Udo Jürgens 1998 in der Saarbrücker Saarlandhalle  (Foto: R. Ruppenthal)

Udo Jürgens und der SR – eine ganz besondere Beziehung

 

(ab) Mehr als fünfzig Musikalben hat Udo Jürgens veröffentlicht, mehr als 1000 Lieder geschrieben, er war ein gefeierter Sänger, Komponist und Pianist. Den SR empfand er als „Ein ehrenwertes Haus“, das über viele Jahre „Ein bisschen Heimat“ für ihn war.

Seine Fans (und wohl auch sich) hat der Frauenschwarm Udo Jürgens mit vielen Hits durch ein langes (Liebes-)Leben philosophiert. Warnte: „Du lebst nur einmal“. Riet: „Vergiss die Liebe nicht.“ „Sag mir wie“, beantwortete er auch. Und zwar so: „Schreib mir keinen Brief“. Stattdessen: „Kiss me quick.“ „Merci Chérie“, gehört sich dann für den wohlerzogenen Mann. Aber ansonsten bitte: „Frag nie“ und schon gar nicht „Warum nur, warum“. Denn „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ ist ohnehin eine Garantie: „Immer wieder geht die Sonne auf.“ Selbst mit „66 Jahren“: „Es ist nie zu spät“. „Mitten im Leben“ hieß denn auch Udos Tournee zum 80. Geburtstag. In Saarbrücken sollte sie 2015 vom SR präsentiert werden. Udo starb am 21. Dezember 2014.

Von Rolf Ganz

„Der Saarländische Rundfunk in Saarbrücken war mehr als alle anderen Radioanstalten für meine Karriere von entscheidender Bedeutung. In den ersten Jahren habe ich in unendlich vielen Sendungen für Fernsehen und Radio auf dem Halberg mitgewirkt, zusammen mit bedeutenden Künstlern von den Bee Gees bis Gilbert Bécaud. Truck Branss war ein Regisseur der ersten Stunde und hat mich besonders geprägt.“

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Das schrieb Udo Jürgens dem SR ins Geschichtsbuch. Auf SR 3 Saarlandwelle ging er noch einen Schritt weiter: „Saarbrücken und ich – das ist eine Liebesbeziehung“. Schon 1981 hatte er im „Porträt in Musik“ (Regie Truck Branss) gestanden: „Beim SR bin ich schon fast zu Hause.“ Was Wunder, dass das Fernseharchiv auf dem Halberg eine echte Udo-Fundgrube ist. Da gibt es Beiträge, Dokus, Interviews in Hülle und Fülle beginnend mit der Sendung „Musik-Auktion“ im Frühjahr 1965. Insgesamt 124 Treffer finden sich, wenn man den Namen „Udo Jürgens“ eingibt: Auftritte, Interviews, Gespräche vom „Saarbrücker Bilderbogen“ bis zum „Aktuellen Bericht“; von „Träume unterm Hammer“ bis „Mag’S“.

Meine persönliche Erinnerung an den Sänger und Komponisten geht jedoch noch weiter zurück: Auf meinen ersten Schüler-Partys Anfang der 60er Jahre in Saarbrücken drehte sich schon Jürgens’ Single „Jenny“ auf dem Plattenteller. Damals konnte ich ja noch nicht ahnen, dass ich später als Mitarbeiter der SR-Pressestelle bei der Aufzeichnung der Unterhaltungs-Show „Meine Melodie“ aus dem Studio verwiesen werden sollte. Und schon gar nicht, dass ich mal mit Udo Jürgens nach Paris fliegen würde …

 (Foto: SR)
Udo Jürgens, Marianne Koch und Thomas Fritsch in der Sendung „Meine Melodie“ (Foto: H. Garthe)

Auch wenn das Radio – die Europawelle Saar – die Nase bei Udo Jürgens leicht vorn hatte, seine bundesweite Karriere nahm mit seinen Fernsehauftritten beim Saarländischen Rundfunk so richtig Fahrt auf. Erst in der Sendung „Musik-Auktion“ im März 1965, dann vor allem als Interpret und Moderator der SR-Reihe „Meine Melodie“ (ARD 1966 – 1970). Da war Udo Teil des Erfolgsquartetts mit Truck Branss, Marianne Koch und Thomas Fritsch – so die „SR-info“ im Februar 1991.

Der frühere Unterhaltungschef Albert C. Weiland erinnert sich an die erfolgreiche Zusammenarbeit, aber auch an das Ende. „Udo Jürgens war schon in dieser Zeit ein Künstler, kein Typ „von der Stange“. Ich habe ihn als einen Individualisten geschätzt – und ihn infolgedessen auch machen lassen. Da gab es nichts zu meckern.“ Bei aller Individualität sei er jedoch stets offen für Anregungen gewesen. Zwei Momentaufnahmen kommen ihm und mir dabei in den Sinn. Weiland: „Udo und Gilbert Bécaud. Der SR produzierte in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die ,Gilbert-Bécaud-Shows' (live!) mit vielen internationalen Künstlern. Als Bécaud einmal mit der Hand auf den Flügel geklatscht hat, um seiner folgenden Moderation mehr Nachdruck zu verleihen, hat Udo das bei seinem Liedvortrag übernommen und nachgemacht. Sicher kein Zufall.“
Dass Bécaud für Jürgens Kollege und Vorbild war, belegt meine Erinnerung an eine andere Pose. Bécaud hatte die Angewohnheit, seine linke Hand ans linke Ohr zu halten – auch das hat Udo als Gast einer der Shows von dem französischen Star übernommen. Heute spricht Jürgens von Bécaud als „einem prägenden Freund“. Eine weiße Floride, mit der der Gast aus Paris bei seinen Produktionen vor Schloss Halberg parkte, hat Udo jedoch nie besessen …

SR-Fundstück: "Meine Melodie"
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SR-Fundstück: "Meine Melodie"
Udo Jürgens als Moderator – hier in der SR-Fernsehshow „Meine Melodie“ vom 27. Juni 1966. Regisseur war Truck Branss. (Quelle: SR-Archiv)


Im Fernsehstudio I auf dem Saarbrücker Halberg gaben sich damals nationale und internationale Stars die Klinke in die Hand. Als ich als frisch gebackener Redakteur der Pressestelle 1966 oder 1967 bei den Dreharbeiten zu „Meine Melodie“ zuschauen wollte, hörte ich eine keinen Widerspruch duldende Stimme: „Ik kann nich arbeeten, wenn da een Fremda im Studio steht.“ Branss musste mich am Studioeingang entdeckt haben. Also ging ich und kam erst wieder, nachdem ich eine Genehmigung des großen Meisters hatte.

 (Foto: SR)
Udo Jürgens und Truck Branss (mit Schauspielerin Pirko). (Foto: SR)

Rasche Klärung hier, baldige Trennung da: Eine längere Zusammenarbeit mit Jürgens als Moderator des Fernseh-Wunschkonzerts „Meine Melodie“ scheiterte schon bald am schnöden Mammon. A. C. Weiland: „Der damalige Manager von Udo Jürgens, Hans R. Beierlein (1963 – 1977; Nachfolger wurde Freddy Burger), wollte eine höhere Gage. Die gab mein Etat jedoch nicht her. Als auch der Vermittlungsversuch unseres Intendanten Dr. Franz Mai scheiterte, mussten wir – so Mai – „leider auf Herrn Jürgens verzichten“. Nachfolgerin bei „Meine Melodie“ wurde Marianne Koch.

Kein Grund jedoch, die Verdienste des Sängers Udo Jürgens fürderhin zu übersehen. Im Gegenteil: Er gehörte zu den ersten Preisträgern der „Europa“, wie der Preis 1969 bei der Verleihung im Rahmen des Filmballs in Wiesbaden noch hieß. Nach zwei Gastspielen sozusagen in Untermiete beim Deutschen Filmball wurde die „Goldene Europa“  schließlich zum jährlichen Stelldichein der deutschen Unterhaltungsbranche in Saarbrücken. Den Sprung ins Abendprogramm der ARD schaffte die „Goldene Europa“ 1981. Auch hier war Jürgens Premieren-Gast und Preisträger – inzwischen zum fünften Mal nach 1968, 1976, 1977 und 1978. Einmal sogar reiste ein SR-Team nach London, um ihm die „Goldene Europa“ zu übergeben. Noch bevor der SR Show und Verleihung der „Goldenen Europa“ aufgab, erhielt Udo 1998 seine sechste Trophäe – für sein Lebenswerk! Da war er mit 64 noch nicht einmal im Pensionsalter.

 (Foto: SR)
Leonard Bernstein und Udo Jürgens greifen gemeinsam in die Tasten (Foto: SR/dpa)

Für Jürgens wie für alle anderen Teilnehmer wird die zehnte Verleihung der „Goldenen Europa“ im Mai 1977 in besonderer Erinnerung geblieben sein. Fand doch die Verleihung an einem Tag in zwei verschiedenen Städten feierlich statt: Vormittags wurden wie gewohnt im Großen Saal des Konferenzgebäudes die Spitzenreiter der von Dieter „Thomas“ Heck moderierten Deutschen Schlagerparade – darunter Udo Jürgens – ausgezeichnet. Und nachmittags erhielt Leonard Bernstein einen Sonderpreis – in Paris im legendären Hotel de Crillon an der Place de la Concorde. Der imposante ehemalige Adelspalast aus dem 18. Jahrhundert, der während des Zweiten Weltkriegs Hauptquartier der deutschen Truppen war, beherbergte den Komponisten, Dirigenten und Pianisten Leonard Bernstein so häufig, dass später eine Suite nach ihm benannt wurde. Ein überaus würdiger Rahmen für Teil zwei der Verleihung an einen Weltstar, der zu Aufnahmen von Richard-Strauss-Liedern in Paris war.

 (Foto: SR)
Udo Jürgens 1981 bei Aufnahmen zu einem Jürgens-Porträt von Truck Branss (Foto: SR)

Noch ohne TGV und ICE starteten die geladenen Gäste mit Programmdirektor Dr. Heinz Garber an der Spitze vom Flughafen Saarbrücken-Ensheim aus mit einem Charterflugzeug, einer Boeing 737. An Bord auch die Preisträger Boney M., die schon auf dem Flughafen von Fotografen und Kamerateams umlagert wurden. Mit Bussen gingʼs zum Hotel. Ein Konzertflügel stand bereit. Rasch war eine Wand mit dem früheren SR 1-Logo dahinter aufgebaut. Journalisten, Preisträger und die SR-Delegation warteten geduldig, bis der Meister kam – freundlich lächelnd. Dr. Garber übergab unter dem Beifall der 200 Ehrengäste den Sonderpreis der „Goldenen Europa“. Und dann der Höhepunkt: Weltpremiere des Duos Bernstein und Jürgens am Klavier; sie spielten und sangen „Maria“ aus Bernsteins Musical „West-Side-Story“. So ganz zwanglos war das, als würden sie schon ewig zusammen auftreten. Bernstein kommentierte das lachend mit den Worten: „Jetzt bin ich ein Popstar.“

Nachher im Bus zum Flughafen schlug Udo Jürgens seinem Manager Beierlein auf die Schenkel und sagte ob dieser Welturaufführung strahlend: „Hans, wie Du das wieder hingekriegt hast.“ Auch wenn Beierlein in dieser Zeit ein hilfreicher Partner des SR bei der „Goldenen Europa“ war, diese Verleihung hatte Udo nun wirklich nicht ihm allein zu verdanken.

Und wer hat den ganzen Spaß bezahlt? Etwa die Gebührenzahler? Weit gefehlt. Emil Lehnen, Chef vom Werbefunk Saar, hatte die Aktion eingefädelt und einen Reiseveranstalter mit ins Boot bzw. in den Flieger geholt. Mit diesem Hinweis wurden auch Nachfragen in den Gremien zufriedenstellend beantworte …

SR-Fundstück: Fragen an Udo Jürgens
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SR-Fundstück: Fragen an Udo Jürgens
Im "Aktuellen Bericht" des Saarländischen Fernsehens beantwortete Udo Jürgens am 05.12.1996 Zuschauerfragen. Der Moderator war Otto Deppe.

Noch vor der Verleihung der 6. „Goldenen Europa“ und der ersten im ARD-Abendprogramm 1981 gab es weitere Highlights in der besonderen Verbindung Jürgens/SR. So 1973, als der SR beim Fernsehwettbewerb um „Die Goldene Seeschwalbe“ vom belgischen Seebad Knokke als Gewinner zurückkam. Eine besondere Anerkennung errang die Live-Show mit Marsha Hunt und Udo Jürgens. Wieder ein Erfolg des inzwischen bewährten Trios mit Jürgens, Branss (Regie) und Weiland (Redaktion). Ebenfalls 1981, und zwar wenige Wochen vor der TV-Show aus der Saarlandhalle, sendete der SR das „Porträt in Musik – Udo Jürgens“. Auch hier führte Branss Regie. Sicher erinnern sich noch viele SRler an das große weiße Dekorations-U auf der Halberg-Wiese, auf der heutzutage das Halberg-Open-Air präsentiert wird. Und an den weißen Flügel, auf dem Udo Jürgens Playbacks eingespielt hatte.

Dass dieser sog. „Udo-Flügel“ noch existiert, das ist SR-Bibliothekar Roland Schmitt zu verdanken. Seit 2009 steht der ausrangierte und inzwischen neu gestimmte Konzertflügel in der ehemaligen Grundschule des Saarbrücker Stadtteils Eschringen, die u. a. vom Musikverein „Lyra Eschringen“ für die musikalische Früherziehung genutzt wird.

Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab); Marina Bollig, Mitarbeit: Michael Fürsattel (Archiv), Sven Müller (Archiv), Eva Röder (Gestaltung/Layout), Roland Schmitt (Fotos/Recherche)

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