Wie Hoppelpoppel und Hase Langbein Kinderfunk machten

 

Von Christine Rupp-Kuhl

Eine junge Musik-Studentin des Konservatoriums auf dem Saarbrücker Rotenbühl kommt 1954 zu Radio Saarbrücken ins Funkhaus Wartburg. Es ist Christa Frischkorn (später Heimrich-Frischkorn). Sie entwickelt in den nächsten 20 Jahren im SR eine besondere und vielseitige Kinder- und Musik-Kultur. Für eine ganze Generation von Funk-Kindern war es eine einmalige Chance.

Es war ein Zufall, aber für Christa Heimrich-Frischkorns (geboren am 29. 9. 1931) Lebensweg von großer Bedeutung: Anfang der 50er Jahre unterrichtet die Musikhochschülerin einmal in der Woche die Tochter von SR-Zeitfunkchef Dr. Heinz Dützmann. Er war als Moderator der überaus beliebten Sonntagssendung „Der Bunte Teller“ im Saarland sehr bekannt. Durch diesen Kontakt bekommt Christa Heimrich-Frischkorn die Möglichkeit, eine Probesendung für den Kinderfunk zu produzieren. Das Ergebnis: Sie löst bald die bisherige „Tante Hilde“ ab und moderiert fortan die Kinderstunde gemeinsam mit dem Märchenonkel Werner Jakobi. Am Neujahrstag 1954 geht sie zum ersten Mal als „Tante Christa“ bei Radio Saarbrücken auf Sendung. „Die Spannung war groß, wie die Sendung bei den Hörerkindern ankommen würde“, erinnert sie sich heute. „Aber die Resonanz war dann positiv. Und es gab ja nix außer uns …“

Es muss 1954 in einer von Tante Christas ersten Sendungen gewesen sein, als der Märchenonkel – ich stellte ihn mir mit langem Bart und uralt vor – mit tiefer Stimme aus dem Lautsprecher Kinder aufforderte, mitzumachen und ins Sendestudio zu kommen. Ich wohnte nicht weit und lief spontan zum Funkhaus Wartburg. Beim Pförtner erkundigte ich mich nach dem „Märchenonkel und der Tante“. Ich wartete geduldig bis zum grünen Lichtzeichen neben der Studiotür und trat dann ein. Ab sofort war ich ein Funk-Kind. Keine Ahnung, ob live gesendet wurde oder nicht. Ich war einfach glücklich, schnell ein Teil der Gruppe geworden zu sein, mit allen zu singen, zu sprechen oder zu tanzen. Nun erlebte ich endlich Werner Jakobi ganz persönlich, wenn auch enttäuscht, dass er keinen Bart hatte. Vor allem: Kinder waren um mich herum. Hier war ich nicht mehr einsam, denn als Nachkriegs- und Einzelkind fühlte ich mich oft allein gelassen. Ja, es schien mir ein Schritt ins Paradies gelungen zu sein.

Meine Eltern waren jung, von den Kriegserlebnissen noch geprägt und mit dem Aufbau ihrer Existenz und mit sich selbst beschäftigt. Ich glaube, sie waren glücklich darüber, dass ich in Christa Heimrich-Frischkorn eine Persönlichkeit gefunden hatte, der sie ihr Kind anvertrauen konnten.

„Tante Christa“ gestaltete die Kinderstunde neu. Unterstützt wurde sie dabei von dem innovativen Chef des Kinder-, Jugend- und Schulfunks, Heinrich Kalbfuss, und von Werner Jakobi. Sie verstand es, uns Kinder zu motivieren und zum Sprechen zu bringen. Eine Manuskriptvorlage gab es nun nicht mehr. Die Kinderfunk-Sendungen wurden meist in Studio II oder III der Wartburg vorproduziert. In Studio III wurde auch für die Weihnachtsaufführungen geprobt. Live-Sendungen gab es nur selten. Vor Aufnahmebeginn machte uns Christa Heimrich-Frischkorn „sende-fit“. Es erscheint mir wie ein Stück Kinderfunkgeschichte, die Christa Heimrich-Frischkorn da mit Ihrer Kindergruppe geschrieben hat.

Kinder „der ersten Stunde“ waren u. a. Christel Brand, Jutta Eckler, Annerose Decker, Michael Faust, Wiltrud Födisch, Claudia Herman, Ute Kammerl, Gisela Kühn, Helga Jakobi, Monika Pitz, Poulette Schneider und neben noch vielen anderen Kindern auch ich – Christel Rupp, das „Ruppchen“. Zunächst stellten wir Funkkinder uns noch mit Hasennamen wie Naseweis, Mümmelchen, Springinsfeld, Langohr, Hoppelpoppel oder Wackelbein vor, später waren wir „die Funkkinder“. Meinen Hasennamen habe ich vergessen, wahrscheinlich wurde ich Hoppelpoppel oder Wackelbein genannt.

Szenenbild aus Christa Heimrich-Frischkorns Märchenspiel „Dornröschen“. (Foto: C. Frischkorn/SR)

Auf dem Szenenbild rechts sind zu sehen:
Obere Reihe, von l.: Helga Jakobi (Tochter von Werner Jakobi), Poulette Schneider, Märchenonkel Werner Jakobi, Gisela Kühn, Christa Frischkorn, Jutta Eckler, Wiltrud Födisch; vordere Reihe: kniend Christel Brand (Prinz), stehend Christel Rupp (Dornröschen), weitere unbekannt.

Die Kinderstunde hatte in den 50er Jahren dank Heinrich Kalbfuss einen gut platzierten Sendeplatz am Sonntagnachmittag. Entsprechend groß war die Zuhörerzahl. Viele saarländische Kinder hörten Kinderfunk und es gab eine Menge Hörerpost.
Für mich wurde der Kinderfunk bald zu meinem zweiten Zuhause. Und „Tante Christa“ zu so etwas wie eine Ersatzmutter und später meine Mentorin. Bis heute treffen wir uns von Zeit zu Zeit. Beim gemeinsamen Kramen in Erinnerungen fanden sich kürzlich in Christas großer Materialsammlung von Tonbändern Aufzeichnungen zweier Kinderfunksendungen aus dem Jahr 1958. Sie geben beispielhaft ein interessantes Bild von der Art, wie damals die Sendungen strukturiert und inhaltlich gestaltet waren und machen den Unterschied zu entsprechenden Programmen heute deutlich.

Die Sendungen dauerten jeweils 30 Minuten und waren relativ klar gegliedert. Hier ein Beispiel von 1956: Zuerst erklingt der Kinderchor mit dem Lied „Jeder Spatz auf seinen Platz … ein jeder kennt ein Instrument … und so wird musiziert“. Es folgte die Begrüßung durch ein Funk-Kind mit den Worten: „Hier ist der Saarländische Rundfunk mit seiner Kinderstunde“. Danach setzt der Chor wieder ein mit „da da damdamda …“ Dann begrüßt Christa Frischkorn: „Liebe Hörerkinder, zum letzten Mal in den großen Ferien sagen wir euch recht schönen guten Tag auch … und wenn ich wir sage, meine ich damit die Funkhasen, den Märchenonkel, Kathrin und die Singkinder“.

So hörte sich der im Winterprogrammheft von 1956 beschriebenen SR-Kinderfunk-Sendung an (Quelle Programmheft: SR-Archiv)

Funk-Kind Gisela beglückwünscht die September-Geburtstagskinder mit folgendem Wunsch: „Gesundheit, Glück und Sonnenschein soll immer euch beschieden sein“. Nun folgt ein Ständchen, das Kathrin ausgesucht hat: „Heute lasst uns lustig sein …“

Themen der Sendungen waren z. B. die Jahreszeiten, die Ferien, Feiertage, aber auch Persönliches der Funkkinder wie Geburtstage und Belehrendes wie z. B. Pilze im Wald und ihre Gefahren. Dazu wurden die Kinder von „Tante Christa“ oder dem „Märchenonkel“ nach ihren persönlichen Erlebnissen befragt. Es ist deutlich zu hören, dass die Kinder frei und spontan sprachen und nicht von einem Manuskript ablasen. Die Fragetechnik war allerdings oft etwas „dirigistisch“, so dass die Kinder kaum Chancen hatten, spontane Einfälle zu äußern oder Gefühlen und eigenen Gedanken weiter nachzugehen. Manchmal merkte man ihr Bemühen, eine erwartete Antwort zu finden. Gespräche der Kinder untereinander kamen in den beiden Beispielen nicht vor. Oft wirkten die Dialoge auch wie unter Zeitdruck. Offensichtlich waren klare Zeitbegrenzungen vorgesehen. Belehrende Ausführungen der Moderatorin und des Moderators – im Unterton mit moralisch erhobenem Zeigefinger – waren nicht selten, auch mal mit drastischen Beispielen. O-Ton vom Märchenonkel: „ … und dann kommen solche Fälle vor, wie man sie oft in der Pilzzeit in der Zeitung liest, wo manchmal ganze Familien an Pilzvergiftung sterben … und nicht nur das Sterben ist sehr schlimm, sondern vor allem die wahnsinnigen Schmerzen vorweg … da können auch Lähmungserscheinungen auftreten … also Vorsicht!, wie die Christa eben gesagt hat …“

Sehr viel Platz nahm die Musik ein. Zu jedem Thema und Themenwechsel wurden Lieder angestimmt – a capella oder mit Klavierbegleitung. Es gab auch Flötenbegleitung oder Instrumentalbegleitung als Play Back. Die Kinder waren sehr musikalisch, sangen mit schönen Stimmen und sauberer Intonation. Vor allem strahlten sie eine große Fröhlichkeit aus. Alles in allem war die Kinderstunde eine abwechslungsreiche und ansprechende Sendung. Rund ein halbes Jahrhundert danach klingt sie „etwas brav“: Aber zu ihrer Zeit war sie modern und innovativ – trotz der klaren Abgrenzung zwischen Kindern und dirigierend-belehrender Leitung. Ja, so war das damals. Und sehr schön war’s.

Dank Christa Heimrich-Frischkorns „Pionierarbeit“ als Filmerin entstand eine Reihe von privaten Dokumentationen. Es sind fünf Minuten-Sequenzen von Ballettproben, die sie auf der großen Terrasse des Funkhauses in der Wartburg hobbymäßig gedreht hat. Zu sehen sind posierende Funkkinder mit ihren Ballettübungen am Fenstersims. Das diente als Stütze für die Aufwärmübungen und zur Vorbereitung der Schrittfolge. Eva Schmidt, eine Freundin von Christa, gab Hilfestellung bei der Beinführung. Es folgten Pirouetten, kleine und schnelle Sprünge und die von mir gefürchteten Spagate.

Wir Funkkinder der ersten Jahre waren oft unterwegs, tourten durch das Saarland, spielten Theater, tanzten, musizierten und sangen. Besonders zu Weihnachten waren unsere Auftritte sehr begehrt. Vor allem Vereine baten um Termine. Ob Johannishof oder Kreis-Kulturhaus im Saarbrücker Schloss, alle Spielorte hatten volles Haus. Die Bergwerksdirektion stellte für die Anreise zu den weiter entfernten Auftritten ein „Familienauto“ zur Verfügung. Wir nannten es die „Prairie-Familienkarre“. Zum Gepäck gehörten die Requisiten und ein Koffer voller Kostüme, von Christa Heimrich-Frischkorn eigenhändig genäht. Sie begleitete auch ihre Aufführungen selbst am Klavier.

Manche von uns bekamen sogar kleine Gesangsrollen im Staatstheater Saarbrücken (damals Stadttheater) oder Sprechrollen in Hörspielproduktionen des Saarländischen Rundfunks.

Außer dem vielen Spaß gab’s fürs Mitmachen auch ein Honorar: 400 alte französische Franken. (Bild: C. Rupp-Kuhl)

In einem Artikel der Saarbrücker Allgemeinen Zeitung vom 6. Dezember 1957 wurde von einer besonderen Märchenprobe in Studio III der Wartburg berichtet: Der später als Bass-Bariton international sehr erfolgreiche Sänger Siegmund Nimsgern, damals Gymnasiast und 17 Jahre alt, hatte die Musik zu Christa Heimrich-Frischkorns Märchen „Vom Kasperle, dem Mond und dem verlorenen König“ selbst komponiert und die Probe live am Klavier begleitet.

Wir Kinder waren also viel beschäftigt. Kein Wunder, dass die Schule manchmal zu kurz kam. Aber auch bei Schulproblemen wusste „Tante Christa“ Rat. Sie gab Nachhilfeunterricht in der Wohnung ihrer Eltern.

Die anfangs kleine Gruppe von Kindern zwischen sieben und dreizehn Jahren wurde bald größer. Älter geworden, erlernten die ehemaligen Funkkinder Berufe oder studierten. Von Christa Heimrich-Frischkorns kreativem Einfluss geprägt, zog es einige Funkkinder in den Schul- und Medienbereich. Jutta Eckler zum Beispiel wurde Zeitungsjournalistin und arbeitete später als Redakteurin und Moderatorin beim SR. Gisela Kühn-Zick bekam einen Ausbildungsplatz in den Fernseh-Schneideräumen des SR und ist seither als freie Cutterin gefragt. Michael Faust wurde Kameramann und Regisseur, Claudia Hermann-Caspari wurde Opernsängerin. Ich, das Ruppchen, wurde Lehrerin und Theaterpädagogin.

In ihren Erinnerungen staunt Christa Heimrich-Frischkorn noch heute über das Vertrauen, das ihr auch die Eltern entgegen gebracht haben. Ich wundere mich nicht darüber. So viel pädagogisches Geschick und so viel Förderung unserer Talente und Entwicklung, das war ja nicht nur für uns Kinder ein Glücksfall.

(Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab); Mitarbeit: Michael Fürsattel, Sven Müller, Eva Röder, Roland Schmitt)