierten zwei Frauen, die an höchster Stelle die Gefährdung für den Glauben beschworen, die von meinen Worten ausginge. Doch ich ließ mich nicht irremachen, sondern freute mich über die vielen anerkennenden und dankbaren Briefe und Anrufe, darunter auch von Frauen, die bedauerten, „dass viele Frauen ihre Aufgabe noch gar nicht begriffen haben, Dinge auszusprechen und auf Veränderung zu drängen.“ Und es gab männliche Verehrer, zwei Heiratsanträge, Blumen und andere rührende Geschenke wie Christbaumschmuck aus dem Erzgebirge. Zu schaffen machten mir die Bettelbriefe mit bescheidenen und anspruchsvollen Wünschen, auch mit Bitten um Geld. Aus der DDR wurde um Handarbeitswolle gebeten, doch auch um Lederjacke und Lackstiefel. Frauen der evangelischen Gemeinde in Lebach halfen mir Hilfspakete nach Ostdeutschland zu schicken. Weil ich ja für eine Pastorin gehalten wurde, klingelten auch dort die Telefone.

Nicht vergessen kann ich bis heute die Hilferufe von Menschen, die in seelischer Not waren. Ich erfuhr in erschütternden Briefen, wie verzweifelt Menschen waren.

Aber wie sollte ich den Verzweifelten und Schwermütigen helfen? Ich konnte gar nicht so viele tröstende Briefe schreiben. Eine Frau, deren Sohn im eigenen Dachdeckerbetrieb ums Leben gekommen war und deren Mann darauf stumm geworden ist, habe ich bis zu ihrem frühen Tod brieflich aufzurichten versucht. Sie hat sich sterbend in einem letzten Brief von mir verabschiedet. Ich weiß, dass manche oder mancher umsonst auf eine Antwort gewartet hat. Aus einem schon fast vergilbten Brief ist mir viel später noch ein Fünfmarkschein herausgefallen. Es tut mir heute noch leid, ihn nicht beantwortet zu haben.

Ich weiß aber, dass meine Worte manchen aufgeholfen haben. Unvergesslich ist mir der Dank einer 26jährigen Frau, deren Mann kurz zuvor gestorben war. Sie hatte nach Wochen tiefer Trauer zum ersten mal wieder den Fernseher angestellt. Da hörte sie mein „Wort zum Sonntag“ über die erforderliche Sensibilität in unserm Verhalten zu den Witwen. „Sie haben mich wieder ins Leben zurückgeholt!“, versicherte sie mir dankbar am Telefon. Da war auch ich dankbar.

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