Ein Foto von einem Strand (Foto: SR/Sven Rech)

"Bleiben Sie zuhause" - Teil 12

Urlaub auf Ischia

Sven Rech   22.04.2020 | 17:39 Uhr

SR-Reporter Sven Rech hat seit 2010 Neapel zu seiner zweiten Heimat erkoren. Das macht ihn jetzt zum Korrespondenten aus einem Krisengebiet. Doch die Italiener machen sich gegenseitig Hoffnung.

Seit drei Tagen regnet es in Neapel in Strömen. Darüber freuen sich die Pflanzen, und es wird die vielen Betreiber von Strandbädern ein wenig trösten: Bei dem Wetter hätten sie eh keinen Umsatz gemacht. Denn eigentlich hat an Ostern die Badesaison begonnen. Auch im Thermalpark "Poseidon" auf der Insel Ischia.

"Der Park ist zwar wunderschön, aber verwaist", sagt die Leiterin der Anlage, die Deutsche Lucia Beringer am Telefon. Der Thermalpark "Poseidon" wurde vor gut einem halben Jahrhundert von einem deutschen Arzt gegründet und war ein Novum in der Geschichte der Thermen von Ischia.

Seit über zweitausend Jahren nutzen die Menschen dort die natürlichen Heilkräfte der Thermalquellen aus dem vulkanischen Inneren der Insel – aber im "Poseidon" wurden erstmals große Schwimmbecken mit unterschiedlichen Temperaturen inmitten eines blühenden Gartens angelegt: ein Paradies für Körper und Seele. Wer will, erfrischt sich am Ende der Kur noch mit einem Bad im Meer. Der Park wechselte zwar öfters den Besitzer, blieb aber stets in deutscher beziehungsweise bayrischer Hand.

"Schwierig!"

Die resolute Lucia Beringer aus München führt das Unternehmen seit nunmehr 13 Jahren. Und zum ersten Mal weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Das Wort "schwierig" fällt in unserem Gespräch beinah in jedem Satz. Schwierig sei es, die Lage überhaupt richtig einzuschätzen: Ob und wann eine Lockerung der Maßnahmen kommen wird. Und wenn sie kommt, wie man dann einen Badebetrieb corona-konform organisieren soll. "Das fängt ja schon mit dem Handlauf ins Becken an – wie sollen wir den ständig desinfizieren? Schwierig!"

Aber noch ist gar nicht klar, ob überhaupt Badegäste kommen werden. Mit deutschen Touristen – das Hauptklientel der Insel Ischia, allen voran Angela Merkel – rechnet Lucia Beringer in diesem Jahr erst gar nicht. Aber selbst innerhalb Italiens ist das Reisen derzeit beinah unmöglich. Wer sich von einer Region in die andere begibt, muss mit 14 Tagen Quarantäne rechnen. Schwierig.

Schwierig ist auch die Situation ihrer Mitarbeiter. Die 30 Festangestellten des "Poseidon" machen derzeit Kurzarbeit. Die 120 Saisonkräfte haben erstmal gar keine Perspektive. Arbeitslosengeld gibt es in Italien nur für drei Monate. Danach: nichts. So geht es rund 80 Prozent der Arbeitnehmer auf Ischia. Fast alle arbeiten hier im Tourismus, fast alle in Saisonverträgen. Wie soll das gehen, in den nächsten Wochen, Monaten? Schwierig? "Katastrophal", sagt Lucia Beringer.

Nach dem Sturm

Je näher man hinschaut, umso schwindliger wird einem bei all den Kollateralschäden der Coronakrise. Der italienische Staat wird unvorstellbare Summen aufbringen müssen, um seine Bürger vor dem totalen Ruin zu bewahren. Währenddessen höre ich aus Deutschland empörte Stimmen, wieso die italienische Regierung den Sofortkredit von 39 Milliarden ausgeschlagen habe.

Dazu ein kleines Beispiel: Zwei Nachbarn treten nach einem Sturm auf die Straße und schauen sich die Schäden an. Bei dem einen hat der Sturm das halbe Dach abgerissen. 1000 Euro wird die Reparatur kosten. Schmerzlich, aber machbar. Man wird zwar einen Kredit aufnehmen müssen, aber das ist kein Problem: Nachbar Nummer 1 steht ansonsten finanziell gut da – unter anderem deswegen, weil die Großeltern von Nummer 2 seinen Großeltern vor vielen Jahren auf die Beine geholfen hat, als schon einmal alles in Trümmern lag.

Nachbar Nummer 2 hingegen hat von seinen Eltern viele Schulden geerbt. Er selbst verdient nicht schlecht, fast so gut wie Nachbar Nummer 1 – aber die Zinsen erdrücken ihn fast. Der Sturm hat bei ihm nicht nur das Dach abgedeckt, sondern ganze Gebäudeteile abgerissen. Sogar die Pizzeria im Erdgeschoss ist demoliert. Es herrscht Einsturzgefahr.

Nachbar Nummer 1 hat großes Mitleid mit Nachbar Nummer 2. Er wird ihm – ist doch klar! – mit allen anderen Hausbesitzern in der Straße beistehen. Zusammen haben sie 39 Euro gesammelt, die sie ihm großzügig auf den Tisch legen.

"Aber gib nicht gleich alles auf einmal aus!", sagt Nachbar Nummer 1 auf seine väterliche Art. Und ärgert sich, dass Nachbar Nummer 2 das Geld nicht will und laut darüber nachdenkt, ganz woanders hin zu ziehen. Wo, bitte, soll Nummer 1 dann seine Pizza herbekommen?

Schon darum ist es wichtig, dass die europäischen Staaten jetzt gemeinsam Geld beschaffen, indem sie alle zusammen zur Bank gehen – als eine Gemeinschaft von Hausbesitzern, deren Großeltern schon gemerkt haben, dass alles für alle viel besser läuft, wenn man gemeinsame Sache macht.

Dann kann auch Angela Merkel bald wieder Urlaub auf Ischia machen.


Aktuelle Informationen zum Coronavirus

Aktuelle Infos
Alle Nachrichten rund um das Coronavirus im Saarland
In unserem Dossier informieren wir Sie über aktuelle Nachrichten rund um das Coronavirus im Saarland und der Grenzregion.

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja