Sven Rech - Corona-Tagebuch Teil 4 (Foto: Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause!" - Teil 4

Schaut nach Italien!

Sven Rech   19.03.2020 | 14:41 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

La prima cosa bella: So heißt eine Rubrik in der italienischen Tageszeitung "La Repubblicca". Wenn ich morgens – meine erste Handlung noch vor dem Kaffeekochen – die Internetseite der Zeitung aufrufe, ist es der erste Text, der mir angeboten wird – übrigens nicht erst seit der Coronakrise. "La prima cosa bella" handelt stets von etwas Schönem, Heiteren, Erfreulichen: una cosa bella. So beginnt der Tag mit einem Lächeln, ehe die Katastrophenmeldungen auf einen einstürzen.

Gestern, am Tag zehn des Ausnahmezustands, bestand die Rubrik aus einer Liste der verloren gegangenen Dinge: Dass man früher einmal verzweifelte, weil es im Supermarkt keine Nutella-Biscuits gab. Dass man wegen ein bisschen erhöhter Temperatur nicht zuhause bleiben durfte. Dass man um Mitternacht noch um die Häuser zog. Dass man das Programm wechselte, wenn der Ministerpräsident im Fernsehen sprach. Eine schöne, sorgenlose Zeit. Lange her…

Sven Rech - Corona-Tagebuch Teil 4 (Foto: Sven Rech)

Die Stunde der Unpopulisten

In diesen Tagen lässt man alles stehen und liegen, wenn Giuseppe Conte auf dem Bildschirm erscheint. Oder Angela Merkel. Beide galten sie bisher als spröde Verwalter der Politik, als blasse Bürokraten, so langweilig, dass selbst die Kabarettisten es bald aufgaben, sie aufs Korn zu nehmen. Jetzt erweist sich genau das als Stärke. Die Physikerin Merkel, der Jurist Conte fallen jetzt als Politiker auf, deren Führungsqualitäten sich aus intellektueller Kompetenz speisen und nicht aus medialer Dauerpräsenz.

Corona-Tagebuch von Sven Rech
"Bleiben Sie zuhause!" - Teil 3

Man mag sich kaum vorstellen, wie sich ein Twitter-Tribun wie Salvini – der sich im Sommer ja beinah in Italien an die Macht gemogelt hatte, im letzten Moment aber von einem kühl und besonnen agierenden Conte aufgehalten wurde – wie sich ein solcher Populist an der Spitze einer Regierung verhalten würde, die lauter unpopuläre Entscheidungen treffen muss. In den USA, Großbritannien und Brasilien ist ja derzeit zu besichtigen, wohin es führt, wenn der Regierungschef nur Umfrageergebnisse, aber keine wissenschaftlichen Dossiers zu lesen imstande ist.

"Bleiben Sie zuhause!" sagt nun auch die deutsche Bundeskanzlerin. Ihr Ton ist eindringlich, aber nicht autoritär. Die Demokratie wird nicht abgeschafft oder auch nur ausgesetzt – im Gegenteil: mehr denn je kommt es jetzt auf jeden einzelnen an.

"Verdammt nochmal!"

Vor drei Tagen – da war ich zum letzten Mal einkaufen – brausten zwei Carabinieri auf schweren Motorrädern zum Fischladen und trieben Kunden und Fischhändler auseinander, die allzu dicht beieinander standen. Schließlich will man ja auch sehen, ob der Fisch in Ordnung ist, ob es frische Muscheln gibt, will hören, ob es dem Fischhändler gut geht, man muss bezahlen und das Wechselgeld und die Fischtüte entgegennehmen. Lauter normale Vorgänge, die jedem in Fleisch und Blut übergegangen sind – und die jetzt per Dekret verboten sind. "Abstand halten!" brüllt der Polizist. Und fügt etwas hinzu, was man freundlich mit "Verdammt nochmal" übersetzen könnte.

Die Nerven der Ordnungskräfte liegen langsam blank. Schon gibt es tausende von Anzeigen gegen Menschen, die sich nicht an die Anordnungen halten. In den sozialen Netzwerken werden die fröhlichen Videos von den Balkonkonzerten langsam abgelöst von erschöpften und entnervten Bürgermeistern, die ihre Gemeinden anbrüllen: "Andrà tutto bene? Alles wird gut? Wie soll alles gut werden, wenn ihr dreimal am Tag das Haus verlasst um einzukaufen? Wenn sich die Hundebesitzer auf der Straße zum Schwätzchen verabreden? Wenn sich Nachbarn noch gegenseitig zum Abendessen einladen und junge Leute Corona-Partys feiern? Bleibt endlich zuhause!" schreit der Bürgermeister einer kleinen sizilianischen Gemeinde in seine Facebook-Kamera. Das Video ging viral – falls man das heute noch sagen darf.

In einem anderen viel geteilten Video ist zu sehen, wie ein Mann in Bergamo durch die Todesanzeigen in der Tageszeitung blättert. In der Ausgabe von letzter Woche: etwas mehr als eine Seite. Dann sieben Tage später: zehn Seiten. "Eine einfache Grippe", sagt der Mann bitter. "Grazie!"

Nach der Pest

Von unserer Terrasse aus erscheint das Stückchen Stadt, das wir sehen, immer unwirklicher. Die Stille wird nur hin und wieder unterbrochen von einem einzelnen Ruf aus irgendeinem Fenster, von einem fernen Motorengeräusch, das rasch verschwindet, von raschen widerhallenden Schritten auf dem Pflaster, vom Flattern einer Möwe.

Der Glockenturm gegenüber stammt aus dem 14. Jahrhundert. Er hat die Pest in Neapel wüten gesehen, die Cholera, mehrere Vulkanausbrüche und viele Kriege. Er steht noch immer, und seine Glocken werden täglich geläutet. Una cosa bella.


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