Ein Schild mit der Aufschrift: "Andra Tutto Bene" hängt an einem Zaun. (Foto: SR / Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause!" - Teil 2

Sven Rech   15.03.2020 | 12:47 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

Dolce far niente? Lieber nicht!

Dieser Sonntag wird eine harte Prüfung für uns alle. Das Wetter ist schön, frühlingshaft, in der Ferne leuchtet das Meer. Aber niemand darf hin. Die Uferpromenaden von Neapel sind verwaist, in den Gassen ist kein Mensch, denn heute sind – auch das eine Neuerung – die Geschäfte geschlossen, und damit der Vorwand für einen kleinen Spaziergang gestrichen. Wer eine Terrasse oder einen Balkon hat, kann sich glücklich preisen, alle anderen müssen sich mit ein bisschen Sonne am offenen Fenster begnügen.

Blick auf das Meer. (Foto: SR / Sven Rech)

Als Deutscher kann man kaum ermessen, was das für Italiener bedeutet: es sich zuhause "gemütlich" zu machen, ist kein Konzept, das Italiener überzeugt. Hier spielt sich das Leben draußen ab, in der Sonne, auf der Piazza. Das "Dolce far niente", das süße Nichtstun, ist nur ein Klischee der Nordeuropäer.

Solidarität am Fenster

Und darum werden jetzt die offenen Fenster, die Balkone, die Terrassen zur Piazza: schon ist es zur kleinen Gewohnheit geworden, sich landesweit für eine bestimmte Uhrzeit zu verabreden – um zum Aperitiv gemeinsam zu singen, sich abends mit Kerzen und Taschenlampen buonanotte zu wünschen oder – wie gestern Mittag – um den Ärztinnen und Ärzten, den Schwestern, Pflegern und Sanitätern zu applaudieren für ihren unermüdlichen Einsatz im Kampf gegen die unheimliche Krankheit.

Blick auf Balkone in der italienischen Stadt Neapel. (Foto: SR / Sven Rech)

Heute, am Sonntagmittag, zählt man über 21.000 bestätigte Infektionen in Italien. Die Regierung rechnet aber mit bis zu 90.000 Infizierten bis Ende April. Im Norden Italiens sind schon jetzt zu wenig Betten vorhanden, die Belegschaften der Krankenhäuser arbeiten in Doppelschichten, viele infizieren sich dabei, einige sterben – zuletzt sogar ein 46-jähriger Mitarbeiter einer Notrufzentrale in Bergamo. Und ein ganzes Land steht schweigend und ergriffen am Fenster und klatscht ihnen Beifall zum Dank.

Corona-Tagebuch von Sven Rech
"Bleiben Sie zuhause!" - Teil 1

Zur gleichen Zeit lese ich in den Nachrichten aus dem Saarland, dass man nun doch erwäge, das Krankenhaus in Lebach wegen der Coronakrise erst später zu schließen. Die Klinik, lese ich, habe sich in den letzten Jahren nicht rentiert. Wann, bitte, rentiert sich denn ein Krankenhaus? Wenn es ein Leben rettet? Zehn? Hundert? Tausend?

Diese Krise bringt uns hoffentlich alle dazu, wieder über Werte nachzudenken und nicht nur über Preise.

Erste Therapieerfolge

So aussichtslos der Kampf gegen das Virus auch scheint: der kleine Hoffnungsschimmer aus Neapel leuchtet ein bisschen kräftiger. Der Leiter Abteilung für Onkologie und innovative Therapien der Klinik Pascale in Neapel, Paolo Ascierto, sieht seine Erfolge mit einem Rheuma-Medikament von anderen Kliniken in Italien bestätigt. Auch dort konnten mehrere Patienten mit schweren Lungenentzündungen, die durch Covid-19 hervorgerufen waren, binnen weniger Stunden therapiert werden, so dass eine künstliche Beatmung nicht mehr nötig ist.

Ascierto dämpft aber allzu große Erwartungen: es dauere mindestens noch eine Woche, bis man eine wissenschaftlich vertretbare Datenlage habe, um das Medikament flächendeckend zum Einsatz zu bringen.

Darum kann auch an dieser Stelle nichts Konkreteres zu dem Wirkstoff gesagt werden – einige Leser fragten schon danach. Wir halten Sie aber auf dem Laufenden!

Kleines Glück

Draußen läuten die Kirchenglocken, die sonst die Gläubigen zum Gottesdienst rufen. Aber auch die sind derzeit abgesagt – nicht einmal Trauerfeiern sind erlaubt. Auf dem Kirchendach wundern sich die Möwen, wo denn die Menschen alle abgeblieben sind. Ob es ihnen auch langsam unheimlich wird?

Möwen sitzen in Neapel auf einem Hausdach. (Foto: SR / Sven Rech)

Der derzeit glücklichste Mensch in Italien dürfte unser neuer Nachbar sein. Er lebt seit letzten Sommer in der Wohnung schräg gegenüber und hat vor zwei Wochen die dazugehörige Terrasse für sich entdeckt. Er lernt nämlich gerade laufen. Und seit einer Woche sind Papa und Mama den ganzen Tag zu Hause! Das Leben ist schön.

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