Hoffassade von Schloss Halberg, 1952 (Foto: Landesarchiv Saarland)

Schloss Halberg: Vom Industriellen-Domizil zur Botschafterresidenz

  01.02.2018 | 09:26 Uhr

Der zweitkleinste und zweitärmste deutsche Sender hat den feudalsten Sitz: „Schloss Halberg“. Genau genommen ist das „Schloss“ allerdings gar keins, sonder nur ein schlossartiges Gebäude. Und zudem hat dieses ehemalige Industriellen-Domizil im Laufe der Jahre viel von seinem ursprünglich neogotischen Stil eingebüßt. Repräsentativ ist es freilich geblieben.

Dass der SR heute auf dem Halberg seine Gebäude hat und seine Intendanten „Schloss-Herren“ sind, verdankt der Sender der Reichsrundfunk-Gesellschaft. Sie hatte Berg und Schloss für den Reichssender Saarbrücken gekauft – noch kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Krieg freilich schien der Halberg für den Rundfunk schon wieder verloren.

Dr. Paul Burgard  (Foto: Paul Burgard )

Der Historiker Dr. Paul Burgard vom Saarländischen Landesarchiv – auf dem Foto links – hat die Nachkriegsgeschichte des Sendersitzes mit dem klingenden Namen akribisch recherchiert. Hier der erste Teil, in dem es um den politischen Hintergrund und die Finanzierung des Wiederauf- und Umbaus des ehemaligen Schlosses des Carl Ferdinand Freiherrn von Stumm-Halberg geht.*

Von Dr. Paul Burgard

… Gerade einmal drei Wochen weilte Gilbert Grandval als Chef der französischen Militärregierung im Saarland, als er am 28. September 1945 gegenüber den örtlichen Verantwortlichen sein eindeutiges Votum abgab: Nur auf den Höhen des Halbergs sollte sich künftig jene Residenz befinden, in der er sich als erster Mann des besetzten Landes „angemessen“ untergebracht fühlte. Eine weitreichende und symbolträchtige Entscheidung, die in mehrfacher Hinsicht auch ein besonderes Jahrzehnt französischer Wiederaufbaupolitik an der Saar einleitete.

Über die Geschichte des zweiten Schlosses auf dem Halberg, die mit Karl-Ferdinand (von) Stumm in den 1870er Jahren begann, ist bis zum heutigen Tag bemerkenswert wenig geschrieben worden.

Eine der ältesten Aufnahmen des Schlosses, vermutlich Anfang der 1880er Jahre. (Zum Vergrößern bitte anklicken.)

Erstaunlich ist das zum einen aus kunst- und architekturhistorischer Sicht, ist und war Schloss Halberg doch von den ohnehin nur spärlichen Zeugnissen neogotischer Profanbaukunst an der Saar das bedeutendste. Genauso verwunderlich ist die relative Armut einschlägiger Regionalliteratur aber angesichts der Tatsache, dass der Halberg seit dem 19. Jahrhundert ein Gravitationszentrum politisch-kultureller Macht darstellt, eine Bedeutung, die mit Stumms Schloss in Stein gemeißelt wurde …

Das gilt sowohl für jenes gute halbe Jahrhundert, in dem sich das Schloss im Besitz der Erbauerfamilie Stumm befand, als auch für jene Dekade, in der der Halberg vom obersten Vertreter der Grande Nationim Saarland beherrscht wurde. Fast ausschließlich um das letztere Jahrzehnt soll es im Folgenden gehen. Gestützt auf eine Reihe neuer Quellenfunde und erstmals publizierter Bilder versuchen wir, einige Einblicke zu vermitteln von dem, was hinter den angeblich undurchdringlichen Schlossmauern nach 1945 passierte, bautechnisch ebenso wie im Bereich symbolischer Politik …

Die Südwestseite des Schloss Halberg, 1949. (Foto: Landesarchiv Saarland)
Die Südwestseite von Schloss Halberg am 14. Juli 1949.

Die erste existenzielle Bedrohung in den ersten siebzig Jahren von Schloss Halberg war nicht der Krieg. Schon bevor Bomben und Artilleriebeschuss das altehrwürdige Haus schwer beschädigten, wurde sein Fortbestand auf ganz andere Weise in Frage gestellt. Die Erben des 1901 verstorbenen Stahlbarons, Legationsrat Gustav Braun von Stumm und Major Günter Braun von Stumm, hatten in den 1930er Jahren beschlossen, den Familiensitz zu veräußern. Berufliche und private Gründe hatten sie längst in die weite Welt geführt; im Saarland nur noch sporadisch zu Gast, war ihr Interesse an dem in die Jahre gekommenen Schloss nur mehr pekuniärer Art. Deswegen verkauften sie im April 1937 den Halberg samt 400 Morgen Gelände an den Saarbrücker Bauunternehmer Mathias Breit, der dort auf einer Fläche von wenigstens 300.000 Quadratmetern zwischen 1000 und 2500 Wohnungen für maximal 10.000 Bewohner bauen lassen wollte. Auch wenn der Vertragstext vom Fortbestand des Schlossgebäudes ausging – die Stumms hatten sich im Falle der Weiterveräußerung des Hauses ein Vorkaufsrecht verbriefen lassen – ist es fraglich, ob der Palast des Freiherrn weitergelebt hätte, stand er doch ausgerechnet auf dem „aussichtsreichsten“ Gelände des projektierten neuen Wohnviertels.

Aus der Perspektive künftiger Schlossherren war es wohl jedenfalls ein Glücksfall, dass das ambitionierte Bauvorhaben des Mathias Breit scheiterte. Der Saarbrücker Landrat versagte ihm die Zustimmung, weil es den Bebauungsgesetzen der betroffenen Gemeinden widerspreche, was Breit seinerseits nach dem Krieg zum politisch motivierten Akt der Nazis umdeutete. Der ursprüngliche Kontrakt wurde jedenfalls vereinbarungsgemäß hinfällig. An die Stelle des Unternehmers Breit trat der Landkreis Saarbrücken, der den Halberg am 11. Juni 1938 erwarb, um ihn nur ein gutes Jahr später, am 28. Juli 1939, an die Reichsrundfunkgesellschaft weiterzuverkaufen. Die Transaktion von 1939, mit „freundlicher Unterstützung“ der Berliner Propaganda im Sinne des Ausbaus des Reichssenders auf den Weg gebracht, erwies sich als nachhaltig, bestimmte sie doch die weitere Geschichte des Halbergs bis zum heutigen Tag.

Luftaufnahme des Schlosses um 1950. (Foto: Landesarchiv Saarland)
Luftaufnahme des Schlosses um 1950.

 

Wenn es dennoch zwanzig lange Jahre dauern sollte, bis ein saarländischer Rundfunk vom Halberg rufen konnte, dann lag das an der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte des 280 Meter hohen Kegels. Nur wenige Wochen nach dem Abschluss des Kaufvertrags begannen Hitlers Truppen mit ihrem Angriff auf Polen, der Halberg, auf dem schon zuvor Westwallanlagen errichtet worden waren, wurde bis 1945 zum militärischen Gelände. Das Saarbrücker Kommando der Flugabwehr zog ins Schloss ein, das für seinen neuen Verwendungszweck sogar aufgerüstet wurde: Auf dem Flachdach zum Beispiel, das auf dem Hauptgebäude lag und über den großen Turm zu erreichen war, wurden feste Beobachtungsanlagen installiert; der Blick hinüber ins Land des französischen „Erbfeindes“ war ja bestens.

Blick auf den Halberg und das Schloss, 1893 (Zum Vergößern bitte anklicken.)

Freilich geriet der Halberg als militärischer Stützpunkt auch vermehrt ins Visier des alliierten Feuers, sei es durch Fliegerangriffe, sei es durch Artilleriebeschuss, der vor allem zwischen Januar und März 1945 deutliche Spuren am Schlossgebäude hinterließ.

Eine ungefähre Bilanz der Schäden lässt sich aus verschiedenen Berichten herauslesen, die nach Ortsbegehungen im September 1945 verfasst wurden. „Erheblich in Mitleidenschaft gezogen“ sei das Schloss, heißt es da im Rapport des städtischen Instandsetzungsamtes, Totalschäden von Bauten seien zu registrieren, Volltreffer hätten das Dach und die Hauptfront an der Südwestseite abbekommen, Kaisersaal und viele andere Räume zwischen Erd- und Dachgeschoss seien schwer beschädigt. Mehrere Hausteinpfeiler waren nach Volltreffern durch die Geschossdecken bis zum Erdgeschoss gestürzt, hatten damit auch „im Inneren des Schlosses großen Schaden an wertvollen Innenarchitekturen und Einrichtungen angerichtet, […] an Fenstern, Türen, Decken, Holzvertäfelungen usw.“ Treppen waren schwer ramponiert, Dachgaupen und -schalung durch Splitterbomben vernichtet, die ehemals glanzvolle Fassade der Gartenseite mit ihren Säulen, Kapitälen, Plastiken, Balkonbrüstungen und Architekturen ziemlich ruiniert. Da auch die Infrastruktur des Hauses entweder zerstört oder marode war, machte schon diese erste Begutachtung am 10. September 1945 eines deutlich: Ein Wiederaufbau von Schloss Halberg würde nur durch einen außerordentlich hohen Einsatz von Arbeitskräften, Material und Geld möglich sein. Und er würde einige Zeit kosten; auf mindestens ein bis anderthalb Jahre taxierten die Experten den Rahmen für die wichtigsten Instandsetzungsarbeiten. Keine guten Nachrichten also für die neue Nummer 1 an der Saar, für den Oberst aus Frankreich, dem die besiegten Saarländer eine standesgemäße Residenz zu beschaffen hatten und der auf Schloss Halberg lieber heute als morgen eingezogen wäre.

Angesichts des ruinösen Zustands, in dem sich Schloss Halberg im September 1945 befand und der absehbaren Schwierigkeiten, die sein Wiederaufbau bereiten würde, drängt sich die Frage auf, warum der französische Militärgouverneur an der Saar ausgerechnet hier seine repräsentativen Zelte aufschlagen wollte.

Grandval mit Abt Petrus Borne und Mitarbeitern. (Foto: Landesarchiv Saarland)
Gilbert Grandval (2. v. r.) begrüßt Abt Petrus Borne; daneben enge Mitarbeiter.

Alternativlos war diese Wahl trotz der umfassenden Zerstörung von Stadt und Land ja keineswegs, und als günstige Gelegenheit konnte man sie auch nicht unbedingt bezeichnen, weder im technischen noch im rechtlichen Sinne. Der einzige situative Vorteil war die Tatsache, dass das Haus am Ende des Krieges leer stand, nachdem es von den Militärs geräumt worden war. Herrenlos war es freilich nach wie vor nicht, und es war auch nicht von den Franzosen als „Kriegsbeute“ angeeignet worden. Vielmehr befand sich der Halberg de jure weiterhin im Eigentum der Reichsrundfunkgesellschaft, die nach dem Krieg unter Sequester stand und deren Liegenschaften von einem Zwangsverwalter betreut wurden. Auffällig ist vor allem die Geschwindigkeit, mit der Gilbert Grandval sich für die Residenz auf dem Halberg entschied, trotz der Bedenken von Architekt und Bauamt und ungeachtet der von dieser Seite angebotenen Alternative.

Grandval mit einem französischen Militärangehörigen. (Foto: Landesarchiv Saarland)
Gilbert Grandval mit einem französischen Militärangehörigen.

Hans Bert Baur, der vom Oberst nur wenige Tage nach dessen Ankunft mit dem Residenzbau beauftragte Architekt […] verglich zum Beispiel die Perspektiven, die eine Realisierung der französischen Residenz auf dem Halberg hatte, mit einer solchen auf dem Saarbrücker Schlossplatz. Im dortigen Kreisständehaus, bemerkte Baur bereits am 15. September, gäbe es „vorzügliche Räume für ein repräsentatives Wohnen, welche mit geringen Mitteln […] rasch bewohnbar gemacht werden könnten.“ Die Instandsetzung des Halbergs, so Baur zehn Tage später, bereite dagegen „durch den Umfang der Arbeiten weitaus größere Schwierigkeiten als die des Kreisständehauses.“ Aber natürlich hatte der Chef der Militärregierung in dieser Frage das letzte Wort: „Es bleibt jedoch abzuwarten, ob unter den geschilderten Umständen das Kreisständehaus zu dem angegebenen Termin instand zu setzen ist, oder ob die weitaus schwierigere und umfangreichere Herrichtung des Schlosses Halberg durchgeführt werden soll.“

Trotz des eindeutigen Statements und obwohl der Gouverneur möglichst schnell in eine „würdige Unterkunft“ ziehen wollte, fielen bereits drei Tage später die Würfel zugunsten des Halbergs. Möglicherweise stellte Architekt Baur im entscheidenden Sechsaugengespräch mit Grandval und Oberstleutnant Pommeret die Situation im Schloss rosiger da, als sie war (unter Umständen, wie ihm später ein Widersacher aus dem Regierungspräsidium vorwarf, um sich den im Vergleich zum Kreisständehaus lukrativeren Auftrag zu sichern), wahrscheinlich hatte auch der moderate Kostenanschlag in Höhe von 400.000 Reichsmark für die gesamten Maßnahmen den Regierungschef ein wenig geblendet.

Architekt Hans Bert Baur (Foto: Landesarchiv Saarland)
Der Architekt Hans Bert Baur; Ausschnitt aus seinem Ausweis der Architektenkammer des Saarlandes.

Freilich, davon können wir sicher ausgehen, ließ sich Grandval in diesem Fall auch ganz gerne blenden. Denn er wollte auf diesen Berg und in dieses Schloss, und er wird diesen Willen im Gespräch mit seinem Architekten auch mehr oder weniger deutlich artikuliert haben. Was Baur angesichts des deutsch-französischen Subordinationsverhältnisses jener Tage seinerseits dazu bewogen haben mag, den Wiederaufbau des Halbergs in einem Akt vorauseilenden Gehorsams selbst unter den schwierigsten Umständen und in einer eigentlich unmöglich einzuhaltenden Frist für machbar zu erklären.

Bei näherem Hinschauen findet man gute Gründe dafür, warum die Grandvals den buchstäblich steinigen und letztlich zwei Jahre währenden Weg in Kauf nahmen, um zu ihrer Residenz auf dem Halberg zu kommen. Einige davon sind naheliegend. Die Abgeschiedenheit in dem weitläufigen und naturräumlichen Gelände auf den Höhen über Brebach zum Beispiel, die Sicherheit und Rückzug ermöglichte, optischen Abstand von den Saarbrücker Trümmerwüsten garantierte, wunderbare Fernblicke in die französische Heimat bot.

Blick von der Südwestseite. (Foto: Landesarchiv Saarland)
Blick von der Südwestseite des Schlosses über das Saartal bis nach Frankreich.

Dann das Schloss selbst mit seinen ausgedehnten Anlangen und einem Raumprogramm, das Wohnen, Arbeiten und Repräsentieren unter einem Dach vereinte, in einer Form, die auch der aristokratischen Tradition französischer Diplomatie gerecht wurde. Weiterhin die symbolische Bedeutung dieser bewusst politischen Entscheidung, ein Aspekt, für den gerade Franzosen schon immer ein feines Gespür hatten: Mit der Herrschaft auf dem Halberg reihte sich Grandval in eine Linie von Potentaten ein, die von den Nassauer Fürsten zum reichsdeutschen Freiherrn reichte, eine Tradition, die zwischen Frankreich und Preußen oszillierte, wobei der neue Besitzer ganz im Sinne seiner Philosophie von einem „entnazifizierten“ Wiederaufbau die preußischen Spuren durch die Umgestaltung des Schlosses gründlich zu tilgen verstand; wir werden darauf noch zurückkommen. Schließlich und endlich führte kein Weg zum Halberg an Madame Grandval vorbei. Dass die gelernte Innenarchitektin tatsächlich – wie so oft nur gemunkelt wurde – bei der Neugestaltung des Schlosses, der Raumordnung und Inneneinrichtung ein gewichtiges Wort mitzureden hatte und dann den Umzug dirigierte, selbst darüber liegen schriftliche Zeugnisse vor.

Um die Dringlichkeit zu begreifen, mit der der zunächst in der St. Arnualer Puccinistraße – durchaus nicht schlecht – untergebrachte Oberst Grandval sein Schlossprojekt in Angriff nahm, ist es sinnvoll, sich den Zeitplan der Entscheidungsfindung im Stenogrammstil zu vergegenwärtigen: 7. 9. 45: Ankunft Grandvals in Saarbrücken; 10. 9. 45: Erste Besichtigung des Halbergs; 15. 9.  45: Erster Bericht des Architekten Baur; 25. 9. 45: Zweiter Bericht Baur; 26. 9. 45: Gespräch zwischen Baur und Grandval in dessen Wohnung; 28. 9. 45: Bekanntgabe der Entscheidung für den Halberg; 15. 10. 45: Beginn der Arbeiten auf dem Halberg durch die Firma Hochtief.

Empfang im Turmzimmer. (Foto: Landesarchiv Saarland)
Empfang zur Ordensverleihung im Turmzimmer.

Angesichts eines solchen Zeitdrucks unter den Bedingungen der ärgsten Mängelwirtschaft waren Pannen und Probleme bei der Realisierung des Wiederaufbaus eigentlich vorprogrammiert. Und sie blieben natürlich nicht aus. Vor allem die Kosten liefen schnell aus dem Ruder. Bereits im November 1945, nachdem das vorläufige Bauprogramm vorlag, korrigierte der Architekt seinen Kostenanschlag in einem Brief an die Militärregierung kräftig nach oben. Mit kalkulierten 2 Millionen Reichsmark hatte sich das benötigte Budget binnen weniger Wochen verfünffacht. Der designierte Schlossherr reagierte erst drei Monate später auf diese Entwicklung, dann allerdings fassungslos und ungehalten auf der einen, mit scheinbar staatsmännischem Verantwortungsbewusstsein auf der anderen Seite: „Ich möchte baldigst über eine würdige Amtswohnung verfügen“, schrieb er in einem Brandbrief am 19. Februar 1946 an Regierungspräsident Neureuter, „sollten jedoch die für deren Instandsetzung erforderlichen Mittel tatsächlich eine zu große Höhe hinsichtlich der Kosten erreichen, so seien Sie überzeugt, daß ich der Erste wäre, der darauf verzichten würde.“

Grandval, frz. Industrieminister René Lacoste. (Foto: Landesarchiv Saarland)
Im Februar 1948 wurde der französische Industrieminister René Lacoste (2. v. r.) als einer der ersten Staatsgäste auf dem Halberg empfangen.


Als die Grandvals irgendwann im Herbst 1947 Schloss Halberg endlich beziehen konnten, hatten sich die vom Saarland getragenen Baukosten noch einmal verdoppelt; mit mehr als 4,2 Millionen Reichsmark hatten sie also etwa das Zehnfach des ersten Anschlags erreicht. Von „astronomischen Summen“ sprach Grandval da nicht mehr. Allerdings auch nicht vom Verzicht auf die teure Dienstwohnung. Ganz im Gegenteil, bis zum Ende seiner Amtszeit, bis zum Juli 1955, residierte der Botschafter mit seiner Familie auf dem Halberg. Die Grandvals sollen sich dort sehr wohl gefühlt haben …

Grandvals Schreiben (vom 19. Februar 1946) zur Kostenentwicklung brachte die Steine ins Rollen und die saarländischen Behörden ins Schwitzen. Denn dem Gouverneur gegenüber hatten die Saarländer 1945, wie es der Regierungspräsident ausdrückte, „dem Gebot verpflichteter Courtoisie vor allen Dingen Rechnung zu tragen.“ Insofern ließen solche Sätze Grandvals in den Amtsstuben die Alarmglocken schrillen: „Ich war daher sehr unangenehm überrascht“, schrieb der Gouverneur an den Regierungspräsidenten, „als ich am 18. Februar 1946, das heißt mehr als 4 ½ Monate nach Beginn der Arbeiten, in Erfahrung brachte, daß keinerlei Überprüfung stattgefunden hatte, und daß Herr Baur, der ursprünglich für die gesamten Arbeiten einen Betrag von rund RM. 500.000 genannt hatte, nunmehr von einem Aufwand von RM. 2 Millionen spricht.“

Festkonzert mit Johannes Hoffmann. (Foto: Landesarchiv Saarland)
Festkonzert 1953; in der ersten Reihe Mitte Johannes Hoffmann, erster Ministerpräsident des Saarlandes.

So überrascht wie er hier tat, konnte Grandval allerdings im Februar 1946 kaum noch sein, hätte es zumindest eigentlich nicht sein dürfen. Zum einen hatten die Grandvals mit ihrem umfangreichen Umbauprogramm selbst erheblich dazu beigetragen, dass der im September 1945 taxierte Kostenrahmen nicht eingehalten werden konnte. Dieses generelle Bauprogramm, basierend auf von Baur neu angefertigten Grundrissen, wurde dem Architekten erst Ende Oktober bekanntgegeben. Anfang November fand die erste Besprechung zwischen dem Architekten und Madame Grandval statt, und es war Frau Oberst, die die gewünschte Raumeinteilung skizzierte, die Baur anschließend in der Bearbeitung der Grundrisse umzusetzen hatte.

Yvonne Grandval (.) mit Gast. (Foto: Landesarchiv Saarland)
Yvonne Grandval (l.) im Gespräch am 14. Juli 1950.

Im November und Dezember wurden weitere wesentliche Planänderungen durchgeführt, die unter anderem das Abfangen von Lasten und den Einzug neuer Tragekonstruktionen erforderten. Es waren nicht die letzten Änderungswünsche des Bauherren, ähnliche wurden im Verlauf der zweijährigen Bauzeit immer wieder vorgebracht.

Nicht nur die mangelnde Bereitschaft zur Anerkennung des eigenen Anteils an der Kostenexplosion fällt bei Grandvals später Intervention auf. Auch die bürokratische Kommunikation muss in jenen Wochen versagt haben, war doch die neue Zielgröße seit dem Brief Baurs an die Militärregierung vom 13. November 1945 den Verantwortlichen bekannt, wurden die gut 2 Millionen Reichsmark in der Korrespondenz der beteiligten Behörden um die Jahreswende 45/46 immer wieder thematisiert, sollten dem Gouverneur die neuen Zahlen spätestens bis zum 16. Dezember 1945 zu Gehör gekommen sein, als er persönlich die Baustelle besichtigte.

Naheliegend ist angesichts solcher Zusammenhänge der Verdacht, dass Grandval sich um die Finanzierung seiner neuen Residenz nur am Rande kümmerte, weil er ebendies nur bedingt für seine Angelegenheit hielt. „Die Pflicht, mich unter Umständen, welche meinem Amte entsprechen, unterzubringen, fällt Ihnen selbstverständlich zu“, schrieb er an Neureuter. Der zuständige Beamte des Regierungspräsidiums brachte diesen Satz so auf den Punkt: Die Finanzierung der Residenz fällt unter die Besatzungskosten, die der Stadt Saarbrücken als bauausführendem Organ vom Regierungspräsidium zu erstatten sind. Deswegen, und „da das Halberger Schloß zum Vermögen des Saargebietes zählt“, sei das Land, so Grandval, „an der Wiederherstellung des Halberger Schlosses unmittelbarer beteiligt […] als ich selbst.“

Madame Grandval, Louis Knaff, General Andlauer und andere (Foto: Landesarchiv Saarland)
Die Schönen und Bedeutenden beim Rencontre auf dem Halberg: Madame Grandval (M.), der Generaldirektor der Saarbrücker Zeitung Louis Knaff (l.) und andere

Man darf vermuten, dass Grandval die Kostenfrage erst dann zur Chefsache erklärte, als er sich am 18. Februar erstmals die ganze Tragweite dieser Entwicklung klarmachte, als die Residenzfrage vielleicht auch zum Politikum zu werden drohte. Zu diesem Zeitpunkt, als auf dem Halberg hunderte von Arbeitskräften mit Sondergenehmigungen der Militärregierung über sonst nirgends erhältliche Materialen und Transportmittel verfügten, um ein Schloss mit einem Volumen von 15.000 Kubikmetern in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, herrschte überall im Saarland die blanke Wohnungsnot, hausten die Menschen in Kellern und Ruinen.

Festbesucher im Turmzimmer. (Foto: Landesarchiv Saarland)
Festbesucher im Turmzimmer.

Für die „normalen“ Saarländer galten seit November 1945 die Anordnungen der Militärregierung zur Wohnraumbeschränkung, galten „überflüssiger Wohnraum oder nicht für Küchen und Schlafzimmerzwecke benötigte Räume als unterbelegt oder verfügbar“, also offen für die Zuteilung an Wohnungssuchende … Trotz des Anspruchs, als moralisch überlegene Siegermacht an der Saar auftreten zu dürfen, wird eine solche Diskrepanz auch Gilbert Grandval Kopfzerbrechen bereitet haben.

Außerdem wurde die Autorität der Militärregierung in Frage gestellt, wenn die von ihr festgelegten amtlichen Preise anscheinend nicht eingehalten wurden. Und wenn rätselhaft blieb, wie die Sonderzuteilungen von Bau- und Treibstoffen sowie von zahlreichen Arbeitskräften – zeitweise kamen allein Dutzende deutsche Kriegsgefangene und politische Häftlinge zum Einsatz – nicht zur Kostenminderung, sondern zur Kostenexplosion führen konnten. „Wenn ich Ihnen meine ehrliche Überzeugung mitteilen soll“, resümierte der Gouverneur, „so muß ich feststellen, daß zum Erreichen einer Summe, die ich als astronomisch bezeichnen möchte, daß der Berechnung der Materialien und der verschiedenen Arbeiten bestimmt nicht die amtlichen Tarife zu Grunde gelegt wurden und daß der Gedanke an umfangreiche Unterschlagungen bei den von der Militärregierung bewilligten Freigabe naheliegt.“ Eine penible Nachprüfung aller bis dahin geleisteten und noch geplanten Arbeiten durch das Regierungspräsidium ordnete Grandval deshalb an, eine strenge Kontrolle der Verwendung von Baumaterialien und die genaue Überprüfung der an Architekt Baur eingereichten Kostenanschläge.

Beauftragt wurde mit dieser delikaten Aufgabe am 20. Februar 1946 Regierungsbaudirektor Paul Arndt, der oberste Baubeamte im Regierungspräsidium, ein erfahrener, sehr gewissenhafter, in mancher Hinsicht allerdings auch recht eigensinniger Mann … Trotz des spürbaren Bemühens des Regierungsdirektors, das Baugeschehen analytisch in den Griff zu bekommen, konnte die weitere Kostenexplosion am Halberg allerdings nicht verhindert werden. Fasst man Arndts Argumente für die Ursachen der Preissteigerung zusammen, so war es der schiere Umfang des ständig erweiterten Bauprogramms, die reichhaltige Ausstattung der Gebäude, die Probleme bei der Kalkulation auf Grund fehlender Vergleichspreise und die offenkundige Unmöglichkeit, die Bausumme vor dem Eingang der endgültigen Rechnungen zu taxieren. Als Architekt Baur eben diese Rechnungen im August 1947 vorlegte, verdoppelten sich die Kosten auf einen Schlag von 2,1 auf 4,2 Millionen Mark.

Der Halberg in den 1960er Jahren. (Foto: Klippel)
Der Halberg zu Beginn der 1960er Jahre.

Arndt, der schon zuvor als einzigen namentlich Schuldigen für die Überteuerung Bauleiter Baur ausgemacht hatte – er hatte ihm in verschiedenen Schreiben bauwirtschaftliche Fehlplanung, Inkompetenz, gar Trägheit zum Vorwurf gemacht – sah sich also durch das dicke Ende der Halberg-Rechnung in seiner Diagnose bestätigt. „Die erhebliche Differenz zwischen dem ursprünglich genannten Kostenaufwand und dem sich wirklich ergebenden liegt also fast ausschließlich in der falschen bauwirtschaftlichen Beurteilung bei Beginn der Umbaumassnahmen“, resümierte Arndt schon seinem „vorläufigen Schlussbericht“ im Mai 1946. Merkwürdig nur, dass er so lange brauchte, um das ganz große Loch in der Endabrechnung zu entdecken. Noch merkwürdiger, warum Grandval nach diesen Erfahrungen bis 1955 gegen alle Warnungen seinem „Hausarchitekten“ Hans Baur die Treue hielt, während Paul Arndt im September 1947 für kurze Zeit sogar ins französische Militärgefängnis wandern musste.

Die Erkenntnis kam schlichtweg zu spät. Als der regierungsamtliche Kontrolleur im März 1946 feststellte, dass schon die Kosten für den Rohbau des wiederaufzubauenden Schlosses teurer sein würden als ein Neubau an gleicher Stelle, waren bereits Rechnungen bezahlt bzw. Aufträge verbindlich vergeben, die zusammen 1,2 Millionen Reichsmark umfassten. Es gab keinen Weg mehr zurück, nun musste die neue Residenz fast zwangsläufig in der Hülle des alten Stummschlosses entstehen.

Was vom neogotischen Stummschloss nach dem Umbau zur französischen Botschafter-Residenz blieb – das zeigt Dr. Paul Burgard in einem weiteren SR-Fundstück zur Geschichte von Schloss Halberg auf.

* Die Dokumentation von Dr. Paul Burgard zur Nachkriegsgeschichte von Schloss Halberg erschien unter dem Titel „Die Schlösser des Monsieur Grandval“ zunächst in „saargeschichten“ (Magazin zur regionalen Kultur und Geschichte, 4/16). Es ist der erste Teil einer geplanten Auseinandersetzung des Autors mit der saarländischen Nachkriegs-/Wiederaufbaugeschichte. Zugleich ist der Text ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des Halbergs, dem Sitz des Saarländischen Rundfunks. Die Redaktion bedankt sich deshalb sehr dafür, dass Dr. Paul Burgard ihn für die Reihe „Fundstücke zur SR-Geschichte“ zur Verfügung gestellt hat. Er erscheint – leicht gekürzt – in zwei Teilen.

Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab); Eva Röder (Gestaltung/Layout), Roland Schmitt (Fotos).

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