Blumen für Zizi Jeanmaire von Festivalleiter Pierre Séguy am 29. 10. 1988 in der Saarlandhalle. (Foto: J. C. Schmidt/Landesarchiv)

Pierre Séguy: Ein leidenschaftlicher Wegbereiter des französischen Chansons in Deutschland

 

Mit dem Namen des SR-Journalisten Pierre Séguy (1921 – 2004) ist vor allem eines verbunden: sein jahrzehntelanges Engagement für das französische Chanson. Der ehemalige französische Besatzungsoffizier machte es zu seinem Markenzeichen. Und zu einem wichtigen des Saarländischen Rundfunks.

Karl-Heinz Schmieding, ehemaliger Hörfunk-Unterhaltungschef des SR, hat als verantwortlicher Redakteur von 1968 an fast drei Jahrzehnte lang mit Pierre Séguy zusammengearbeitet. Schmieding erinnert in diesem Fundstück an den Chanson-Experten und dessen Sendungen auf SR 1 Europawelle (später auf SR 3 Saarlandwelle) sowie an die zahlreichen gemeinsam mit Séguy produzierten öffentlichen französischen Chansonabende.

Von Karl-Heinz Schmieding                                               

Die allererste öffentliche Hörfunk-Veranstaltung, die ich als frischgebackener U(nterhaltung)-Wort-Redakteur beim SR verantworten durfte, war der französische Chansonabend vom 27. April 1968 im Großen Sendesaal im Rahmen der Französischen Woche des SR. Star des Abends war Claude Nougaro (1929 – 2004), genannt „Le petit taureau“ („Der kleine Stier“) – der Mann, der nur kurze Zeit später der Studentenrevolte vom Mai 68 (genauer: der Situation direkt danach und ihren Enttäuschungen) ein leidenschaftliches Chanson in poetischen Bildern widmen sollte: „Paris Mai“. Auf YouTube kann man es hören.

Im Chansonprogramm wirkten darüber hinaus Lise Médini, Monique Brunet und Bernard Lavilliers mit. Alle wurden vom Fritz Maldener-Ensemble begleitet. Moderiert wurde der Chansonabend, wie auch einige Veranstaltungen dieser Reihe in den Folgejahren, von der französischen Kollegin Elsa Manet.Wie schon in den Jahren zuvor, war Pierre Séguy als profunder Kenner der Pariser Chansonszene und freier Moderator der erfolgreichen Europawellensendung „C'est ça qu'on chante en France“ in die Planung und Realisation der Veranstaltung eng eingebunden. Die Auswahl der mitwirkenden Künstler ging letztlich auf seine Empfehlung zurück – eine Praxis der Zusammenarbeit, die sich ebenso bei weiteren Veranstaltungen mit Künstlern aus Frankreich bewähren sollte. So hatte Séguy mir hier auch Bernard Lavilliers ganz besonders empfohlen, einen damals erst 21-jährigen und einem breiteren Publikum noch kaum bekannten Künstler.

„Chansons et rythmes de Paris“ vom 27. 4. 1968 mit Claude Nougaro. Zum Vergrößern bitte anklicken.

 

Diese Veranstaltung vom April 1968 hatten wir auf Séguys Vorschlag „Chansons et rythmes de Paris“ genannt. „Rythmes“ vor allem deshalb, weil, neben Claude Nougaro und seinen vom moderneren Jazz getragenen Chansons, Frankreichs bekannteste New-Orleans-Jazz-Formation mit von der Partie war: die fröhliche Pariser Kultband „Les Haricots Rouges“ („Die Roten Bohnen“). Der Name soll übrigens auf das Lieblingsgericht von Louis Armstrong zurückgehen. Im Pariser „Olympia“ und auch im „Palais des Sports“ begeisterten „Les Haricots Rouges“ in den 60er Jahren das Publikum, wenn sie mit ihrem mitreißenden Oldtime-Jazz à la française z. B. nicht nur die Konzerte von Louis Armstrong, den Beatles und den Rolling Stones eröffneten, sondern auch die von Barbara, Georges Brassens und Jacques Brel. Nach mehr als 50 Jahren gehen „Les Haricots Rouges“ übrigens immer noch auf Tournee.

Der bereits Mitte der 60er Jahre von Séguy initiierte traditionelle Chansonabend im Rahmen der alljährlich stattfindenden Französischen Woche des SR trug stets Einzeltitel. Ab 1969 wurde dann der Standardtitel „Chanson de Paris“ verwendet. Fast 20 Jahre lang habe ich, immer in enger und kollegialer Zusammenarbeit mit Pierre Séguy, diesen alljährlichen Chansonabend redaktionell betreut.

Claude Nougaro (1929 – 2004), auch 10 Jahre später, am 22. 10. 1978, „Vedette“ des SR-Chansonabends. Zum Vergrößern bitte auf das jeweilige Plakat klicken.

„Les Frères Jacques“ beim Chansonabend des SR am 20. 10. 1976.

Ab 1987 wurde der Chansonabend Teil eines neuen Programmprojekts, an dem der SR als Co-Veranstalter wieder beteiligt war – und damit auch ich selbst als Redakteur. Es hieß „Festival Chanson“. Kooperationspartner dieser Konzertreihe waren das Kultusministerium des Saarlandes und  verschiedene andere saarländische Kulturinstitutionen. Offizielle Veranstalter waren das Staatstheater, das Deutsch-Französische Haus und der Saarländische Rundfunk. Das „Festival Chanson“ fand alljährlich in der zweiten Oktoberhälfte in verschiedenen saarländischen Städten statt.

Georges Moustaki beim „Festival Chanson“ am 10. 10. 1987.
Titelseite des Flyers zum Wettbewerb „Chanson-Lied-Song“ von 1990.
Titelseite des „Festival Chanson“-Programmhefts von 1989.
Brief von Jack Lang, damaliger französischer Kulturminister und Schirmherr des „Festival Chanson“ von 1989, an Pierre Séguy, abgebildet im Programmheft. Zum Vergrößern bitte anklicken.

Séguy als Initiator des Projekts hatte auch das Amt des Festivalleiters inne. Star des ersten „Festival Chanson“ von 1987 war Georges Moustaki, dessen Konzert in der Kongresshalle vom SR zum Festival-Programm beigesteuert wurde. Ein weiteres Mal war Moustaki zu Gast beim „Festival Chanson“ von 1990 mit einem Konzert in der Stadthalle Merzig. Einer der Höhepunkte des Festivals von 1988: das Gastspiel des legendären Chanson- und Revuestars Zizi Jeanmaire (siehe Eingangsfoto).

In den ersten beiden Jahren gab es in dieser Veranstaltungsreihe ausschließlich Konzerte französischer Künstler, jeweils moderiert von Pierre Séguy. Im Jahre 1989 präsentierte Séguy unter dem Motto „Double Mixte“ („Gemischtes Doppel“) eine von ihm als „Experiment“ bezeichnete programmliche Neuerung: gemeinsame Konzertabende von französischen und deutschen Interpreten und Interpretinnen. So gab es z. B. gemeinsame Veranstaltungen mit Michèle Bernard & Bettina Wegner, Joy Fleming & Arthur H., Barbara Thalheim & Rachid Bahri, Nanette Scriba & Claude Maurane sowie Fabienne Pralon & Maurenbrecher/Wester.

Auch wenn der Festivalleiter im darauffolgenden Jahr mit seinem Programmkonzept wieder zu Solo-Konzertabenden zurückkehrte, so blieb es doch bei der deutsch-französischen Ausrichtung des Festivalprogramms. Das Programmheft von 1990 verzeichnet neben dem bereits erwähnten Moustaki-Konzert und Auftritten anderer französischer Künstler auch Konzerte von Reinhard Mey und Christoph Stählin. Und der 1989 im Rahmen des Festivals gestartete deutsch-französische Nachwuchswettbewerb „Chanson – Lied – Song“, bei dem ich als Jury-Mitglied mitgewirkt habe, wurde ebenfalls fortgesetzt. Das „Festival Chanson“ wurde 1991 als eigenständige Reihe beendet. Ein Chanson-Programm aber wurde unter dem Dach der „Perspectives“ weitergeführt. Was Séguy über die Einstellung des Festivals gedacht hat, lässt sich aus einer Bemerkung in seiner Abschiedssendung „Chanson de Paris“ vom Dezember 1995 schließen. Dort beklagt er, dass er das Festival nur mit einem „minimalen Einsatz an Mitteln“ hätte über die Runden bringen müssen und merkt ironisch-sarkastisch an, dass das Festival Chanson „gestorben wurde“.

Barbara bei „Chanson de Paris“am 11. 6. 1972.
Guy Béart bei „Chanson de Paris“ am 1. 10. 1973.
Eintrittskarte zur Chanson-Gala im Großen Sendesaal des SR am 9. 11. 1996. Hier hören Sie ein Interview von Bernhard Stigulinszky mit Pierre Séguy an diesem Abend.

 

Groß war die Zahl der Künstler aus Frankreich, die dank Pierre Séguys unermüdlichem Einsatz und dank seiner ausgezeichneten Kontakte zur französischen Chansonszene in all den Jahren sowohl bei „Chanson de Paris“ als auch bei „Festival Chanson“ im Saarland gastierten. Unter ihnen: Isabelle Aubret, Barbara, Marie-Paule Belle, Juliette Gréco, Catherine Lara, Guy Béart, Charles Dumont, Yves Duteil, Léo Ferré, Maxime Le Forestier, Georges Moustaki, Serge & Stéphane Reggiani, Les Frères Jacques, Les Quatre Barbus u. v. a. Séguy kannte sie alle, die Großen des französischen Chansons. Mit vielen war er befreundet.  

Am 9. November 1996 veranstaltete der SR zu Pierre Séguys 75. Geburtstag eine Chanson-Gala im Großen Sendesaal des SR mit Isabelle Aubret, Romain Didier und anderen bekannten Künstlern. In dieser von Bernhard Stigulinszky moderierten und von Susanne Wachs redaktionell betreuten Veranstaltung hat Séguy erzählt, wie alles begann. Und wie er dazu angeregt wurde, sich so intensiv mit dem französischen Chanson zu beschäftigen.

1951/52 habe er, so erzählte Séguy, Radio Saarbrücken in Paris vertreten. Dort sei er mit dem renommierten Musikproduzenten Jacques Canetti befreundet gewesen, dem Entdecker und Förderer so vieler erfolgreicher Interpreten, die er, Séguy, dabei kennengelernt habe. So habe er dort u. a. die Anfänge von Georges Brassens miterlebt. Und er habe sogar Impresario von Maurice Chevalier werden sollen. Nur sei dem das „zu teuer“ gewesen, so Séguy!

Dass Séguy Radio Saarbrücken (den Vorgänger-Sender des Saarländischen Rundfunks) einmal in Paris vertreten hat, war vermutlich nicht von längerer Dauer. Dazu folgende Hintergrundinformation: Auf Beschluss des Verwaltungsrats von Radio Saarbrücken vom 20. 12. 1950 war Séguy zum 31. 3. 1951 aus seiner Funktion als Sendeleiter (damals wohl annähernd mit Programmdirektor gleichzusetzen) entlassen worden (siehe Heribert Schwan: „Der Rundfunk als Instrument der Politik im Saarland 1945 – 1955“, Verlag Volker Spiess, 1974). In Paris hätte Séguy laut Schwan eigentlich ein ständiges Büro von Radio Saarbrücken übernehmen sollen. Dieses Vorhaben sei aber am Einspruch der Regierung und der saarländischen Mitglieder des Verwaltungsrats gescheitert, weil in deren Plänen die Errichtung einer saarländischen Botschaft Vorrang gehabt habe vor der Einrichtung eines Büros von Radio Saarbrücken. Letztlich sei es nicht zur Einrichtung dieses Büros gekommen.

Mehr über Pierre Séguys Anfänge nach dem Krieg als französischer Besatzungsoffizier beim französischen Militärsender „Radio Sarrebruck“

In den 50er Jahren machte sich Séguy daraufhin zunächst in der freien Wirtschaft selbstständig. Wie er mir 1991 in einem Gespräch anlässlich seines 70. Geburtstags erzählt hat, leitete er damals hauptberuflich ein Stahlexportunternehmen, blieb aber als ständiger freier Mitarbeiter weiterhin für Radio Saarbrücken und später für den SR tätig – so z. B. als Autor und Sprecher der Sendung „Philatelistische Neuigkeiten“, die seit 1947 und damit fast 50 Jahre ununterbrochen im Programm war. Im Jahre 1964 schließlich, so Séguy in seiner Erinnerung am Mikrofon der Geburtstagssendung von 1996, habe A. C. Weiland, der Unterhaltungschef des SR, eine französische Chansonsendung im Programm gehabt, die aber nur auf das traditionelle Repertoire beschränkt gewesen sei. Er habe Weiland dagegen vorgeschlagen, eine persönlich gestaltete Sendung vor allem mit aktuellen Chansons aus Frankreich ins Programm zu nehmen. In der Tat gab es am 7. Januar 1965 auf der Europawelle Saar zum ersten Mal die Sendung „C‘est ça qu'on chante en France“ mit Pierre Séguy (jeweils sonntags, 23.10 Uhr). Sie wurde schon bald zu einem Markenzeichen – für Pierre Séguy und für den Saarländischen Rundfunk als „Chansonsender“.

Werbeanzeige für Pierre Séguys SR 1- Sendung „Chanson de Paris“ im Programmheft von „Festival Chanson“ 1989. Zum Vergrüßern bitte anklicken.

 

Mehr als 30 Jahre lang war Pierre Séguy „à l'antenne“ mit dieser Sendung, die von Mai 1970 bis September 1973 „Festival“ hieß, um schließlich ab 7. Oktober 1973 den endgültigen Titel „Chanson de Paris“ zu bekommen, gleichlautend mit dem Titel des alljährlichen öffentlichen Chansonabends des SR im Rahmen der Französischen Woche.

Wenn Séguy am späten Sonntagabend live auf Sendung ging mit dem musikalischen Thema des Brassens-Chansons „Les copains d'abord“ als Erkennungsmelodie, gespielt von den „Giants of Jazz“, dann hatten viele Freunde des französischen Chansons nicht nur in Deutschland, sondern auch jenseits der deutschen Grenzen die Europawelle Saar eingeschaltet, wie die Hörerpost zeigte. Laut Recherche des SR-Bibliotheksleiters Burkhard Döring hatte „Chanson de Paris“ übrigens mehr als drei Jahre lang einen anderen Sendeplatz. Vom späten Sonntagabend um 23.05 Uhr wechselte die Sendung auf den Freitagabend um 20.05 Uhr, wo sie vom 25. 5. 1975 bis zum 15. 9. 1978 ausgestrahlt wurde, bevor sie am 24. 9. 1978 auf den alten Sendeplatz am Sonntagabend zurückkehrte.

25 Jahre Chanson de Paris: Reichert, Séguy, Schmieding (Foto: SR)
25 Jahre „Chanson de Paris“ am 07.01.1990. Dr. Franz Josef Reichert, SR 3-Wellenchef (links)  und Karl-Heinz Schmieding, Unterhaltungschef Hörfunk stoßen mit Pierre Séguy an auf das Sendungsjubiläum.

 

Noch in den 70er Jahren war es für Pierre Séguy gar nicht so leicht gewesen, das für die Sendung benötigte aktuelle Schallplattenmaterial von den französischen Plattenfirmen zu bekommen. Wie oft hat er mir erzählt, dass er bei den Plattenbossen immer wieder habe „Klinken putzen“ und mühsam habe Überzeugungsarbeit leisten müssen. Weil man sich damals in Paris nur schwer habe vorstellen können, dass in Deutschland ein nennenswertes Hörerinteresse für das französische Chanson existiere. Letztlich bekam Séguy aber dank seiner Hartnäckigkeit doch immer die neuesten Platten aus Paris. Ich erinnere mich gut daran, wie er jeweils zur Vorbereitung der Chansonabende mit seinem Plattenkoffer zu mir ins Büro kam, um mir seine Favoriten aus Frankreich mit ihren neuesten Chansons vorzustellen.

26 Jahre hatte Séguys sonntägliche Chansonsendung ihren Sendeplatz auf SR 1 Europawelle Saar, bevor sie mit Beginn des Jahres 1992 unter demselben Titel „Chanson de Paris“ zu SR 3 Saarlandwelle wechselte. Laut Recherche des früheren SR-Bibliotheksleiters Roland Schmitt wurde sie zum letzten Mal am 8. 12. 1991 auf SR 1 ausgestrahlt. Die erste Sendung auf SR 3 lief am 5. 1. 1992, die letzte am 17. 12. 1995.

Marie-Paule Belle am 20. 10. 1983 bei „Chanson de Paris“. Zum Vergrößern bitte anklicken.
Juliette Gréco bei einem ihrer Auftritte in Saarbrücken und Pierre Séguy. (Foto: J. C. Schmitt)
Juliette Gréco bei einem ihrer Auftritte in Saarbrücken und Pierre Séguy.

Mehr zu Pierre Séguys ereignisreichem Leben im SR-Fundstück von Friedrich Hatzenbühler:

In Sachen Chanson war Pierre Séguy, ähnlich wie als Philatelie-Experte, eine unbestrittene Autorität, deren Rat von den Hörerinnen und Hörern häufig gesucht wurde. So erzählte er mir immer wieder auch von Anfragen von Romanistik-Studentinnen und Studenten zu chanson-literarischen Themen ihrer Seminar-, Master- oder gar Doktorarbeiten. Es ist also nur folgerichtig, dass Séguys Chanson-Nachlass, d. h. sein umfangreiches Schallplatten- und Informationsmaterial, von einer Universität bewahrt wird und damit auch für Lehre und Forschung zugänglich gemacht wurde. Im Jahre 2002 stiftete Séguy (am 5. November 1921 in Wien geboren) seine über 40 000 Titel umfassende Chanson-Plattensammlung zusammen mit frühen Chansonzeitschriften, Pressedossiers, Sendetexten, Zeitungsausschnitten und sonstigen Abhandlungen dem Archiv für Textmusikforschung der Universität Innsbruck.
Die Abteilung „Textmusik in der Romania“ informiert im Internet nicht ohne Stolz darüber, dass sie damit „eine der größten Plattensammlungen zum französischen Chanson (1960 – 2000) in Europa“ beherberge: die „Sammlung Pierre Séguy“. Die Auflistung des Gesamtbestands der Sammlung steht übrigens online zur Verfügung (http://www.uibk.ac.at/romanistik/institut/ textmusik-in-der-romania/). Ebenfalls im Jahre 2002 wurde Séguy die Ehrenbürgerwürde der Universität Innsbruck verliehen. Schon 1993 hatte er als Chansonexperte an der ersten Innsbrucker „Université d'été de la chanson française“ (Sommer-Universität) teilgenommen.

Ehrenbürger Innsbruck (Foto: Universität Innsbruck)
Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Universität Innsbruck an Pierre Séguy.  

In den 90er Jahren war Séguy bereits mit weiteren wichtigen Orden und Ehrungen ausgezeichnet worden. Darunter die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande (1995) und die Ernennung zum „Chevalier de la Légion d'Honneur“ (Ritter der Ehrenlegion,1999). Alle diese Ehrungen galten einem Mann, der als gebürtiger Österreicher, Wahlfranzose und ehemaliger Widerstandskämpfer nicht müde wurde, sich als Mittler zwischen Frankreich und Deutschland zu engagieren. Er habe immer „eine deutsch-französische Mission auf der Zunge“ gehabt, hat die Saarbrücker Zeitung in ihrem Nachruf auf Pierre Séguy und seinen Einsatz für die deutsch-französische Verständigung geschrieben. Ein ganz wesentliches Element dieser „Mission“ war sicherlich, neben Séguys aktueller journalistischer Arbeit für den SR mit den Berichterstattungs-Schwerpunkten Lothringen und Elsass, sein leidenschaftliches Engagement für das französische Chanson, mit dem er Jahrzehnte lang seine Hörerinnen und Hörer weit über die Grenzen des Saarlandes hinaus begeisterte.

In der bereits erwähnten Chanson-Gala vom 9. November 1996 zum 75. Geburtstag von Pierre Séguy wurden nicht nur zahlreichen Grüße und Glückwünsche überbracht, darunter die von Patricia Kaas und Georges Moustaki, die Veranstaltung endete auch mit einer besonderen Hommage an den Jubilar und Wegbereiter des französischen Chansons in Deutschland. Das Publikum im Großen Sendesaal sang, von der Redaktion mit Texten versorgt, zu Ehren Séguys alle Strophen des Brassens-Chansons, dessen Melodie 30 Jahre lang als musikalisches Erkennungs- und Markenzeichen für Pierre Séguy und seine legendäre Chansonsendung stand: „Les copains d'abord“. („Die Kumpel zuerst“, frei übersetzt: „Freundschaft zuerst“).

Meine Kollegin Susanne Wachs, die diesen „Abend für Pierre Séguy“ organisiert und redaktionell betreut hat, war schon als Schülerin eine begeisterte Séguy-Hörerin. Heute ist sie selbst eine Chanson-Spezialistin beim SR. Ihre persönlichen Erinnerungen an den Chansonexperten Séguy beschließen diesen Beitrag:

„Bei meinem ersten Aufenthalt in einer französischen Familie in der Haute Marne hab ich zum ersten Mal bewusst französische Chansons gehört. Das war im Juli 1978. Ich war 14 Jahre alt. Nach drei Wochen wieder zuhause, wollte ich ganz schnell mehr Chansons hören und vor allem mehr über die Künstler und ihre Lieder erfahren.

Damals gab es die Sendung „Chanson de Paris“ mit Pierre Séguy auf SR 1 Europawelle Saar, am Sonntagabend von 23.05 Uhr bis Mitternacht. Keine gute Zeit für eine Schülerin, aber man konnte ja die Sendungen auch auf Kassette mitschneiden und später anhören. Als treue Hörerin hab ich die Informationen des Chansonspezialisten quasi aufgesaugt.
Am 31. Oktober 1981 starb der große Georges Brassens, es war ein Donnerstag. Und Sonntagabend hat Séguy mit einer Sondersendung direkt auf den Tod reagiert. Er telefonierte sogar in der Sendung live mit Georges Moustaki dazu.

Susanne Wachs (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Susanne Wachs.

Montags erschien ein Artikel in der Saarbrücker Zeitung, geschrieben von Pierre Séguy und darin stand: „… unter den Themen seiner Chansons finden wir den Ausdruck seiner konformistischen Haltung …“ Gerade hatte ich in der Schule gelernt, was Konformismus bedeutet, das Wort passte nicht zu Georges Brassens. Ich schrieb einen Leserbrief und prompt kam wenig später ein Anruf von Pierre Séguy, er wollte mich kennenlernen.
Wir haben uns fortan öfters getroffen, er nahm mich mit zu Konzerten, stellte mich den Künstlern vor, und ich hab enorm viel durch ihn und seine Sendungen gelernt. Er brachte viele große Franzosen ins Saarland, ob bei den Konzerten innerhalb der französischen Woche oder beim Festival Chanson.
Als ich meine Magisterabeit über „Einsamkeit im neueren französischen Chanson“ geschrieben habe, war es Séguy, der mir eine große Auswahl an passenden Chansons auf Kassetten überspielt hat. Er war mein Lehrmeister und ich hab ihm bis heute viel zu verdanken.

Ein bisschen konnte ich ihm zurückgeben, zum Beispiel als ich für den SR seine Abschiedsgala organisieren durfte. Pierre und seine Frau Dr. Irmengard Peller-Séguy waren sehr berührt von dieser Veranstaltung. Oder als ich 1999 ein Konzert von Juliette Gréco in Saint Avold besuchte. Im Anschluss daran hatte ich noch ein Interviewtermin mit ihr. Dabei begegnete mir Pierre Séguy im Foyer und fragte, ob ich ihn mitnehmen würde zum Interview. Den Manager Grécos konnte ich nach vielem Hin und Her davon überzeugen, dass Séguy und Gréco sich kannten und er einfach mit musste. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass für mich in diesem Moment die Welt ein bisschen verkehrt herum tickte.

Wenn heute die Hörer meiner Chansonsendung sich dafür bedanken, dass sie viele Informationen zu den Chansons und ihren SängerInnen bekommen, dann denke ich oft an Pierre Séguy …
Übrigens: der „Konformist“ in der Saarbrücker Zeitung war ein Druckfehler. Vielleicht hätte der Schriftsetzer öfters mal „Chanson de Paris“ hören sollen.“

Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab); Eva Röder (Gestaltung/Layout); Burkhard Döring/Karl-Heinz Schmieding (Illustrationen).

                           

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