Eine Statue vor der ein Plakat hängt mit der Aufschrift "L'amore vince su tutto" (Foto: SR/Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause!" - Teil 3

Schaut nach Italien!

Sven Rech   17.03.2020 | 12:58 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum (unfreiwilligen) Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

SR-Reporter Sven Rech auf seiner Terrasse in Neapel. (Foto: Sven Rech/SR)
SR-Reporter Sven Rech auf seiner Terrasse in Neapel.

Die erste Woche ist geschafft. Seit acht Tagen leben wir, lebt ganz Italien mit der Ausgangssperre, mit dem Versammlungsverbot, mit geschlossenen Kinos, Theatern, Fußballstadien, ohne Restaurants, Bars, Cafés, ferngehalten von den Straßen und Plätzen, von den Uferpromenaden und Stadtparks, nicht einmal am Strand darf man spazieren gehen.

Und doch ist alles ruhig geblieben. Selbst in einer Stadt wie Neapel, die stolz ist auf ihre Anarchie, deren Bewohner normalerweise auf Regeln, Verordnungen und Gesetze pfeifen und ihren Umgang miteinander lieber spontan organisieren – selbst hier bleiben die meisten brav zu Hause und gehen nur mal eben schnell den erlaubten Weg zum Bäcker, Fischladen oder Gemüsehändler. Von Meuterei keine Spur.

Erste Therapieerfolge - ein Hoffnungsschimmer

Jetzt sollen alle diese Maßnahmen auch in Deutschland kommen. In den selben Etappen, wie wir sie hier erlebt haben: Restaurants und Kneipen, höre ich beispielsweise, dürfen zwischen 6.00 und 18.00 Uhr geöffnet bleiben – dieselbe Regel galt zunächst auch in Italien. Zwei Tage später wurden Restaurants und Bars dann komplett geschlossen.

Die saarländischen Ärzte, so lese ich, haben dieses zögerliche Vorgehen kritisiert. Für „Trippelschritte“ habe man keine Zeit. Das ist vermutlich mehr als richtig. Jetzt komme es darauf an, dass alle mitmachen und auf Distanz gehen – das sagt auch der Arzt Paolo Ascierto von der Klinik Pascale in Neapel.

Er hat – wie berichtet – erste Erfolge in der Behandlung der schweren Lungenentzündung erzielt, die in einigen Fällen durch das Coronavirus hervorgerufen wird und dann oft tödlich endet. Gestern hatte ich Gelegenheit, mit ihm persönlich zu sprechen. Seine Therapieerfolge nennt er „eine vorsichtige Hoffnung“ für die ganz schweren Fälle, nicht mehr. Darum lautet sein Rat an die Deutschen: Bleiben Sie möglichst zuhause!

Schreck, lass nach!

Die erste Woche ist geschafft. Eine Woche, die wir hier in Italien den Deutschen voraus haben. Was ist daraus zu lernen?

Vielleicht dieses: Der erste Schreck ist bald überwunden. Es wurden anfangs viele Fehler gemacht, von Politikern, Behörden, Institutionen - aber vor allem von einzelnen Menschen. Wer konnte, sprang noch schnell in Mailand in einen Zug nach Süden – und viele brachten dabei leider auch das Virus mit. Was menschlich verständlich ist – der Fluchtreflex - ist für die Allgemeinheit höchst gefährlich.

Und doch ist eine kollektive Panik ausgeblieben. Es wurde – anders als in einschlägigen Hollywoodfilmen - niemand gesteinigt und niemand erschossen. Die Neapolitaner, die ich täglich erlebe, bleiben auch jetzt stets höflich und hilfsbereit, und ein freundliches Lächeln erkennt man auch unter einer Gesichtsmaske. Auch das hilft dem Immunsystem – dem persönlichen wie dem kollektiven.

Unter der Statue des italienischen Nationaldichters Dante hat jemand ein Transparent aufgehängt: l’amore vince su tutto – Die Liebe siegt über alles!

Eine Statue vor der ein Plakat hängt mit der Aufschrift "L'amore vince su tutto" (Foto: SR/Sven Rech)

Das Leben. Ein Film.

Die erste Woche ist geschafft. Die erste Woche von wie vielen? Vor genau zwei Monaten sah man beim Saarbrücker Max-Ophüls-Festival (bei dem sich über 40.000 Menschen dicht an dicht in den Kinos drängten! Man kann es sich kaum noch vorstellen!) einen Science-Fiction-Film, der eine Gesellschaft im Ausnahmezustand durchdeklinierte: „Live“ von Lisa Charlotte Friedrich.

In dem fiktionalen Staat im Film herrscht ein absolutes Versammlungsverbot. Die Straßen sind leergefegt, die Leute kommunizieren nur noch über Computer und Handys miteinander. Komische Idee, dachte ich vor zwei Monaten: Wie kommt man denn auf so was? Konzerte finden in diesem Film ohne Publikum statt, jeder hört für sich alleine zu. Und jeder Musiker spielt für sich allein.  Irre, dachte ich. Vor zwei Monaten.

Konzerte auf der Couch

Fast hätte ich empfohlen: „Schauen Sie sich diesen Film an, gehen Sie ins Kino!“ Aber nein: machen Sie es wie die Italiener. Bleiben Sie zuhause!

Und gehen Sie – wie die Menschen im Film - dort ins Konzert. Hier zum Beispiel: http://video.repubblica.it/dossier/coronavirus-wuhan-2020/coronavirus-un-tango-dai-balconi-che-vale-come-un-abbraccio-la-performance-in-rete-di-12-artisti/355965/356532

Wir freuen uns schon auf die nächste Woche.


Aktuelle Informationen zum Coronavirus

Aktuelle Infos
Alle Nachrichten rund um das Coronavirus im Saarland
In unserem Dossier informieren wir Sie über aktuelle Nachrichten rund um das Coronavirus im Saarland und der Grenzregion.

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja