Möwen sitzen in Neapel auf einem Hausdach. (Foto: SR / Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause!" - Teil 5

Schaut nach Italien!

Sven Rech   24.03.2020 | 08:50 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

„L’AMORE NON SI FERMA“

Auch wenn das ganze Land zum Stillstand gezwungen ist - die Liebe bleibt nicht stehen, verkünden Anna und Salvatore aus San Sebastiano, einer kleinen Gemeinde am Fuße des Vesuvs. Dort haben die beiden letzten Donnerstag geheiratet, draußen vor der Tür des Standesamtes. Die Braut trug ein taubenblaues Tailleur-Kostüm mit azurfarbenen Gummihandschuhen zur Gesichtsmaske, der Bräutigam Sakko und Turnschuhe. Von der anderen Seite des Vorhofs verlas ihnen die Standesbeamtin ihre Rechte, dann fuhren die Frischvermählten wieder nach Hause – jeder zu sich, sie wohnen in unterschiedlichen Gemeinden. Auf die Hochzeitsnacht werden sie noch einige Zeit warten müssen.

DIE LIEBE IN ZEITEN VON CORONA

Ein anderes Brautpaar aus Neapel hat es sogar in den „Spiegel“ geschafft. In der Online-Ausgabe sieht man Diego und Deni beim keimfreien Hochzeitskuss – die Gesichtsmasken frisch gewaschen und gebügelt.

Was der „Spiegel“ nicht verrät: die beiden wurden kurz danach mit ihren beiden Trauzeugen von der Polizei an der Uferpromenade dabei erwischt, wie sie das machten, was alle Brautpaare machen: Fotos vor der atemberaubend schönen Kulisse mit blauem Meer, der Insel Capri und dem Vesuv im Hintergrund.

Das Wort „atemberaubend“ hat in diesen Tagen allerdings einen schalen Beigeschmack, und wenn einer tut, was allen verboten ist, dann wird das – in Neapel ist das sonst nicht so üblich – streng bestraft: die beiden müssen mit einer hohen Geldbuße rechnen.

SHITSTORM STATT APPLAUS

Tatsächlich ist die öffentliche Empörung über solche kleinen Fluchten sogar in Neapel zur Zeit erstaunlich deutlich. Am Sonntag brüstete sich ein prominenter Neapolitaner damit, die Stadt „endlich mal für sich allein zu haben“ und schilderte im Netz wortreich seine freie Fahrt durch die leeren Straßen. Der Shitstorm, den er damit erntete, fiel noch drastischer aus als der Strafzettel, den er obendrein bekam.

In einer Stadt, in der sich sonst niemand um rote Ampeln oder die Richtung einer Einbahnstraße schert, herrscht plötzlich eine Law-and-Order-Mentalität wie im gehorsamsten Musterländle.

ABSCHIED NEHMEN PER TELEFON

Denn die Angst sitzt tief, und sie erfasst langsam auch die, die sich bisher nicht betroffen fühlten. Wie auch nicht: das ganze Land, die ganze Welt musste am Wochenende mitansehen, wie in Bergamo die Särge mit Militärlastwagen zum Friedhof gefahren wurden. Achthundert Tote an einem Tag. Achthundert Familien, die ihre Angehörigen nicht einmal auf ihrem letzten Weg begleiten dürfen – weil die Ansteckungsgefahr zu groß wäre. Ein Priester berichtet, dass er Trauerfeiern über das Telefon abhalten muss.

 (Foto: SR)

In Neapel gibt es einen alten Friedhof, auf dem die Schädel und Gebeine der Pestopfer von 1656 ruhen. Damals starben bis zu 1500 Menschen an einem Tag. Die Friedhöfe waren überfüllt, die neuen Toten wurden anonym und mehr als notdürftig bestattet. Später übernahmen fromme Neapolitaner Patenschaften für die namenlosen Schädel, errichteten ihnen kleine Schreine, gaben ihnen Kosenamen, beteten für ihre Seelenheil. Der Kult hat sich bis heute erhalten. Für mich war der Ort bisher nur ein schaurig-schöner Gang durch eine längst versunkene Epoche. Nach der Corona-Krise werde ich wieder hingehen – und mich bei den Schädeln entschuldigen.

GEHT ES WIEDER AUFWÄRTS?

Einstweilen gibt es auch gute Nachrichten: Die Methode des Krebsforschers Ascierto aus Neapel, das Lungenversagen einiger Coronapatienten mit einem Rheumamittel zu behandeln, soll jetzt schnell und flächendeckend getestet werden. Die ersten so behandelten Patienten können schon wieder selbständig atmen. Die Zahl der Neuinfektionen und der Todesfälle nimmt langsam ab. Die harten Maßnahmen, die der Bevölkerung zumuten, sogar auf Trauerfeiern und Hochzeiten zu verzichten, scheinen langsam Wirkung zu zeigen.

Und ganz nebenbei erwischt die Polizei nicht nur allzu sorglose Brautpaare, sondern auch richtig schwere Jungs. So hatte in Kalabrien eine Polizeistreife dank der Ausgangssperre ungewöhnliche Fahrzeugbewegungen bei einem einsamen Gehöft bemerkt. Filmreif umzingelte die Polizei daraufhin das Gebäude, brach die Tür auf und konnte einen lang gesuchten Boss der kalabrischen Mafia N’drangheta festnehmen.

Ich bin trotzdem froh, wenn ich wieder gegen die Einbahnstraßen durch Neapel fahren kann.


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